Einblicke in die Armutssorgen einer Mutter, Neurodiversität als Chance, eine kapitalistische Apokalypse aus Tierperspektive und eine Nebenfigur, die zur Hauptfigur mutiert: Der Bücherfrühling 2026 hat einiges zu bieten. Fünf Tipps aus der SRF-Literaturredaktion:
Lukas Bärfuss: «Königin der Nacht»
Sind wir unseres Glückes Schmied? Oder hängt ein gelingendes Leben von den Umständen ab, von unserer Herkunft und Prägung? Fragen wie diese treiben Lukas Bärfuss um. Auch in seinem neuesten Buch. Es erkundet die Geschichte seiner Mutter. Sie war bettelarm, musste sich mit prekären Jobs durchschlagen und konnte ihren Sohn nicht davor bewahren, auf der Strasse zu landen. Im Alter musste sie ins «günstigere» Ausland migrieren, weil das Leben in der Schweiz zu teuer war. Was erwartet uns von diesem Mutter-Buch – der für Lukas Bärfuss typische Mix von literarischer Brillanz, zeitkritischer Analyse und bewegendem persönlichem Engagement? (Felix Münger)
Birgit Birnbacher: «Sie wollen uns erzählen»
Birgit Birnbacher trifft die Themen unserer Zeit. Nachdem sich die Salzburger Schriftstellerin und Bachmannpreisträgerin in «Wovon wir leben» mit Armut und Abgehängt-Sein auf dem Lande auseinandergesetzt hat, dreht sich ihr neuer Roman ums Thema Neurodiversität. Dabei geht sie der Frage nach, ob ein «Wildwuchs im Denken» nicht auch eine Chance ist. Und ob die, die sich nicht anpassen können, unserer überreizten Natur und Umwelt etwas entgegenzusetzen haben. Ein weiteres starkes Buch einer engagierten Erzählerin, auf das man sich freuen kann. (Michael Luisier)
Elfriede Jelinek: «Unter Tieren»
In der Literaturbranche waren es die Fake-News des vergangenen Jahres: Elfriede Jelinek sei gestorben. Unsinn, wie ihr Verlag rasch klarstellte: Die Nobelpreisträgerin ist wohlauf und schreibt weiter. Im Juni erscheint ihr neues Buch «Unter Tieren», in dem sie den Weg des Geldes in die Abgründe der kapitalistischen Apokalypse verfolgt. Erzählt wird aus der Perspektive von Tieren, die den Menschen beim Untergang zusehen. Das klingt voll und ganz nach der radikalen und streitbaren Skandalautorin. Ein Muss für alle Fans der provokanten Literatur. Totgesagte schreiben eben länger. (Tim Felchlin)
Leïla Slimani: «Trag das Feuer weiter»
Mit «Trag das Feuer weiter» vollendet Leïla Slimani ihre Familiensaga. Sie erzählt von Mia, geboren 1974 in Marokko, die zwischen Tradition und Globalisierung ihren Weg sucht und in Paris eine zweite Heimat findet. Slimani baut Brücken zwischen Orient und Okzident und zeigt am Beispiel der eigenen Familiengeschichte, wie Politik ins Private wirkt. Multiperspektivisch, lebendig, nah an der Realität. Ein kraftvolles Finale, das man in einem Zug liest. (Annette König)
Julia Weber: «Weil ich Ruth bin»
Nach ihrem fulminanten Mutterschaftsroman «Die Vermengung» (2022) widmet Julia Weber nun einer magisch angehauchten, zentralen Nebenfigur jenes Romans noch ein ganzes, eigenes Buch. Mit einem Fell zur Welt gekommen, übt Ruth auf die anderen Menschen eine faszinierende Anziehung aus – nicht zuletzt, weil sie sie für einige Zeit in Tiere verwandeln kann und so ein Entkommen aus dem «normalen» Leben ermöglicht. Der Verlag kündigt das Buch als «grossen Roman über Körper, Liebe und Selbstermächtigung» an, auf den man nur schon wegen Julia Webers besonderer Sprache bestimmt sehr gespannt sein darf. (Simon Leuthold)