Ist das ein Musikvideo oder ein Kurzfilm? Am Anfang des zweiteiligen «Storm» stehen die Zeichen auf Film. Setting: dystopisch. Schauplatz: ein Jungeninternat im Jahr 2034. Protagonist: der Schulschläger, gespielt vom schwedischen Rapper Yung Lean.
Dem Bully in «Storm» schaut man in den ersten Minuten beim Schlegeln und bei anderen, eher fragwürdigen Tätigkeiten zu. Mal klaut er eine Mobilfunkantenne, um das verbaute Metall zu rauchen, dann erklingt eine WC-Spülung, während der Kopf eines Mitschülers in die Schüssel gedrückt wird.
«Storm I»: Kurzfilm?
Yung Leans neuer Song «Storm I» untermalt dieses groteske Schauspiel. Es ist ein treibender Track. Das klingt ganz anders als die Cloud-Rap-Tracks, mit denen der heute 29-Jährige in den frühen 2010ern bekannt wurde.
Der erste Teil von «Storm» wirkt wie eine Montage aus einem Spielfilm. Man kann erahnen, worum es in einem solchen Streifen ginge: eine hoffnungslose Jugend à la «Trainspotting», verloren in einem System, von dem sie sich verstossen fühlen.
Storm II: Musikvideo?
Der zweite Teil, musikalisch untermalt vom zweiten neuen Song «Storm II», bringt so etwas wie eine Erklärung zu diesem Verlorensein: «We stay united through the storm», singt Lean mit kratziger Stimme. Die Kamera hält in einer langen Einstellung drauf, Yung Lean blickt uns direkt an: Das ist nun klar ein Musikvideo.
Wie für ein Schulfoto stehen die Internats-Jungen in Reih und Glied vor der Schulpforte. Yung Lean, hemdsärmelig, in der Mitte. Stoisch raucht er seine Zigarette, während um ihn eine effektvolle Choreografie tobt, auf der der Fokus liegt. Lean, so wie auch die Generation, die er geprägt hat, bleibt standhaft. Trotz jedem Sturm.
Für die Choreo, wegen der «Storm» seit Wochen als popkulturell viel besprochenes Netzphänomen viral geht, zeichnet der französisch-belgische Choreograf Damien Jalet verantwortlich. Er ist kein Unbekannter und arbeitete bereits mit Radioheads Thom Yorke und Performancekunst-Ikone Marina Abramović zusammen.
Künstlerische Schirmherrschaft über das Projekt führt Gener8ion (dahinter steckt Produzent Benoit Heitz, auch bekannt als Surkin). Regie beim Film führt Romain Gavras. Dieser trat in Erscheinung als Regisseur unter anderem zum Musikvideo von «No Church In The Wild» von Jay-Z und Kanye West.
Seit dem Track «Ginseng Strip 2002» aus dem Jahr 2013 war Yung Lean der Archetypus eines Cloud-Rappers: Damals 16, mit depressiven Texten und diffuser Internetästhetik auf der Suche nach einem Platz in der Welt. Das stiess auf grosse Resonanz.
Seither hat er sich weiterentwickelt, sich selbst dabei aber nie verloren. «Was Yung Lean immer ausgemacht hat: radikale Authentizität. Früher als Enfant terrible mit selbstzerstörerischen Tendenzen, heute als gefestigte Figur, die mutig zu ihren Problemen steht», sagt SRF-Musikredaktor John Bürgin.
Ein Statement
Yung Lean zeigt sich heute gesetzter, mit Hobbys wie Töpfern und Teetrinken. Er hat Freude daran bekommen, er selbst zu sein. Das zeigt er in «Storm»: Die wattige Internetästhetik ist weg. Alles ist härter, bedrohlicher. Aber auch lebensbejahender.
In der ersten Hälfte von «Storm» überzeichnet Lean dieses Image, indem er als harter Platzhirsch auftritt. Nur um mit diesem Bild im zweiten Teil gleich wieder zu brechen. «Storm» ist so Musik-Kurzfilm und eine Hymne zugleich – es ist ein Statement darüber, was es heisst, sich selbst treu zu bleiben in einer sturmtobenden Welt.