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Neuer Roman «Grüne Welle» Was hat er ihr angetan? – diese Frage fährt immer mit

Die deutsche Autorin Esther Schüttpelz umkreist in «Grüne Welle» das Thema häusliche Gewalt.

Es ist später Abend. Nach einem Kinobesuch mit einer Freundin steigt eine Frau in ihr Auto, um nach Hause zu fahren. Wegen einer Baustelle verpasst sie die richtige Auffahrt. Doch statt umzukehren, fährt sie weiter, immer tiefer in die Nacht hinein.

So beginnt Esther Schüttpelz’ zweiter Roman «Grüne Welle». Die Idee entstand aus einem ähnlichen Erlebnis der Autorin: Nach einem Kinobesuch verpasste auch sie die Ausfahrt. «Es wurde ein bisschen gruselig», erinnert sich Schüttpelz, «und ich habe mich gefragt: Was wäre, wenn alle Ampeln einfach grün blieben?»

Spuren von Gewalt

Aus diesem Gedanken entwickelt sie die Geschichte einer namenlosen Frau, die in ihrem metallic-blauen Golf ziellos irgendwo durch Deutschland fährt.

Aber «Grüne Welle» ist kein klassisches Roadmovie. Vielmehr legt der Roman Spuren einer problematischen Beziehung frei, vielleicht auch von häuslicher Gewalt.

Verschwommene Sicht einer Person beim nächtlichen Autofahren.
Legende: Auf der Autofahrt wälzt die Frau Gedanken: «Bin ich etwa selbst Schuld?» Getty Images/Andy Sacks

Zuhause wartet der Ehemann. Ein Anruf wäre längst fällig gewesen, doch der Handyakku ist leer. Aber noch etwas anderes hält die Protagonistin zurück: Zwischen den Zeilen verdichtet sich der Verdacht, dass von ihrem Mann eine Bedrohung ausgeht.

Die Überforderung der Frau komprimiert Schüttpelz auf eine knapp 24-stündige Autofahrt. «Es sind Gefühle, die sich normalerweise über Monate oder Jahre entwickeln», sagt die Autorin. «Inklusive Gedanken wie: Soll ich nicht zurückkehren? Bin ich verantwortlich? Trage ich selbst Schuld?»

Was stimmt hier eigentlich?

Die Autofahrerin reflektiert ihr Leben in teils widersprüchlichen Gedankenschleifen, aber sie redet nicht Tacheles. Was genau ihr Mann getan hat, bleibt unausgesprochen. Oder ist überhaupt etwas geschehen? Wie zuverlässig sind die Gedanken dieser Frau im Ausnahmezustand?

Diese Unsicherheiten spiegelt ein zweiter Erzählstrang, der unter anderem zum Ehemann führt. Ihm verleiht die Autorin eine unerwartet charmante Seite. «Ich wollte kein Monster zeichnen», so Schüttpelz. «Man muss ja keinen Psychopathen suchen, um einen gewalttätigen Mann zu finden.»

Literatur statt Aktivismus

Gewalt erscheint in «Grüne Welle» als Andeutung: «Ich glaube, so fühlt es sich in der Realität oft an», sagt die Autorin, «auch im Umfeld: Man ahnt, dass etwas nicht stimmt, aber weiss nicht genau was.»

Wäre es aber nicht angebracht, Gewalt klar zu benennen, um das Tabu zu brechen? Schüttpelz, die auch Juristin ist, antwortet überlegt: «Als Privatperson habe ich solche Ambitionen – als Schriftstellerin hingegen gar nicht.»

Hilfe bei häuslicher Gewalt

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Hilfe bei Gewalt: Telefonnummer 142
Legende: PD

Menschen, die physische, psychische oder sexuelle Gewalt erfahren haben, erhalten unter der Nummer 142 Hilfe. Dieses Angebot der Opferhilfe Schweiz ist kostenlos und anonym. Das Angebot richtet sich auch an Angehörige von betroffenen Personen.

Die Nummer 142 ist keine Notrufnummer. Bei Gefahr gilt es weiterhin, die Polizei oder Rettungskräfte zu kontaktieren. Weitere Informationen: www.opferhilfe-schweiz.ch

Es freue sie, wenn ihr Roman Verständnis für Gewaltbetroffene wecke, aber das sei nicht ihr Ziel: «Mein Anspruch ist es, Sprachlosigkeit und Uneindeutigkeiten darzustellen, die häusliche Gewalt oft begleitet.» Künstlerische Erfüllung finde sie dort, wo Sprache und Inhalt in ein stimmiges Verhältnis treten.

Totes Reh und blaue Flecken

Ihre Geschichte treibt Schüttpelz mit unerwarteten Ereignissen voran: In der Morgendämmerung springt ein Reh vor das Auto der Protagonistin, die das tote Tier kurzerhand im Kofferraum verstaut.

Buchhinweis

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Esther Schüttpelz: «Grüne Welle». Diogenes, 2026.

Später nimmt sie zwei Anhalterinnen mit und spricht mit ihnen über feministische Ideale, die in ihrem Leben längst verblasst sind. Als jedoch eine der beiden die blauen Flecken an ihrem Unterarm bemerkt, endet die gemeinsame Fahrt abrupt.

Am Ende ist die Frau wieder allein unterwegs in ihrem metallic-blauen Golf. Bis zuletzt fährt unausgesprochen die Frage mit, ob sie in ihr altes Leben zurückkehrt oder nicht.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 22.5.2026, 07:06 Uhr.

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