Wolfgang Herrndorfs durchgedrehte Pippi Langstrumpf

Drei Jahre lang kämpfte Wolfgang Herrndorf gegen seinen Hirntumor – auch, indem er soviel schrieb wie nie zuvor. Unter den Büchern, die er beenden konnte, war der Überraschungserfolg «Tschick». Die Fortsetzung «Bilder deiner grossen Liebe» blieb unfertig. Trotzdem geht sie unter die Haut.

Ein Mädchen springt auf Heuballen herum. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die 14-jährige Isa braucht niemanden und kann alles. Sie redet und rennt schneller als alle anderen. Reuters

In seinem letzten Buch gibt Wolfgang Herrndorf Isa das Wort. Wer die millionenfach verkaufte Road Novel «Tschick» gelesen hat, kennt das 14-jährige Mädchen bereits. Maik und Tschick, die beiden Jungs, die während der Sommerferien mit einem geklauten Lada in die Walachei abhauen wollen, begegnen ihr auf einer Müllkippe. Isa stinkt zwar fürchterlich, aber sie weiss, wie man mit dem gefundenen Schlauch Benzin anzapft.

Stationenreise

Isa und der russische Junge aus prekärem Berliner Einwanderermilieu, den alle nur Tschick nennen, brüllen sich die meiste Zeit an. Zwischen dem wohlstandsverwahrlosten Maik und dem seltsamen barfüssigen Mädchen aus dem Nirgendwo entspinnt sich etwas, das vielleicht hätte Liebe werden können, wäre Tschick nicht mit der Brötchentüte aufgetaucht. Und dann zieht Isa, die trotz Stinkens eine Weile mitfahren durfte, sowieso Leine.

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Buchhinweis

Wolfgang Herrndorf: «Bilder deiner grossen Liebe». Rowohlt, 2014.

«Bilder deiner grossen Liebe» ist eine Stationenreise in 33 kurzen Kapiteln und aus Isas Perspektive erzählt. Die 14-Jährige haut aus der psychiatrischen Klinik ab, so fängt das Buch an. Sie steht zufällig vor dem Eisentor, als es aufgeht, um einen Lkw durchzulassen. «Isabel, Herrscherin über das Universum, die Planeten und alles» meint, die Öffnung des Tors selbst bewirkt zu haben. Und dieses Gefühl von Selbstermächtigung kann sie auch künftig gut brauchen.

Eine durchgedrehte Pippi Langstrumpf

Barfuss, ohne Gepäck, Geld, Proviant, macht sie sich auf den Weg. Wie im Märchen von den Sterntalern ist sie «von aller Welt verlassen». Mutter? Kommt nicht vor. Vater? Einmal heisst es, er sei tot, einmal, er mache sich vermutlich Sorgen. Eine Halbschwester, die beim Fernsehen arbeitet? Vielleicht nur eine Projektion. Denn beim Fernsehen arbeiten will Isa auch: «Ich komme aus der Scheisse, und in die Scheisse gehe ich irgendwann auch wieder. Aber zwischendurch werde ich berühmt.»

Isa schläft unter dem Sternenhimmel, bricht in einen Laden ein, bettelt um Essen, bietet, ohne dass jemand davon Gebrauch machte, ihren Körper an. Uralt und blutjung zugleich, ist sie eine durchgedrehte Pippi Langstrumpf. Braucht keinen, kann alles, redet und rennt schneller als alle, springt «drei Meter weit und zwei Meter tief» auf einen fahrenden Kahn: «Meine Knöchel knirschen bei der Landung, aber nicht schlimm.» Das hat man davon, wenn man sie nicht freiwillig mitnimmt.

Galgenhumor und Schnoddrigkeit

Dem Kapitän des Kahns ist dieses wilde Kind mit seinem notgedrungenen Lolita-Gebaren zwar unangenehm. Aber als einer der wenigen tut er, was zu tun ist: verbindet die zerschnittenen Füsse, kocht Essen, erzählt eine (die eigene?) Geschichte. Die Passagen vom ungleichen Paar, das eine Weile zusammen dem Meer zusteuert, gehören zu den schönsten des unvollendeten Romans.

Wolfgang Herrndorf Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wolfgang Herrndorf gelang mit «Tschick» ein Überraschungserfolg. Keystone

Wolfgang Herrndorf arbeitete bis kurz vor seinem Tod an «Bilder deiner grossen Liebe». Schrieb sich in das Buch hinein mit seinen Erfahrungen von Bewusstseinsstörungen, die ihn zweimal kurz in die psychiatrische Klinik brachten. Schrieb sich hinein mit seinen Ängsten und existentiellen Fragen, seinem Galgenhumor und seiner Schnoddrigkeit. Und einmal ganz konkret als der Mann in der grünen Trainingsjacke, dem Isa auf einem Friedhof begegnet.

Sehnsuchtsgestalt

In «Arbeit und Struktur», Wolfgang Herrndorfs Blog seines Lebens mit dem Hirntumor, gibt es etliche Hinweise auf das Romanprojekt um Isa. Und es findet sich da auch eine Erklärung für den Titel. Der Eintrag vom 29.7.2010 hält die Erinnerung an eine Frau fest, die zur Hauptfigur im Roman «In Plüschgewittern» und zur Isa in «Tschick» wurde. Ines, eine Frau, die im Nürnberger Wald wohnte und etwas «Naturkindhaftes» hatte.

Wie «Bruder und Schwester» verbrachten der Autor und Ines die Zeit damit, draussen herumzustreuen und Lektüren zu teilen: «Es waren nur ein paar Tage, die ich sie kannte. Ich glaube, die glücklichsten in meinem Leben.» Später verschwand Ines spurlos. Holte sie sich Herrndorf mit «Bilder deiner grossen Liebe» zurück? Jedenfalls entwickelt sich Isa bei aller Brüchigkeit und Haltlosigkeit zu einer Sehnsuchtsgestalt.

Erschütternder Trost

Anders als «Tschick» ist «Bilder deiner grossen Liebe» dunkel grundiert, mit einem irrealen, traumähnlichen Schimmer. Und obschon Isa eine Verlorene ist, die sich zu helfen weiss, fragt man sich doch, wie lange noch. Überall lauern der Tod und dessen Vorbote: das Gefühl existentieller Obdachlosigkeit. Auch in der Begegnung mit Maik und Tschick, die Lisa so ungerührt wie alles andere erzählt.

Doch dann, als die Jungs schlafen, kniet sie sich vor Maik hin und macht «magische Bewegungen» über dessen Stirn, Schläfen und Augen: «Lautlos geborgen und im Schutz meiner Hände und der schirmenden Nacht liegt er da.» Eingedenk Herrndorfs Schicksal steckt ein erschütternder Trost in diesem Bild. Er zerstiebt so plötzlich wie er aufblitzte: Einen Hirntumor kann man nicht wegzaubern. Und Isa isst «die letzten Haribo».

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