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Kunst gegen den Krieg
Aus Kulturplatz vom 13.04.2022.
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Vor dem Bombenhagel gerettet Ukrainische Kunst an der Biennale trotzt dem Krieg

Der ukrainische Künstler Pavlo Makov vertritt sein Land an der Biennale in Venedig. Lange war es unsicher, ob es nach dem Künstler auch seine Kunst aus dem Kriegsgebiet schafft. Die Geschichte einer Rettung.

«Es war die Hölle, unter Raketenbeschuss aus meiner Heimatstadt zu fliehen.» Das sagt der ukrainische Künstler Pavlo Makov über seine Flucht aus Charkiw. Die zweitgrösste Stadt der Ukraine war eine blühende Kulturstadt, in der viele zeitgenössische Kunstschaffende lebten und arbeiteten. Pavlo Makov ist einer der Bekanntesten.

Ich fühle mich zurzeit nicht als Künstler, sondern vielmehr als Bürger, der die Pflicht hat, etwas für sein Land zu tun.
Autor: Pavlo Makov Künstler

Der Krieg hat alles verändert, Charkiw liegt in Schutt und Asche. Die 92-jährige Mutter des Künstlers weigert sich zunächst trotz allem, in den Luftschutzkeller zu gehen. «Ich habe den Zweiten Weltkrieg überlebt, ich habe keine Angst», habe sie gesagt.

Bis sie sieht, was wirklich geschieht: die Zerstörung von Wohnquartieren, Verwundete, Tote – ein humanitäres Desaster. Über die Massaker in Butscha sagte sie zu ihrem Sohn: «Die Deutschen waren grausam, schrecklich, aber während des ganzen Weltkriegs habe ich solche Dinge nicht gesehen.»

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Legende: Der ukrainische Künstler Pavlo Makov an der Biennale in Venedig. Keystone/AP Photo/Antonio Calanni

Pavlo Makov, 1958 in Sankt Petersburg geboren, lebte vor dem Krieg im Nordosten der Ukraine in Charkiw – mit 1.5 Millionen Einwohnern die zweitgrösste Stadt des Landes.

Makovs Werk umfasst Radierungen, Drucke, Zeichnungen, Skizzen und Skulpturen. Seine Kunst ist in vielen Museen und Sammlungen in der Ukraine und im Ausland zu finden.

Pavlo Makov ergreift mit seiner Mutter und seiner Frau die Flucht, lässt seine Kunstwerke und seine Heimat zurück. Und er schafft es nach Venedig.

Kunst schafft Identität

Der 63-jährige Pavlo Makov war schon lange eingeladen, an der Biennale seine Skulptur «Brunnen der Erschöpfung. Hochwasser» zu präsentieren. Für ihn ein wichtiger Beitrag für die Identität seines Landes: «Ich fühle mich zurzeit nicht als Künstler, sondern vielmehr als Bürger, der die Pflicht hat, etwas für sein Land zu tun. Die Ukraine muss repräsentiert werden, nicht ich.»

Der Widerstand dürfe nicht nur auf dem Schlachtfeld stattfinden, ergänzt die Kuratorin des Ukraine-Pavillons, Maria Lanko: «Wir hoffen, dass die ukrainische Kunst fähig ist, unsere Identität darzustellen. Die Russen wollen die Tatsache auslöschen, dass es die Ukraine gibt – als Land und als Kultur. Unsere Kultur zu bewahren und sie zu repräsentieren bezeugt, dass wir existieren.»

Der ukrainische Pavillon und die Galerie «The Naked Room»

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Legende: Das Kuratoren-Trio Maria Lanko (links), Borys Filonenko und Lizaveta German. zvg

Maria Lanko, Lizaveta German, Borys Filonenko und der Schweizer Marc Wilkins sind Mitglieder der Kunstgalerie «The Naked Room». Sie galt vor dem Krieg als eine der dynamischsten Galerien für zeitgenössische Kunst in der Ukraine. Die ukrainischen Galeristinnen und der Galerist kuratieren den Ukraine-Pavillon auf der Biennale Venedig.

Von diesem Widerstand zeugt auch die «Piazza Ucraina» an der Biennale: Eine Installation aus getürmten Sandsäcken. So wie man sie derzeit in vielen ukrainischen Städten findet, um Skulpturen und Denkmäler vor den Bomben zu schützen.

Ein Turm aus Sandsäcken auf einem öffentlichen Platz.
Legende: «Piazza Ucraina» in Venedig: Eine Installation des Kuratorenteams des ukrainischen Pavillons und designt von der ukrainischen Architektin Dana Kosmina. La Biennale di Venezia/Marco Cappelletti

Mut und Wille zum Widerstand

Um Makovs Installation in Venedig zu zeigen, ging Maria Lanko ein grosses Risiko ein. Denn das Werk aus 78 Einzelteilen befand sich bei Kriegsausbruch noch mitten im Bombenhagel von Kiew.

Die Kuratorin und ihr Team beschlossen mutig, die Skulptur aus der Gefahrenzone zu evakuieren: «Wir hatten ein halbes Jahr lang für den Pavillon gearbeitet, investierten unsere intellektuellen und finanziellen Ressourcen, unser Herz und unsere Seele. Es war sehr wichtig für unser Team, dass wir es an die Biennale schaffen würden.»

Trichter aus Metall in einer Kiste.
Legende: Aus Kiew evakuiert, mit dem Ziel Venedig: die Einzelteile von Pavlo Makovs Werk «Brunnen der Erschöpfung». zvg

Maria Lanko lud die Einzelteile der Skulptur in ihr Auto und fuhr los Richtung Rumänien. Bis zur Grenze brauchte sie mehr als sechs Tage. Sie erinnert sich: «Normalerweise schafft man das in einem Tag. Aber die Strassen waren verstopft, es ging alles sehr langsam.»

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Maria Lanko über die Rettung des Kunstwerks
Aus Kulturplatz vom 13.04.2022.
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Sie erreichte schliesslich Italien, wo die Einzelteile der Skulptur in einer Werkstatt zusammengefügt wurden.

Kunst retten

Der Schutz des kulturellen Erbes der Ukraine ist zu einem wichtigen Bestandteil der Kriegshilfe geworden. Die Museen versuchen, ihre Kunstschätze in unterirdischen Lagerbunkern in Sicherheit zu bringen. Und Galerien wie «The Naked Room» evakuieren laut Maria Lanko ihre Archive nach Möglichkeit in den Westen des Landes.

Pavlo Makov hatte mit seinen Kunstwerken Glück. Als sich die Situation in Charkiw zwischenzeitlich etwas beruhigt hatte – das heisst: Beschiessung statt Bombenhagel –, fuhr sein Sohn 1000 Kilometer aus der sicheren Westukraine nach Charkiw, um die Kunst zu retten. «Er sammelte meine Werke und die meiner Freunde in den Häusern und Ateliers ein», sagt Makov. «Ich bin sehr stolz auf ihn. Das war kein leichter Job.»

Das Drama überleben

Was kann Kunst in diesen Kriegszeiten konkret bewirken? Kunst sei keine Medizin gegen die Krankheiten der Gesellschaft, aber eine Diagnose, ist Pavlo Makov überzeugt. «Kunst beeinflusst das Leben, jedoch nur langfristig. Sie kann nichts sofort ändern. Aber ich denke, Kunst kann uns helfen, das Drama zu überleben.»

Eine Kunstinstallation aus dutzenden Trichtern, die Pyramidenförmig aufgehängt sind.
Legende: Pavlo Makovs Installation «Brunnen der Erschöpfung» an der Biennale in Venedig. Keystone/AP Photo/Antonio Calanni

Makov will durch seinen Auftritt an der Biennale Respekt und Akzeptanz für die erschöpfte Ukraine und seine Landsleute gewinnen: «Sie sind froh über jede Art von Erfolg der Ukraine. Wenn jemand etwas Gutes macht und das vom Rest der Welt gefeiert und gewürdigt wird, dann ist das natürlich eine grosse moralische Unterstützung.»

Kreative helfen der Armee

Dem renommierten Künstler ist es sehr wichtig, dass man versteht: «Das ist der Krieg der ganzen Nation, nicht der Politiker oder der Armee alleine. Es ist ein patriotischer Krieg.»

Das Militär steht für die Verteidigung einer freien Zivilgesellschaft, deshalb unterstützen viele Kreative mit ihrer Kunst direkt die ukrainische Armee. Seit einigen Jahren gibt es in der Ukraine Wohltätigkeits-Auktionen, an denen Kunstschaffende ihre Werke zugunsten der Armee versteigern.

Kunst als Kriegshilfe

Zu ihnen gehört auch Pavlo Makov, nun hat er seine Direkthilfe intensiviert: «Wenn ich jetzt Kunstwerke verkaufe, dann behalte ich für meine Familie und mich nur das nötige Geld, um zu überleben und weiterzuarbeiten. Den Rest sende ich an die Armee oder an die freiwilligen Helfer.»

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Aus dem Archiv: Videoprojekt für die Ukraine
Aus Tagesschau vom 12.04.2022.
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Das neueste Projekt, drei Wochen nach Kriegsausbruch entstanden, heisst «Art Helps Army». Es wird vom Schweizer Filmemacher Marc Wilkins gemanagt. Renommierte Künstlerinnen und Fotografen versteigern ihre Kunst, um der Armee zu helfen. Sie bieten allerdings nur Bilder an, die sich momentan nicht in der Ukraine befinden, um zu garantieren, dass die Werke auch wirklich lieferbar sind.

Ein Schweizer Regisseur hilft

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Legende: Der Schweizer Regisseur Marc Wilkins. zvg

Auch er hilft direkt mit seiner Kunst: der schweizerisch-britische Filmemacher Marc Wilkins. Der Gewinner des Schweizer Filmpreises 2017 ist vor sechs Jahren nach Kiew gezogen – fasziniert von der Aufbruchstimmung und der engagierten Zivilbevölkerung.

Nach Kriegsausbruch flüchtete er zunächst mit seiner ukrainischen Frau nach Berlin, entschloss sich aber rasch, in seine Wahlheimat zurückzukehren, um vor Ort zu helfen. Er sagt: «Es ist meine Verpflichtung und meine Verantwortung, mit allem, was ich habe, mit allem, was ich kann, mit zu verteidigen. Ich bin aber kein Soldat, ich kann nicht mit einem Gewehr an die Front.»

Doch Filme machen, das kann Marc Wilkins. Und so ist das Spendenprojekt #u4ukraine entstanden, bei dem er in kurzen Porträts couragierte Menschen aus der Ukraine vorstellt – mitten im Epizentrum des Krieges. Um Spenden zu sammeln und um von der Kreativität der Leute wie «du und ich» zu berichten, stellt er die Videos online. Die Spenden leitet Wilkins direkt an die Porträtierten weiter. Zudem leitet er das Charity-Projekt «Art Helps Army».

Der ukrainische Pavillon beeindruckt

Die Ukraine will nicht nur als Land im Krieg wahrgenommen werden, sondern ihre kulturellen Werte im Ausland verteidigen

Pavlo Makovs Skulptur ist dafür wie geschaffen. Sie ist im ukrainischen Pavillon das einzige Kunstwerk und besteht aus 78 Kupfertrichtern, die in Form einer Pyramide angeordnet sind. Das Wasser fliesst nur mühsam. Unten angekommen, tröpfelt es nur noch – ein Symbol der globalen Erschöpfung der Gesellschaft.

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Maria Lanko erklärt Makovs Installation
Aus Kulturplatz vom 13.04.2022.
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Pavlo Makov präzisiert: «Die Skulptur symbolisiert eine Art von grosser Erschöpfung der Menschlichkeit. Aber auch eine Erschöpfung unserer Beziehung zur Natur, unserer Beziehungen untereinander, zwischen den Ländern, in Politik und Ökonomie.»

Die Erschöpfung der Demokratie

Das Werk spricht laut der Kuratorin Maria Lanko die Gründe an, warum der Krieg überhaupt möglich gewesen sei: «Vor der Erschöpfung der Menschlichkeit gab es schon die Erschöpfung der Demokratie, die es Putin erlaubte, die Grenzen nicht mehr zu respektieren und zu prüfen, wie weit er gehen kann. Er kann weit gehen, wie wir sehen.»

Werk aus pyramidenförmig angeordneten Trichtern.
Legende: Die Trichter-Installation ist das einzige Werk im düsteren ukrainischen Pavillon. La Biennale di Venezia/Andrea Avezzù

Der russische Pavillon an der Biennale wird leer bleiben. Die Künstlerinnen und Künstler haben aus Protest gegen den Krieg abgesagt. Der Ukraine-Pavillon hingegen soll mehr sein als eine Kunstinstallation. Das erhofft sich Pavlo Makov: «Es ist sehr wichtig, ein Teil von Europa zu sein und als Ort wahrgenommen zu werden, wo Kultur spannend ist, wo sie wächst und wo viele interessante Dinge geschehen.»

Ein Sicherheitsmann vor dem geschlossenen russischen Pavillon in Venedig.
Legende: Ein Wachmann vor dem geschlossenen russischen Pavillon in Venedig. Keystone/AP/Antonio Calanni

Die Biennale beginnt dieses Wochenende am 23. April. Was Pavlo Makov und Maria Lanko danach tun und wohin sie gehen werden, wissen sie noch nicht. Es hängt vom Krieg und der Situation in der Ukraine ab.

59. Biennale in Venedig

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Die Kunstbiennale in Venedig findet alle zwei Jahre statt – dieses Jahr die 59. Ausgabe vom 23. April bis 27. November unter dem Titel «The Milk of Dreams». 213 Künstlerinnen und Künstler aus 58 Ländern stellen in den Gardini, im Arsenale und in der Stadt aus. 79 Länder präsentieren eigene Länderpavillons.

Der Goldene Löwe für das Lebenswerk geht an die Künstlerinnen Katharina Fritsch (Deutschland) und Cecilia Vicuña (Chile).

Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 20.04.2022, 17:20 Uhr

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10 Kommentare

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  • Kommentar von SRF Kultur  (SRF Kultur)
    Liebe Community, vielen Dank fürs Mitdiskutieren. Wir schliessen nun die Kommentarspalte und freuen uns auf weitere spannende Debatten. Liebe Grüsse, SRF Kultur
  • Kommentar von Monika Mitulla  (momi)
    Die Kunst darf nicht nur - nein, sie SOLL politisch sein. Die Kunst darf und muss die reichen und Mächtigen hinterfragen dürfen. Leider wehren sich eben diese Reichen und Mächtigen immer mehr gegen die Künstler, denn diese halten entlarvende Spiegel in ihren Händen. Kritik gegen Künstler und Intellektuelle nimmt (bei gewissen Themen) leider zu.
  • Kommentar von Maria Müller  (Mmueller)
    Kunst darf immer dann politisch sein, wenn sie einen linken Anstrich hat.

    Sie darf jedoch dann nicht polit. sein, wenn sie sich lobend Richtung Rechtsbürgerlichkeit oder gar SVP äussert.
    (Siehe all die Anfeindungen gegen Künstler wie Chris von Rohr, Golä, Trauffer und Co.)
    1. Antwort von Susanne Saam  (Biennoise)
      So ein Chabis; wir reden hier über Kunst, nicht über ein paar Liedli von wem auch immer.
    2. Antwort von Maria Müller  (Mmueller)
      Demfall sind für Sie also Künstler wie Chris von Rohr, Gölä und Co. sinngemäss keine "echten Künstler". (Sondern eher dumpfe "Liedli-Macher", deren Werke keine "echte" Kunst ist.)

      Irgendwie q.e.d. in Bezug auf mein Statement.
    3. Antwort von Susanne Saam  (Biennoise)
      Maria Müller - nein, das sind keine Künstler, siehe dazu auch meinen Kommentar von 16h. Wenn etwas eindeutig ist, nur eine Interpretation zulässt, ist es nicht Kunst. Es ist nicht jeder Musiker, jede Musikerin auch ein/e Künstler:in.