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US-Poet Saul Williams «Die grösste Ehrfurcht habe ich vor dem Unaussprechlichen»

Saul Williams posiert. Er scheint zu schreien.
Legende: Gewaltige Worte: Saul Williams beherrscht die Kunst des Spoken Word. Getty Images / David Wolff - Patrick

Stargast am Spoken Word Festival Woerdz, Link öffnet in einem neuen Fenster ist der US-Amerikaner Saul Williams, einer der Gründerväter des Spoken Word. Ein Künstler, der zwischen dem Beat-Poeten Allen Ginsberg und dem Rapper 2Pac eingeordnet wird. Zurecht, denn bei Williams' Auftritten trifft unzähmbarer Flow auf denkende Weitsicht. Ein Gespräch über die Macht der Worte und die nächste Kulturrevolution.

Saul Williams

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Saul Williams, geboren 1972 in Newburgh, ist ein US-amerikanischer Poet, Autor und Rapper. Williams studierte erst Philosophie, dann Schauspiel in New York City. Dort kam er mit der Poetry-Slam-Szene in Kontakt und nahm bald ebenfalls aktiv daran teil. Heute zählt er zu den Gründungsvätern der internationalen Spoken-Word-Szene. Internationale Bekanntheit erlangte er vor allem wegen seinen Spoken-Word-Alben («Amethyst Rock Star») und dem Film «Slam» (1998), der in Cannes die Goldene Kamera gewann. Williams arbeitete bereits mit Musikgrössen wie Nine Inch Nails, Kanye West und Erykah Badu zusammen. Williams lebt und arbeitet in Los Angeles, Kalifornien.

SRF: Ihre Karriere begann mit Spoken Word. Sie waren mit dabei, als das Genre entstand. Wie war die Stimmung damals?

Saul Williams: Als die Spoken-Word-Bewegung in den 1990er-Jahren Form annahm, merkte ich, dass damals die Dichter ein Bedürfnis der Gesellschaft stillten: Sie hinterfragten die damalige Gesellschaft, stellten Autoritäten und die Regierung infrage, diskutierten und sezierten Themen wie Identität und Geschlecht.

Ich fühlte, dass ich Teil von etwas war, das zwingend ist für den Fortschritt einer Gesellschaft.

Sie wuchsen in den 1980er-Jahren in New York auf, zur Geburtsstunde des Hip-Hop. Welche Rolle spielte Musik in Ihrem Schaffen?

Die Musik steigerte die emotionale Erfahrung meiner Sprache. Wie bei der Poesie verliebte ich mich beim Hip-Hop in das Spiel mit Worten, in das Zerlegen der Lyrik, aber auch in die Rolle der Beats.

Legende: Video Saul Williams – Wortgewaltig gegen Missstände abspielen. Laufzeit 01:17 Minuten.
Aus SRF Kultur vom 12.10.2018.

Und je länger ich mich damit befasste, wie etwas gesagt werden konnte, desto klarer wurde mir: Die grösste Ehrfurcht habe ich vor dem Unaussprechlichen. Das liess sich am besten durch Musik ausdrücken.

Sie sind nicht nur Poet, sondern auch Rapper, Drehbuchautor und Schauspieler. Wie schaffen Sie das alles?

Ich habe mich in die Kunst des Ausdrucks verliebt. Als Kind mochte ich das Theater, entdeckte dort die Poesie. In der Sprache von Shakespeare zum Beispiel offenbarte sich eine Musikalität, der ich mich nicht entziehen konnte. Schliesslich faszinierte mich generell, wie eine Emotion, eine Botschaft oder eine Idee vermittelt wird.

Wie kamen Sie auf die Bühne?

Ich wuchs in der traditionellen, schwarzen Kirche Amerikas auf, denn mein Vater war ein baptistischer Pastor. Das war entscheidend: Ich war früh einer Umgebung ausgesetzt, in der Musik und Sprache, Chor und Individuum in Beziehung standen.

Ich kam nicht umhin, diese zwei Welten – die Predigt und den Hip-Hop – zu verbinden und zu vermengen. Ich stand also früh zwischen dem Sakralen und dem Profanen und erkannte das Zeremonielle in der Sprache und in der Musik.

Heute haben Sie ein Underground- und ein Mainstream-Publikum. Wie halten Sie die Balance?

Beide Welten ziehen mich an, weil ein Teil meiner Arbeit die eine Seite anspricht und ein Teil die andere. In meinem ersten Film «Saul» drängten wir eine periphere Kunstform – die Poesie – in ein Mainstream-Medium. Ich fand, der Mainstream profitierte davon.

Vernachlässigen wir unseren Geist, bringen wir nur mehr Donald Trumps hervor.

Der Lyrik mehr Aufmerksamkeit zu schenken, regte den Geist an. Das war nötig und richtig.

Warum?

Vernachlässigen wir unseren Geist, bringen wir nur mehr Donald Trumps hervor.

Saul Williams singt auf der Bühne. Er hält eine Hand in die Höhe.
Legende: Setzt seine Wortgewalt für eine bessere Welt ein: Saul Williams, hier 2005 in Montreux. Keystone / Martial Trezzini

Brauchen wir eine Kulturrevolution?

Auf jeden Fall. Immer. Jeden Tag kommen neue Menschen mit neuen Ideen auf die Welt. Und es gibt Machtstrukturen, die sich gegen diese Ideen wehren, um die Möglichkeit des Wandels zu verhindern. Sie horten Ressourcen, Macht und Geld in den Händen und auf den Konten.

Ich konzentriere mich mein Leben lang auf den gleichen, wichtigen Scheiss.

Dabei müssen wir eine kreative Grundlage finden, um die Menschen an ihre Menschlichkeit zu erinnern. Kunst ist dabei essenziell, gerade jetzt, mit dem Aufstieg des Neofaschismus, des Rechtspopulismus, der Fremdenfeindlichkeit.

In Ihrem neusten Projekt, dem Film «Neptune Frost», geht es um ein Hackerkollektiv, das sich gegen eine autoritäre Welt auflehnt. Warum ein Film über Hacker?

Hacker sind notwendig. Wir müssen die Codes, das System und die Hindernisse durchbrechen, die gegen uns arbeiten. Nicht jede Form von Hacking ist positiv und nötig, aber das Hacken an sich – experimentieren, die Grenzen des Machbaren erkunden, Schlupflöcher finden – das ist unvermeidbar, um Veränderung, Wachstum und Erleuchtung zu erlangen.

Zum Filmprojekt «Neptune Frost»

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In «Neptune Frost» spriesst aus einem Elektro-Müllcamp ein Dorf aus recycelten Computerteilen. Es ist die Heimat eines Hackerkollektivs, das sich gegen Autoritäten auflehnt. Saul Williams sammelte per Crowdfunding Geld für die Produktion. Das Filmprojekt ist angelehnt an sein 2016 erschienenes Album «MartyrLoserKing». Beide Projekte reflektieren, wie neue Technologien den Menschen und die Art seines Denkens weiterentwickeln.

Auch Hip-Hopper funktionierten zu Beginn wie Hacker. Zum Hip-Hop gehörte das Sampeln. Das Sampling war nichts weniger als das Hacking der Hip-Hop-Generation.

In Ihrem neuesten Track «The Flaw You Worship» fordern Sie: «Question the Century», «Hinterfrage das Jahrhundert». Was hinterfragen Sie gerade?

Strukturen, die Leute stigmatisieren oder ausbeuten – etwa Frauen, farbige Menschen und Minderheiten, die jahrhundertelang unterdrückt wurden. Ich versuche herauszufinden, wie man diese Strukturen zerstören kann und welche Rolle die Kunst dabei spielt.

Kurz: Ich konzentriere mich mein Leben lang auf den gleichen, wichtigen Scheiss.

Das Gespräch führte Ana Matijasevic.

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