Im Februar erklimmt der britische Schriftsteller Julian Barnes die Spitze der SRF-Bestenliste. Doch das ist nur der Auftakt: Hier kommt der Countdown der Lese‑Highlights, die die Jury im Februar gekürt hat – fünf aktuelle Titel, die man garantiert nicht verpassen sollte.
5. Stefan Hertmans: «Dius» (13 Punkte)
Es ist der vierte Roman des flämischen Schriftstellers Stefan Hertmans: «Dius» erzählt von der Freundschaft zweier Männer, die ein Jahrzehnt im Alter trennt – und die Liebe zur Kunst verbindet. Hertmans zeigt dabei mit feinem psychologischem Gespür, wie Freundschaft zu einem Ort wird, an dem man sich selbst neu erkennt.
Nebst der tiefgründigen Freundschaftsgeschichte zweier Männer, die mich stark berührte, begeisterte mich ‹Dius› auch deshalb, weil ich tief eintauchte in die europäische Kunstgeschichte der letzten vierhundert Jahre. Stefan Hertmans' Erzählsound hat eine grosse Sogwirkung.
4. Verena Kessler: «Gym» (14 Punkte)
Die deutsche Autorin Verena Kessler lässt ihren aktuellen Roman «Gym» in einem Fitnessstudio spielen. Im Zentrum steht eine zunächst unsportliche junge Frau, die sich dort mit einer Notlüge einen Job an der Saftbar ergattert. Da im Gym das Aussehen alles bedeutet, beginnt sie zu trainieren. Sie verliert bald jedes Mass, spritzt sich Steroide – und fällt am Ende tief.
Leichtfüssig und mit trockenem Humor erzählt, lässt sich ‹Gym› als eine vergnüglich-bitterböse Satire auf die moderne Leistungsgesellschaft lesen.
3. Leïla Slimani: «Trag das Feuer weiter» (22 Punkte)
Mit «Trag das Feuer weiter» beendet Leïla Slimani ihre dreiteilige Familiensaga. Im Zentrum steht Mia, 1974 in Marokko geboren, die zwischen traditionellen Erwartungen und einer globalisierten Welt ihren Weg sucht und in Paris eine zweite Heimat findet. Slimani zeigt dabei, wie politische Entwicklungen das private Leben prägen – lebensnah, vielstimmig und eindrücklich erzählt.
Bei Leïla Slimani trifft die Intensität der Gefühle, auch des Begehrens, auf eine kühle Sprache. Sie beherrscht das Wechselspiel von Feuer und Kälte, mit kühnen dramaturgischen Schnitten verbindet sie Menschen und Politik zu einer atemlosen Lektüre.
2. Ian McEwan: «Was wir wissen können» (26 Punkte)
Ian McEwan ist 77 Jahre alt, und seine Erzähllust ist ungebrochen. Auch mit seinem neuen Roman legt er ein komplexes, tiefgründiges und nicht zuletzt spannendes Werk vor. «Was wir wissen können», ist eine Dystopie, die im 22. Jahrhundert spielt: Nach Tsunamis, Kriegen, Krankheiten und Hungersnöten hat sich die Weltbevölkerung auf knapp vier Milliarden Menschen dezimiert. Ein Literaturwissenschaftler begibt sich auf die Suche nach einem verschollenen Gedicht. Einem Gedicht aus unserer heutigen Zeit.
Ian McEwan ruft uns mit diesem Buch in Erinnerung, dass wir den Menschen der Zukunft auch eine Zukunft schulden.
1. Julian Barnes: «Abschied(e)» (36 Punkte)
Booker-Preisträger Julian Barnes wird 80 und legt mit «Abschied(e)» sein letztes Buch vor. Darin schreibt er über Liebe und Tod, Erinnerung und Endlichkeit – und darüber, was geschieht, wenn eine Jugendliebe nach vierzig Jahren wieder auflebt. Ein stilles, kluges Finale, in dem Barnes noch einmal zeigt, wie tief Geschichten in ein Leben hineinwirken.
Wie Bach beim Orgelspiel zieht Julian Barnes in seinem – gemäss eigenen Worten – letzten, Meisterwerk alle Register seines grossen Könnens. Nicht nur, wer sich für Abschied(e) oder letzte (Ab)Reisen interessiert, sondern auch, wer Freude an der Sprache und kongenialer Übersetzungsarbeit hat, wird mit Begeisterung und leiser Wehmut dieses Buch lesen.