Der Titel des Buches, «Trag das Feuer weiter», stammt vom französischen Künstler Jean Cocteau: Wenn das Haus brenne, solle man das Feuer mitnehmen. Der Spruch impliziert das Weitergeben von Erbe, Leidenschaft oder Verantwortung über Generationen hinweg.
Für Leïla Slimani ist das der Ausdruck einer einfachen Wahrheit: Erinnerungen verblassen, Länder verändern sich, Menschen sterben – doch etwas bleibt: der Impuls, weiterzumachen. Das Bild des weitergetragenen Feuers durchzieht ihre Roman-Trilogie wie ein roter Faden.
Drei Romane, drei Generationen, fünf Geschichten
Slimani, die als eine der wichtigsten literarischen Stimmen Frankreichs gilt, erzählt in ihrer vielbeachteten Familiensaga die Geschichte einer marokkanisch‑französischen Familie über mehrere Generationen hinweg. Es ist ein weit verzweigtes Panorama, das historische Umbrüche ebenso umfasst wie persönliche Emanzipationsgeschichten.
Was im ersten Teil der Trilogie, «Das Land der Anderen» (2021), als Liebes- und Migrationsgeschichte beginnt – die Elsässerin Mathilde, die einem marokkanischen Soldaten nach Marokko folgt –, weitet sich im zweiten Band «Schaut, wie wir tanzen» (2022) zu einer politischen Chronik der marokkanischen Unabhängigkeit, einer Zeit des Modernisierungsrausches und der Repression.
Nun, im dritten Teil, wendet sich Slimani über ihre Protagonistin Mia ihrer eigenen Biografie zu. Sie tut das mit der Kühle einer Analytikerin und dem Instinkt einer Erzählerin.
Erinnerung und Fiktion verschränkt sie gekonnt, als wolle sie sagen: Wahrheit ist nicht das, was war, sondern das, was wir fühlen, wenn wir uns erinnern. So lebt Slimanis Buch von der Intimität der Figuren. Die Autorin zeichnet das Denken und Fühlen ihrer Figuren so nuanciert und lebensnah, dass wir imaginär Teil an ihrem Leben nehmen.
Die Rückkehr nach Meknès
Protagonistin Mia, die die jüngste Generation der Familiensaga verkörpert, steht an einem Wendepunkt ihres Lebens. Die Autorin Mitte 40 kann nicht mehr schreiben. «Brain fog», diagnostiziert der Arzt, eine Pandemie-Nachwirkung, aber auch eine existenzielle Erschütterung. Slimani beschreibt ihre Schreibblockade unsentimental – und doch liegt im Kern ein leises, existenzielles Zittern.
Auf ärztlichen Rat reist Mia nach Marokko, zurück zur Zitrusplantage ihrer Grosseltern in Meknès, an einen Ort, der schon im ersten Band als Schauplatz der Hoffnungen und Konflikte der Grosseltern eine zentrale Rolle spielt. Hier scheint die Zeit stillzustehen, und gerade deshalb beginnt die Vergangenheit zu sprechen.
Slimani verwebt biografische Elemente mit Fiktion. «Nein, nicht alles ist wahr», sagt Slimani in einem Gespräch. Sie dekonstruiere, setze neu zusammen, recherchiere, fülle Leerstellen mit Fiktion. Und doch ist das Erfundene manchmal überraschend wahr. Ihre Mutter habe nach der Lektüre gestaunt: «Wie konntest du das wissen!» Es ist die paradoxe Kraft literarischer Imagination: Das Ausgedachte erkennt die Wirklichkeit, bevor sie sich zeigt.
Nach der Trilogie
Nach drei Bänden, die die Geschichte einer Familie durch ein Jahrhundert begleiten, bleibt am Ende die Frage im Raum: Wie entfachen wir ein Feuer, das wir als Gemeinschaft weitertragen?
Slimanis Buch wirkt wie eine Einladung zurück an den Familientisch – zurück in die Diskussion, in den Dialog. Ihre Saga zeigt, dass Herkunft kein Ort ist, sondern ein Gespräch.