- Zum dritten Mal interpretiert Bob Dylan Werke seines Idols Frank Sinatra.
- Sinatra war nicht nur ein Meister des Swings, sondern interpretierte auch traurige Balladen – von diesen lässt sich Dylan inspirieren.
- Dylans Stimme passt perfekt zu Sinatras musikalischer Welt voll Liebeskummer und Einsamkeit.
Nasale Stimme für elegante Songs
Als Bob Dylan vor drei Jahren erstmals ein Album mit Cover-Versionen von Liedern aus dem «Great American Songbook» ankündigte, fragte man sich, wie das denn funktionieren sollte.
Hier die verwitterte, knorrige und nasale Stimme des grössten Poeten des Rock'n'Roll, der sein eigenes grosses Repertoire zu zersingen schien.
Dort die eleganten Stimmen der grossen Interpreten des Big-Band-Jazz, allen voran Dylans Idol Frank Sinatras, der sich die alten Balladen mit samtener Stimme und mühelos zu eigen machte. Grösser könnte der Kontrast nicht sein.
Dylan ist es mit Sinatra ernst
Dennoch funktioniert das. Mittlerweile sind aus dem einen Album («Shadows in the Night») fünf geworden – inklusive des neuen Dreier-Albums «Triplicate». Allein der Umfang zeigt es: Bob Dylan ist es mit seiner Liebe für Frank Sinatra ernst.
Damit ist er auch nicht alleine: Andere Songschreiber wie Bruce Springsteen oder Tom Waits haben ihrer Verehrung für den italo-amerikanischen Barden bereits Ausdruck verliehen.
Balladen für die Einsamen
Frank Sinatra, Jahrgang 1915, war vor dem Rock‘n‘Roll der grösste Star der populären Musik. Vor allem beim jungen weiblichen Publikum kam der Sänger mit dem Übernamen «Ol’ Blue Eyes» besonders gut an.
Seine eine Spezialität waren swingende Titel, die zum Tanzen animierten. Eine andere waren die Balladen der Verlassenen und Einsamen. Höhepunkt war das Konzeptalbum «In the Wee Small Hours» von 1955.
Zerknittert vor Liebeskummer
Auf der Hülle sieht man einen gezeichneten Sinatra: Es ist frühmorgens in der Stadt, das Licht ist blau, kein Mensch, kein Auto irgendwo. Rechts im Bild der Protagonist, Hut auf dem Kopf, Krawattenknopf gelockert, Hemd leicht zerknittert. Ebenso der Mann selbst, der ziemlich angeschlagen wirkt. Ganz klar, hier hat einer Liebeskummer.
Das wird in den Songs des Albums klar: Titel wie «Glad to be unhappy» (Zufrieden damit, unglücklich zu sein) oder «I get along without you very well» (Ich komme ganz gut ohne Dich zurecht) zeigen die Richtung.
Zur subtilen orchestralen Begleitung singt sich Sinatra durch diese Stimmung, verbreitet Trauer, Trotz und Trost gleichzeitig. Selten hat Einsamkeit derart verführerisch geklungen.
Wie die Faust aufs Auge
Es sind die letzteren Stimmungslagen, die für Dylan zur Vorlage werden. Er geht die Lieder, die sein Idol berühmt machten, vorsichtig und geschickt an: Orchestrale Arrangements werden durch seine Live-Band ersetzt, bei den Aufnahmen wurde live am Stück musiziert, im gleichen Raum wie damals bei Sinatra selbst.
In den Arrangements auf «Triplicate» werden aus Jazz-Balladen Country-Stücke. Trotzdem: Dylans Stimme passt zu diesen Liedern der Einsamkeit und des Liebesschmerzes wie die Faust aufs Auge.
Kein Ersatz, eine Bereicherung
Natürlich besitzt Dylan weder die traumwandlerische Sicherheit Sinatras noch dessen samtene Stimme. Und doch scheint es, als ob die Beschäftigung mit den fremden Songs Dylan stark verändert hat.
Er intoniert präzise, präziser als man dies von vielen seiner Konzerte gewohnt ist, er fühlt sich glaubhaft in diese Lieder hinein.
So ist auch dieses neue balladeske Paket gelungen. Selbstverständlich ist das kein Ersatz für Sinatra – wer könnte das auch erwarten – aber «Triplicate» ist eine mehr als gültige Liebeserklärung von Bob an Frank.
- Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktuell, 28.03.17, 16:05 Uhr