In der Blasmusik vor rund 200 Jahren gab es klare Regeln: Wer zu spät an eine Probe kam, zahlte eine Busse – ebenso bei «unnötigem Anstimmen» oder gar «unanständigem Blasen in ein Instrument des Nachbarn».
Solche kleinen Geschichten aus dem Musikeralltag sind in vergilbten Notenbüchern und Schriften aus dem frühen 19. Jahrhundert im Klingenden Museum Bern zu finden; sie sind neben historischen Instrumenten wie einem majestätischen Althorn oder einer glänzenden Basstrompete ausgestellt.
Blasmusik war Tanzmusik
«Anno 1811 ist die jezige Musick=Gesellschaft zusammen getretten» – so steht es in einem alten Notenbuch der Rorschacher Blasmusik. Eine Formation, die weit über die Region hinaus Bekanntheit erlangte: Sie spielte zum Tanz ebenso selbstverständlich wie zu feierlichen Märschen.
«Das wäre doch heute was – wenn die Dorfmusik zum Tanz aufspielen würde», erzählt Adrian von Steiger begeistert. Er ist Musikwissenschaftler und leitet das Klingende Museum Bern. Gemeinsam mit Yannick Wey und Miryam Giger begibt er sich auf Spurensuche – zurück zu den Anfängen der Blasmusik in der Schweiz.
Erste Vereine in der Schweiz
Blasmusikgruppen entstanden im Sog der Aufbruchstimmung Anfang des 19. Jahrhunderts, als überall im Land neue Vereine gegründet wurden: Turnvereine, Jassrunden – und eben Musikgesellschaften. Sie brachten die Menschen zum Tanzen, spielten Märsche oder auch ein «Ständli».
In der Schweiz verbreitete sich die Blasmusik landesweit und hatte soziale und repräsentative Funktionen: Gruppen spielten an wichtigen Jubiläumsfeiern, politischen Anlässen oder in Kurhotels. Einen überraschenden Fund machte Yannick Wey in Quellen zur Bodensee-Dampfschifffahrt: «Da wurde auf den Schiffen und in den Häfen gespielt.»
«Eine instrumentale Revolution»
Trompete, Horn und Co. zu lernen – das war im 19. Jahrhundert populär. Besonders ab den 1850er-Jahren, als sich Blechblasinstrumente modernisierten und Ventile erhielten.
Gleichzeitig erweiterten neue Klänge das musikalische Spektrum: «Türkische» Perkussionsinstrumenten wie Pauken, Becken und Triangeln kamen in die Schweiz, welche auf die osmanische Militärmusik (die sogenannte «Janitscharenmusik») zurückgehen.
Während zuvor Trommeln und Pfeifen den Takt angaben, veränderte sich das Klangbild nun grundlegend: Pauken und Trompeten traten ins Zentrum – kraftvoll, farbig, mitreissend. «Eine instrumentale Revolution», stellt Adrian von Steiger fest.
Ein soziales Phänomen
Bis heute setzen sich die modernisierten Blechbläser mit Ventilen durch – und bis heute ist die Blasmusik ein soziales Phänomen: In der Schweiz gibt es aktuell über 2000 Blasmusikvereine.
«Sie sind bei vielen Anlässen nicht wegzudenken», so Yannick Wey. So ist die Blasmusik in vielen Gemeinschaften, besonders in Dörfern, zentral für den Zusammenhalt – und für Freundschaften, welche sich über Jahrzehnte hinweg entwickeln.