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Roman über ADHS Die Chancen des Wildwuchses im Denken

Birgit Birnbachers neues Buch «Sie wollen uns erzählen» handelt von einem Jungen, der nicht ins System passt – und beginnt mit einer kleinen Katastrophe.

Ozzy ist neun Jahre alt und hat ADHS. In der Schule passt er nicht rein. Er stört das Funktionieren der Abläufe. Er versteht auch nicht, warum er gezwungen wird, über Dinge nachzudenken, die ihn nicht interessieren. Und er versteht nicht, warum die Dinge, mit denen er sich gerne auseinandersetzt, in der Schule keine Rolle spielen.

Und dann passiert auch noch etwas Schlimmes, an dem er wieder schuld sein soll. Dabei ist nicht er derjenige gewesen, der die Türe des Kaninchenstalls offengelassen hat, als der Schulwart mit dem Rasenmäher vorbeikam. Jedenfalls nicht er allein. Trotzdem trägt er nun den Brief der Lehrerin nach Hause, in dem die Sache mit dem Kaninchen drinsteht, was die Mutter sicher wieder zur Weissglut treibt.

Spielregeln und Sorgen

Mit dieser kleinen Katastrophe beginnt der neue Roman der österreichischen Schriftstellerin und Bachmannpreisträgerin Birgit Birnbacher. Ganz nah und mit ständig wechselnder Perspektive erzählt sie von Ozzy, der sich nicht an die Spielregeln halten kann, die andere für ihn aufgestellt haben, und immer mehr zum Problemfall wird. Von Ozzys Mutter Ann, die mit immer grösserer Sorge feststellt, wie ähnlich sie selbst ihrem Kind ist. Und von Anns Mutter Zäzilia, die ein Leben lang als «wilde Frau» gegolten hat, und jetzt irgendwo im Innergebirge verschwindet. Offenbar auf der Suche nach ihrem alten Haus in den Bergen.

Die kleinen Katastrophen im Leben mit ADHS kombiniert Birgit Birnbacher mit den grossen. Namentlich mit dem Klimawandel. Ständig kommen Berge runter in diesem Buch. Ständig drohen Überschwemmungen.

Die Berge als Bild

Das ist kein Zufall, sondern ganz bewusst gewählt. Das Aussen steht für das Innen. Das Haus in den Bergen, das bis unters Dach mit Geröll und Schutt eines Murgangs gefüllt ist und immer wieder auftaucht, ist auch ein Bild dafür, wie sich ADHS wohl anfühlt.

Birgit Birnbacher schreibt leidenschaftlich. Sie identifiziert sich mit ihren Figuren und ergreift Partei. Gut so. Denn tatsächlich geht es hier ums Ganze, um unsere Zukunft. Und wer, wenn nicht die Ozzys, Anns und Zäzilias mit ihren ungewöhnlichen Denkansätzen, könnte denn die Ideen liefern, die es so dringend braucht, um beispielsweise den Klimawandel zu stoppen? Die ausgelatschten Wege der anderen jedenfalls scheinen nirgendwohin zu führen.

Buchhinweis

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Birgit Birnbacher: «Sie wollen uns erzählen». Zsolnay, 2026.

Trotzdem: Ein ideologischer Text mit Aufforderung zur Menschheitsrettung ist der Roman nicht. Eine Einladung hingegen schon. Eine Einladung an Menschen mit ADHS, der Geschichte, die andere über sie erzählen, eine eigene entgegenzusetzen. Eine, die die Probleme nicht negiert, die aber auch die Chancen unterstreicht, die ihr spezielles Denken mit sich bringt.

Radio SRF 2 Kultur, Literaturclub Interview, 26.4.2026, 11:03 Uhr

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