Vom 15. bis am 17. Mai finden die Solothurner Literaturtage statt. Vier Tipps aus der SRF-Literaturredaktion für einen gelungenen Besuch.
1. Europäischer Erzähler: Dimitré Dinev
Mit seinem aktuellen Roman «Zeit der Mutigen» schafft der österreichisch-bulgarische Schriftsteller Dimitré Dinev etwas, was es nur selten gibt: ein Werk, das nicht nur die üblichen zwei- bis dreihundert Seiten aufweist, sondern gleich deren 1140. Mit einer Entstehungszeit von 13 Jahren erreicht der Roman darüber hinaus eine Tiefe und Dringlichkeit, die ihresgleichen sucht.
In seinem gekonnt komponierten und sprachlich versierten Werk erkundet Dinev die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert und die zentralen Fragen des Lebens. Was macht den Menschen aus? Wie durchlebt und übersteht er Unterdrückung und Gewalt? Und wie schafft er es, trotz allem wieder zu hoffen und zu lieben?
2. Entdeckung aus dem Bündnerland: Gianna Olinda Cadonau
Gianna Olinda Cadonau ist Mitglied der Kultururkommissionen des Kanton Graubünden und der Stadt Chur. Ausserdem ist sie bei der «Lia Rumantscha» als Kulturförderin tätig. Jetzt präsentiert die Autorin einen Kurzgeschichtenband von grosser Qualität.
Ein kleiner Hund, der zwei Menschen zusammenbringt, die sich ohne ihn nicht kennengelernt hätten. Ein Junge, der zwanghaft Gullydeckel und Parkuhren zählt und seinem gewalttätigen Vater ausgeliefert ist. Ein Mädchen, das Devi heisst und trotzdem Dina genannt wird. Eindrücklich und einnehmend erzählt Cadonau vom Fremden und Anderssein, von Zugehörigkeit und Freundschaft und überzeugt durch atmosphärische Dichte.
3. Satirische Opposition: Sasha Filipenko
Der belarussische Schriftsteller Sasha Filipenko präsentiert mit dem Roman «Die Elefanten» eine politische Satire, die auch als Allegorie über Komplizenschaft, Schuld und die Normalisierung des Ausnahmezustands gelesen werden kann.
Eines Morgens stehen plötzlich überall Elefanten herum. In den Wohnungen und in der Stadt. Doch statt mit Widerstand reagiert die Gesellschaft mit Gewöhnung, Bürokratie und Schweigen. Nur einer nicht. Ein Stand-up-Comedian fordert die Leute auf, sich der Realität zu stellen, und riskiert damit seine Arbeit, sein Leben, seine Liebe. Ein Roman über Macht und Angst und über zivile Verantwortung.
4. Das späte Romandebüt: Katja Früh
Schliesslich kommt eine bekannte und erfolgreiche Autorin nach Solothurn, tritt aber trotzdem als Debütantin auf. Denn die Regisseurin, Drehbuchautorin, Dramatikerin und Kolumnistin präsentiert hier ihren ersten Roman.
In «Vielleicht ist die Liebe so» beschreibt Katja Früh die heikle Beziehung einer Tochter zu ihrer alternden Mutter. Die hat nämlich beschlossen, mittels Sterbehilfe aus dem Leben zu scheiden, und nötigt die Tochter nun, ihr bei den Sterbevorbereitungen zu helfen. Der Roman zeigt, was narzisstische Mütter auslösen können, und stellt darüber hinaus die Frage, ob man Sterbehilfe in Anspruch nehmen darf, nur weil man nicht alt werden will.