Zum Inhalt springen
Inhalt

#unten Twitter-User berichten über ihre Erfahrungen mit Armut

Soziale Ausgrenzung soll sichtbar werden, meint ein deutscher Journalist – und sorgt mit #unten für Aufsehen.

Ein junger Mann zeigt seine leeren Hosentaschen,
Legende: Armut kann zu jeder Person gehören. Darauf möchte der Hashtag #unten hinweisen. Keystone / Martin Ruetschi

Armut findet mitten in der Gesellschaft statt, aber oft versteckt. Das will der Hashtag #unten, Link öffnet in einem neuen Fenster ändern: Seit gestern teilen Twitter-User unter diesem Stichwort ihre Erfahrungen mit vielen Hindernissen durch zu wenig Geld.

«Über die feinen Unterschiede reden»

Aufgerufen dazu hat der Journalist und Buchautor Christian Baron.

Christian Baron kennt das Leben in Armut: In einem Artikel in der deutschen Zeitung «Der Freitag», Link öffnet in einem neuen Fenster hat er über seine Kindheit in einer Sozialhilfe-Familie geschrieben. Über Hürden in der Schule, im Studium. Über abwertende Kommentare und das allgegenwärtige Bild: «Wenig Geld? Selber schuld.»

In seinem Artikel fordert er: Der soziale Ausschluss und die Vorurteile, die mit Armut einhergehen, müssen sichtbar werden. Zumindest in den sozialen Medien. «Wir müssen über die feinen Unterschiede reden. Und wir müssen über die wachsende Ungleichheit zwischen Arm und Reich sprechen.»

Seinem Aufruf sind viele Twitter-User nun gefolgt – in Deutschland trendete #unten heute Morgen.

Falsche Kleidung, falsche Klasse?

Die #unten-Tweets thematisieren etwa Vorurteile und Witze auf Kosten der Unterschicht. Auffällig oft geht es auch um die Erfahrung, in Bildung und Beruf benachteiligt zu sein – zum Beispiel, weil Kleidung oder Sprache auf die falsche Klasse hindeutet.

Auch abseits von Twitter und auch hier ein Thema

Dass gerade jetzt über Armut und ihre Folgen gesprochen wird, hat auch damit zu tun, dass in den letzten Wochen in Deutschland mehrere Studien dazu erschienen sind. Ihr Befund: Arm zu sein ist für viele Alltag, sozialer Aufstieg gelingt selten.

Auch wenn in der Schweiz bisher nur Einzelne, Link öffnet in einem neuen Fenster den Hashtag nutzen, ein Thema ist Armut auch hierzulande.

Armut in Deutschland und der Schweiz

«Es gibt in der Schweiz viele, die wenig Geld haben. Aber man merkt das gar nicht», erzählt eine alleinerziehende Mutter in der SRF-Sendung «Rendez-vous».

Wegen der Stigmatisierung würden viele lieber schweigen, als zuzugeben, dass sie finanziell unten durch müssen.

Das Tabu brechen

Mit diesem Tabu will #unten aufräumen und sozialer Ausgrenzung Sichtbarkeit verschaffen. Der Hashtag wird daher mit #metoo , Link öffnet in einem neuen Fensteroder #metwo , Link öffnet in einem neuen Fensterverglichen.

Allerdings melden sich unter dem Hashtag vor allem soziale Aufsteiger zu Wort – diejenigen, die von Armut betroffen waren, aber es nicht mehr sind. Das habe auch mit dem Medium zu tun, kritisiert eine Userin:

So ist aktuell auf Twitter viel aus der Vergangenheit von Menschen zu lesen, wenig aus der Gegenwart von Betroffenen.

Und wie bei anderen Hashtags taucht auch bei #unten die Frage auf, was das nun im grossen Ganzen ändern soll.

Doch auch wenn der Hashtag das «Unten» und «Oben» der Gesellschaft nicht beseitigen wird: Er gibt zumindest einen Anstoss, darüber nachzudenken.

1 Kommentar

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

verfügbar sind noch 500 Zeichen

Mit dem Absenden dieses Kommentars stimme ich der Netiquette von srf.ch zu.

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von Ueli von Känel (uvk)
    Das Thema Armut wird hierzulande oft verdrängt. Es wird manchmal so getan, als gäbe es hier keine Armut, und wenn doch, dann seien die meisten selber schuld. Aber Armut in der Schweiz (und int.) ist stark systembedingt. Die Finanzverteilung verläuft eher von unten nach oben, was systemgetreu und gesellschaftlich zumeist geschützt oder sogar direkt oder indirekt gefördert wird. Es bräuchte von uns BürgerInnen ein Umdenken, dass wir politisch eine von oben-nach-unten-Finanzierung fördern würden.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten