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Netzkultur «Storm» von Yung Lean: die Choreo, über die gerade alle reden

Dieses Rap-Musikvideo ist ein 7-Minuten-Epos – effektvoll und viel besprochen. Das steckt dahinter.

Ist das ein Musikvideo oder ein Kurzfilm? Am Anfang des zweiteiligen «Storm» stehen die Zeichen auf Film. Setting: dystopisch. Schauplatz: ein Jungeninternat im Jahr 2034. Protagonist: der Schulschläger, gespielt vom schwedischen Rapper Yung Lean.

Dem Bully in «Storm» schaut man in den ersten Minuten beim Schlegeln und bei anderen, eher fragwürdigen Tätigkeiten zu. Mal klaut er eine Mobilfunkantenne, um das verbaute Metall zu rauchen, dann erklingt eine WC-Spülung, während der Kopf eines Mitschülers in die Schüssel gedrückt wird.

«Storm I»: Kurzfilm?

Yung Leans neuer Song «Storm I» untermalt dieses groteske Schauspiel. Es ist ein treibender Track. Das klingt ganz anders als die Cloud-Rap-Tracks, mit denen der heute 29-Jährige in den frühen 2010ern bekannt wurde.

Was ist Cloud-Rap?

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Cloud-Rap ist eine Form des Hip-Hop, die um das Jahr 2010 entstanden ist. Seine Ursprünge hat die Stilrichtung im Trap und der Ambientmusik. Wie es die «Wolke» im Namen erahnen lässt: Diese Musik fühlt sich atmosphärisch und «hazy» an, also wie in Watte eingepackt. Der Sound ist oft mit dem Wort «ätherisch» beschrieben. Heimat- und Ursprungsort des Cloud-Rap ist das Internet. Dank diesem und der Meme-Kultur verbreitete sich das Genre schnell über die ganze Welt. Als einer der bekanntesten Künstler des Genres gilt der Schwede Yung Lean. Sein Track Ginseng Strip 2002 gilt als Beispielstück für den Cloud-Rap.

Der erste Teil von «Storm» wirkt wie eine Montage aus einem Spielfilm. Man kann erahnen, worum es in einem solchen Streifen ginge: eine hoffnungslose Jugend à la «Trainspotting», verloren in einem System, von dem sie sich verstossen fühlen.

Person hält Mikrofon auf Bühne.
Legende: 2015 ging es bei dem damals 18-jährigen Yung Lean, wie hier bei einem Auftritt in Tokio, noch entspannter zu. Getty Images/Koji Hirano

Storm II: Musikvideo?

Der zweite Teil, musikalisch untermalt vom zweiten neuen Song «Storm II», bringt so etwas wie eine Erklärung zu diesem Verlorensein: «We stay united through the storm», singt Lean mit kratziger Stimme. Die Kamera hält in einer langen Einstellung drauf, Yung Lean blickt uns direkt an: Das ist nun klar ein Musikvideo.

Wie für ein Schulfoto stehen die Internats-Jungen in Reih und Glied vor der Schulpforte. Yung Lean, hemdsärmelig, in der Mitte. Stoisch raucht er seine Zigarette, während um ihn eine effektvolle Choreografie tobt, auf der der Fokus liegt. Lean, so wie auch die Generation, die er geprägt hat, bleibt standhaft. Trotz jedem Sturm.

Gruppe von Männern in Anzügen jubelt auf einer Treppe.
Legende: Viele Tänzer, eine Menge Ausdruck. «Storm II» kommt mit einer aufwändigen Choreo daher: Der Top-Kommentar unter dem Youtube-Video: «Der Choreograf hat jeden Preis verdient und noch viel mehr. Gänsehaut pur.» Youtube/GENER8ION/Yung Lean

Für die Choreo, wegen der «Storm» seit Wochen als popkulturell viel besprochenes Netzphänomen viral geht, zeichnet der französisch-belgische Choreograf Damien Jalet verantwortlich. Er ist kein Unbekannter und arbeitete bereits mit Radioheads Thom Yorke und Performancekunst-Ikone Marina Abramović zusammen.

Künstlerische Schirmherrschaft über das Projekt führt Gener8ion (dahinter steckt Produzent Benoit Heitz, auch bekannt als Surkin). Regie beim Film führt Romain Gavras. Dieser trat in Erscheinung als Regisseur unter anderem zum Musikvideo von «No Church In The Wild» von Jay-Z und Kanye West.

Seit dem Track «Ginseng Strip 2002» aus dem Jahr 2013 war Yung Lean der Archetypus eines Cloud-Rappers: Damals 16, mit depressiven Texten und diffuser Internetästhetik auf der Suche nach einem Platz in der Welt. Das stiess auf grosse Resonanz.

Seither hat er sich weiterentwickelt, sich selbst dabei aber nie verloren. «Was Yung Lean immer ausgemacht hat: radikale Authentizität. Früher als Enfant terrible mit selbstzerstörerischen Tendenzen, heute als gefestigte Figur, die mutig zu ihren Problemen steht», sagt SRF-Musikredaktor John Bürgin.

Ein Statement

Yung Lean zeigt sich heute gesetzter, mit Hobbys wie Töpfern und Teetrinken. Er hat Freude daran bekommen, er selbst zu sein. Das zeigt er in «Storm»: Die wattige Internetästhetik ist weg. Alles ist härter, bedrohlicher. Aber auch lebensbejahender.

In der ersten Hälfte von «Storm» überzeichnet Lean dieses Image, indem er als harter Platzhirsch auftritt. Nur um mit diesem Bild im zweiten Teil gleich wieder zu brechen. «Storm» ist so Musik-Kurzfilm und eine Hymne zugleich – es ist ein Statement darüber, was es heisst, sich selbst treu zu bleiben in einer sturmtobenden Welt.

Radio SRF 3, Sounds!, 5.5.2026, 20:03 Uhr

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