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«Genie und Gewissen» War Herbert von Karajan ein Nazi – oder nur Opportunist?

Er war Jahrhundertdirigent, Karrierist – und ein Musiker, dessen politische Verstrickung bis heute Debatten entfacht.

Lassen sich Kunst und Politik trennen? Vor dieser Frage sind auch die Toten nicht gefeit. Namentlich: Herbert von Karajan (1908–1989). Der extravagante Österreicher mit einer Vorliebe für schnelle Autos war und ist einer der bedeutendsten Dirigenten überhaupt. Und er war Mitglied der NSDAP.

In seiner Jugend äussert sich Karajan in Briefen antisemitisch. In den 1930er-Jahren machte er die ersten grossen Karriereschritte. Während des Krieges dirigierte er auf Propaganda-Anlässen in besetzten Gebieten. Im Rahmen der Entnazifizierung nach dem Krieg konnte sich Karajan entlasten. Es folgte eine steile Musikkarriere im Nachkriegseuropa und darüber hinaus.

Herbert von Karajan: Eine Bilderbuchkarriere

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Herbert von Karajan wurde 1908 in Salzburg geboren. Während der NS-Zeit machte er seine ersten Karriereschritte. Nach dem Zweiten Weltkrieg folgte eine Bilderbuchkarriere. Er wurde 1955 Chefdirigent der Berliner Philharmoniker und behielt dieses Amt für 34 Jahre. Darüber hinaus hatte er in ganz Europa bedeutende Posten inne. Herbert von Karajan war Ausnahmedirigent und Medienphänomen zugleich. Er war stets an den neuesten technischen Errungenschaften interessiert. So fuhr er gerne die neuesten Sportwagen, bemühte sich aber auch immer um die neueste Aufnahmetechnik für Orchesteraufnahmen. Er starb 1989.

Die politische Vergangenheit von Karajan bot bereits zu seinen Lebzeiten Zündstoff und bleibt bis heute Thema. Jüngster Beitrag in der Diskussion: ein 360 Seiten langes Buch mit dem Titel «Genie und Gewissen». Es wurde vom Eliette und Herbert von Karajan Institut, das den künstlerischen Nachlass des Dirigenten verwaltet, in Auftrag gegeben. Darin stellt der deutsche Historiker Michael Wolffsohn die Frage: War Karajan ein Nazi? Das Fazit: «Formal Ja. Unbestreitbar. Faktisch nein.»

Nur ein Opportunist?

Karajan sei Karrieremensch gewesen, ihm sei es nur um die Musik gegangen. In die NSDAP sei er aus Karrieregründen eingetreten, heisst es im Buch. Somit sei Karajan ein politisch desinteressierter Opportunist gewesen. Wenn er über die Musik sprach, dann habe er fliessend formuliert. Bei politischen Themen wirkte er «in Interviews sprachlich und körpersprachlich eher ungeschickt», so Wolffsohn.

Um die persönliche Gesinnung des Dirigenten zu untersuchen, folgt Wolffsohn verschiedenen Methoden. Er analysiert etwa Karajans Privatbibliothek. Das Fazit: «Für einen Nazi eine blamable Auslese». Die antisemitischen Aussagen in Karajans Jugend analysiert Wolffsohn als «Jedermannssprüche» und verweist auf viele Freundschaften, die Karajan zu jüdischen Menschen pflegte.

Mann in weissem Rollkragenpullover steht vor Bücherregal.
Legende: Herbert von Karajan 1973 bei einem Fotoshooting für die Modezeitschrift Vogue. Getty Images/Henry Clarke/Conde Nast

Wolffsohn greift im Buch die Forschenden an, die die Rolle des Dirigenten während der NS-Zeit kritischer sehen. Ferner wirft er ihnen vor, ungenau und unvollständig gearbeitet zu haben. Wie die Fehler anderer zu erklären seien: «Wer ideologisch analysiert, analysiert eben immer nur begrenzt».

Forschungskonflikte

Diese Anschuldigung gegen die verschiedenen Karajan-Forscher hält Friedrich Geiger für schwer haltbar. Er ist Professor für Historische Musikwissenschaft in München. Sein Spezialgebiet: Musik in Diktaturen. Ihn stört: «Die bedeutende Rolle, die Karajan für die kulturelle Fassade des NS-Staates gespielt hat, wird mit dieser Schrift kleingeredet.» Karajan sei ein strategisch denkender und weltzugewandter Mensch gewesen, der genau wusste, was er tat.

Buchhinweis

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Michael Wolffsohn: «Genie und Gewissen – Herbert von Karajan zwischen Musik und Nationalsozialismus». Herder, 2026.

In der heutigen Forschung sei es viel wichtiger, zu analysieren, wie Musik insgesamt das Regime stützen konnte. Die Konzentration auf die persönliche Gesinnung sei laut Geiger nicht mehr «state of the art», das erinnere ihn zu sehr an die Logik der Entnazifizierungskomitees der Nachkriegszeit.

Das Bedürfnis, die persönlichen Haltungen und konkreten Handlungen von Karajan in der NS-Zeit einzuordnen und zu bewerten, ist heute trotzdem noch gross. Das zeigt das breite, vorwiegend positive Medienecho, das Wolffsohns Buch ausgelöst hat. Und die nächste Publikation zum Thema steht bereits am Horizont: Im Sommer erscheint ein weiteres Buch zu Herbert von Karajan.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 30.03.2026, 7:03 Uhr

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