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Schweizer Vorlesetag 2026 Die Stimme, die bleibt: Warum Vorlesen unersetzlich ist

Gemeinsames Lesen fördert Nähe, Fantasie und Wortschatz und bleibt wichtig, auch wenn Kinder längst selbst lesen können.

Im Alltagsstress delegieren viele Eltern das Erzählen von Geschichten an Hörbücher und Podcasts. Einfach anklicken und die Zimmertür schliessen – fertig! Mindestens eine Stunde lang ist das Kind nun beschäftigt. Das kann sich durchaus lohnen: Gute Geschichten zum Hören beflügeln die Fantasie und erweitern den Wortschatz. Aber: Vorlesen können sie nicht ersetzen.

Eine Studie aus dem Jahr 2024 der Stiftung Lesen, die sich auch auf die Schweiz beziehen lässt, ergibt folgendes Bild: Über 30 Prozent der ein- bis achtjährigen Kinder wird selten oder nie vorgelesen. Den jüngsten Kindern wird am wenigsten vorgelesen. Vorlesen nimmt zudem rapide ab, sobald die Kinder mit sieben, acht Jahren selbst lesen können.

Als mögliche Gründe geben die Eltern unter anderem an, dass das Kind gar nicht wolle, dass ihm vorgelesen wird, dass man lieber andere Dinge gemeinsam mache – oder dass Vorlesen nicht mehr nötig sei, weil das Kind schon selbst lesen könne. Diese Erklärungen berücksichtigen nicht, dass Vorlesen weit mehr ist als die Vermittlung einer Geschichte.

Vorlesen ist Beziehungspflege

Schon einem Baby kann man vorlesen: ein Gartenbuch, eine Bastelanleitung – es spielt keine Rolle. Wichtig ist vielmehr die ungeteilte Aufmerksamkeit, die das Kind spürt: die Nähe, der Tonfall, der Blickkontakt.

Bei älteren Kindern kommen weitere Faktoren dazu: Gemeinsam taucht man ein in eine andere Welt, erlebt Abenteuer, begleitet Figuren und unterhält sich über sie. Vielleicht wird die eigene Lebensrealität gespiegelt oder man lernt neue Dinge kennen. Man kann Offenheit und Empathie üben. Und lernen, etwas auszuhalten: in einem geschützten Raum, mit einer vertrauten Person.

Vorlesen hilft dem Kind auch, Sprach-, Sozial- und Selbstkompetenz zu entwickeln. Es entdeckt neue Wörter und Ausdrücke. Es lernt zuzuhören, sich einzubringen, aber auch, sich zurückzuhalten. Und es lernt sich selbst kennen. Das ist die Basis, um sich auszutauschen, die eigene Meinung zu vertreten, bestimmte Themen zu vertiefen.

Vorlesen geht immer

Kopfkino, Identifikation und Empathie sind nur einige positive Aspekte, von denen Zuhörende aller Generationen profitieren. Besonders älteren Menschen kann Vorlesen auch den Anstoss geben, Erinnerungen auszutauschen und persönliche Erfahrungen weiterzugeben.

In jungen Jahren wirkt Vorlesen stimulierend, in mittleren Jahren beruhigend – die Aufmerksamkeit wird kanalisiert – und in späten Jahren tröstlich.

Wie findet man die richtige Lektüre?

Die richtige Vorleselektüre zu finden, ist nicht immer einfach. Aber folgende Kriterien helfen: das Buch den Interessen und der Lebenswelt des «Publikums» anpassen, ein Buch mit einer klaren Sprache und nicht allzu verwickelten Geschichte wählen – und den Mut haben, es wegzulegen, wenn es nicht das richtige ist.

Schweizer Vorlesetag

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Am 27. Mai 2026 findet der 9. Schweizer Vorlesetag statt: In der ganzen Schweiz wird an diesem Tag vorgelesen – in Familien, Schulen, Bibliotheken, Buchhandlungen und Museen, in vielen Sprachen und für alle Altersgruppen.

Apropos Mut: Zum Vorlesen braucht es keinen. Viele Menschen glauben, sie bräuchten dafür schauspielerische Fähigkeiten. Aber ausschlaggebend ist nicht das Interpretationstalent – sondern die Fähigkeit, sich zuzuwenden, egal, in welchem Alter und in welcher Lebenssituation die Zuhörenden gerade sind.

Dann geht es ihnen wie dem Gefängnisinsassen im Buch «Die verzauberte Stunde – Warum Vorlesen glücklich macht», der sagte: «Die entspannte, beruhigende Atmosphäre erfüllt ein Bedürfnis in mir, von dem ich gar nicht wusste, dass ich es habe.»

Vorlesetipps

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Die Klassiker

  • Astrid Lindgren: «Die Kinder aus Bullerbü»
  • Alan Alexander Milne: «Pu der Bär» – toll erzählt, grossartige Figuren, man taucht ein in eine andere Welt

Ein modernes Buch

  • Ben Brooks: «Stories for Kids Who Dare to be Different – Vom Mut, anders zu sein» – bietet Raum für Gespräche und Diskussionen zu Wegen, Träumen und Zielen

SRF 1, Tagesschau, 26.5.2026, 19:30 Uhr

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