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Klangqualität für die Ewigkeit Mythos Stradivari: Warum der Geigenbauer auf Alpenholz setzte

Bekannte Geigerinnen und Geiger schwören auf Instrumente von Stradivari. Eine Studie zeigt: Der berühmte Geigenbauer favorisierte Alpenholz aus dem italienischen Fleimstal.

Antonio Stradivari: Der Name steht synonym für Exzellenz im Geigenbau. Bis heute ist der Italiener, der zwischen 1666 bis 1737 wirkte, weit über die Klassik-Szene hinaus bekannt. Eine Aura umgibt diese Instrumente: 2022 wurde eine Stradivari-Geige für über 15 Millionen Franken versteigert. Kenner sagen den Instrumenten nach, ihr Ton flackere wie Kerzenlicht.

Immer wieder haben Forscher versucht, hinter das Geheimnis dieser Instrumente zu kommen. Aber: «Die Qualität einer Geige ist ein komplexes Zusammenspiel unzähliger Aspekte», sagt Olivier Krieger, Co-Leiter der Schweizer Geigenbauschule Brienz.

Manche mögens kalt

Die Ausgangslage für jeden Geigenbauer ist der Rohstoff Holz. Eine internationale Studie, an der auch Forscher der eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) mitgearbeitet haben, bestätigt nun: Stradivari verwendete oft und systematisch Fichtenholz aus hochgelegenen Alpenwäldern. Besonders angetan war er von Holz aus dem Fleimstal in den Dolomiten.

Malerische Bergdorf-Landschaft mit Wald und Häusern.
Legende: Das Fleimstal (italienisch Val di Fiemme) ist eines der Haupttäler der Dolomiten im Nordosten des Trentino in Italien. Ein typisches Produkt des Tales ist das Holz seiner Wälder. IMAGO / imagebroker

Laut Olivier Krieger sei dies schon lange bekannt. Die Jahresringe im Holz der Stradivari-Geigen sind besonders dünn und regelmässig. Für diese Holzstruktur verantwortlich ist das kalte Klima während einer Zeitperiode von circa 1645 bis 1715, in der die Sonnenaktivität vermindert war. Das sorgte für eine verringerte Sonneneinstrahlung und für ein kaltes Klima. Die Fichten wuchsen besonders langsam und gleichmässig.

Akribische Auswahl

Für die Studie wurden Jahrringe im Holz von fast 300 Stradivari-Geigen analysiert und mit Jahrring-Datenbanken verglichen. Die Studie verrät aber auch einiges über Stradivaris Geschick. «Die Ergebnisse lassen auf ein sehr genaues Bewusstsein des Geigenbauers für die Eigenschaften des Holzes schliessen und bestätigen die Bedeutung der Alpenwälder für die Tradition des Geigenbaus.» Das schreiben die Forscher des WSL in einer Mitteilung zur Studie.

Ein Geigenbauer prüft eine Geige in seiner Werkstatt.
Legende: Der italienische Geigenbauer Antonio Stradivari (1644/48–1737) in seiner Werkstatt. Seine Streichinstrumente sind die wertvollsten, die es auf dem Markt gibt. IMAGO / opale.photo

Die Struktur an Jahresringen im Holz legt sogar nahe, dass Stradivari mit Abstand von einigen Jahren gleich mehrere Geigen aus Brettern von ein und demselben Fichten-Stamm fertigte. Auffällig ist, dass er während des Höhepunktes seines Schaffens, der sogenannten «goldenen Periode» zwischen 1720 und 1725, ausschliesslich Holz aus dem Fleimstal verwendete.

Antonio Stradivaris Geschick bestätigt auch Olivier Krieger: «Er war ein Visionär und gehört verdientermassen zu den ganz grossen Namen unter den Geigenbauern.»

Doch er stellt auch fest, dass sich um Stradivari-Instrumente ein Mythos gebildet hat. «Ein Geheimnis, im handwerklichen Sinne, gibt es bei Antonio Stradivari nicht. Es sind grossartige Instrumente, die ihren Ruf aber der Tatsache verdanken, dass sie seit Jahrhunderten von bekannten Geigern gespielt werden», sagt Krieger.

Bis heute beliebtes Geigen-Holz

Das Holz aus dem Fleimstal ist bis heute bei Geigenbauern beliebt. Jedoch seien die Bestände auch wegen der grossen Nachfrage nahezu aufgebraucht, sagt Olivier Krieger. Das Tal leidet zudem unter Naturkatastrophen wie dem Orkan Vaia 2018, der unzählige Fichtenstämme entwurzelte.

Luftaufnahme einer von umgestürzten Bäumen gesäumten Strasse in bewaldeten Hügeln.
Legende: Der Orkan «Vaia» verwüstete Ende Oktober 2018 grosse Teile der Ostalpen. Auch das Fleimstal war extrem betroffen. IMAGO / Eibner Europa

Heute setzen Geigenbauer auf Holz aus dem gesamten Alpenraum. Krieger: «In Brienz verbauen wir auch immer wieder lokales Holz aus dem Berner Oberland.» Vielleicht entwickelt sich so ein neuer Geigen-Mythos mitten in der Schweiz.

Radio SRF 1, 23.2.2026, 09:20 Uhr

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