Schweizer Jazzmusiker: Ohne Ausland geht nichts

In den 1950er-Jahren gab es in der Schweiz kaum Jazzschulen. Wer als Musiker wachsen wollte, musste ins Ausland. Heute gibt es genug Jazzschulen mit hervorragender Qualität – die Gründe für eine Reise ins Unbekannte liegen woanders.

Der Schweizer Jazzmusiker und Komponist George Gruntz schreibt an einer Komposition, aufgenommen im April 1992. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Schweizer Jazzmusiker und Komponist George Gruntz arbeitete viel im Ausland, hier schreibt er 1992 an einer Komposition. Keystone

Der Schweizer Meisterschlagzeuger Pierre Favre war als 19-Jähriger zwar schon professionell tätig, wollte aber ständig von seinen Idolen lernen. Seine Idole waren damals, in den späten 1950er-Jahren, die grossen Bebop-Schlagzeuger Max Roach und vor allem Kenny Clarke.

Schlagzeuger Kenny Clarke spielt sein Instrument. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der amerikanische Schlagzeuger Kenny Clarke während eines Konzert in London, 1969. Keystone

Kenny Clarke lebte und arbeitete seit 1956 in Paris. So tuckerte Pierre Favre oft an den Wochenenden von Basel in die französische Hauptstadt. Da kauerte er praktisch unter den Becken von Clarke, um dessen Spiel aus der Nähe zu studieren.

Am Montagmorgen sass er dann wieder im Studio Basel bei der Arbeit – noch müde vom Reisen und den langen Nächten in den Pariser Clubs, aber auch sehr inspiriert vom Gehörten.

Jazzgrössen aus Übersee

Das war durchaus typisch für die damalige Zeit. Jazzschulen gab es noch kaum, und was man vom Hören von Platten und den amerikanischen Radiosendern lernen konnte, war zwar hochspannend, aber auf die Dauer einfach nicht genug.

Als Schweizer Jazzmusiker mit dem Anspruch wirklich gut zu werden, musste man ganz einfach auf Reisen gehen. Die europäischen Metropolen wie Paris, Kopenhagen oder Stockholm waren dafür ideale Destinationen, denn dort fanden viele amerikanische Jazzstars bessere Lebensbedingungen vor, als zu Hause in den USA.

Paris, Berlin, Wien

Ein paar Jahre später waren die Gründe für einen Ortswechsel noch zahlreicher und vielfältiger als in den 1950er-Jahren.Pierre Favre fand in Paris mit der Sängerin Tamia eine Partnerin, mit der er neue musikalische Wege beschreiten konnte.

George Gruntz, zum Beispiel, war von 1972 an Künstlerischer Leiter der Berliner Jazztage und hatte viele Aufträge in Hamburg, Paris oder New York. Gleichzeitig hatte er als Musikalischer Leiter am Schauspielhaus Zürich immer einen Fuss in der Schweiz.

Mathias Rüegg wiederum gründete in den 1970er-Jahren sein Vienna Art Orchestra, nachdem er bereits in Österreich studiert hatte.

Sie alle fanden Inspiration in neuer Umgebung. Die Schweiz allein hätte ihnen den Raum und die Vielfalt der Begegnungen mit anderen Musikerinnen und Musikern niemals bieten können.

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Sendehinweis

Wie entstand in einem Agrarland ohne Fürstenhöfe eine so lebhafte Musikkultur? Der «Hörpunkt» auf Radio SRF 2 Kultur widmet sich am 2. August 2016 der Schweizer Musik und ihrer weltweiten Einflüssen und Echos.

Immer wieder New York

Und heute? Die Qualität und Anzahl der Jazzschulen in der Schweiz ist einzigartig. Hier unterrichten einige der besten zeitgenössischen Jazzmusikerinnen und -musiker.

Die Förderung durch die staatlichen Institutionen und durch private Mäzene ermöglicht Vieles von dem man früher nur träumen konnte. Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen zieht es Jazzer immer wieder ins Ausland.

Der Saxophonist und Komponist Daniel Schnyder und die Pianistin Sylvie Courvoisier zum Beispiel haben sich in New York in ganz verschiedenen Szenen einen Namen gemacht. Sie haben sich einem Wettbewerb gestellt, der ihre Musik geprägt hat. Und sie alle fänden wohl noch fünfzig andere, gute Gründe, die Schweiz zu verlassen.