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«Die Pille»: Neuer Warnhinweis Nebenwirkung: Depressionen?

Legende: Audio Wie sinnvoll sind die neuen Hinweise zur Antibabypille? abspielen. Laufzeit 04:34 Minuten.
04:34 min, aus SRF 4 News aktuell vom 22.11.2018.

Wer die Antibabypille nimmt, kann depressiv werden und hat ein leicht erhöhtes Suizidrisiko: Dieser Warnhinweis steht neu auf der Packungsbeilage von Antibabypillen in der EU. Und bald auch in der Schweiz, wie die Heilmittel-Kontrollbehörde «Swissmedic» dem Tagesanzeiger, Link öffnet in einem neuen Fenster bestätigt hat.

Sibil Tschudin

Sibil Tschudin

Gynäkologin und Psychosomatikerin

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Sibil Tschudin ist leitende Ärztin im Bereich gynäkologische Sozialmedizin und Psychosomatik der Frauenklinik des Universitätsspital Basels.

Sibil Tschudin, Leiterin psychosomatische Gynäkologie in der Basler Frauenklinik, begrüsst die neuen Hinweise – warnt aber auch davor, die Pille zu verteufeln.

SRF: Finden Sie die neuen Hinweis richtig?

Sibil Tschudin: Der geplante Hinweis zeugt davon, dass «Swissmedic» die Resultate einer dänischen Studie ernst nimmt. Er berücksichtigt, dass Frauen aufgeklärt sein wollen. Das ist wichtig.

Wieso die neuen Hinweise?

Wieso die neuen Hinweise?
Legende:Keystone / Gaetan Bally

Grund für die neuen Hinweise auf den Beipackzetteln ist eine aktuelle, grosse Studie aus Dänemark, Link öffnet in einem neuen Fenster. Forscher der Universität Kopenhagen untersuchten dafür zwischen 1996 und 2013 das Suizidrisiko von rund 500'000 jungen Frauen.

Der Befund: Bei Frauen, die mit Antibabypille, Hormonpflaster oder -ring verhüteten, sind Suizide und Suizidversuche fast doppelt so häufig wie bei Frauen, die nie hormonell verhütet haben. Besonders hoch sei das Suizidrisiko zwei Monate nach Verschreibung der Pille, so die Studie.

Dass hormonelle Verhütung Auswirkungen auf die Stimmung haben und Depressionen triggern kann, ist in Fachkreisen schon länger bekannt.

Bereits bisher wurde daher in der Packungsbeilage depressiven Frauen von der Pille abgeraten. Nun wird daraus ein genereller Hinweis auf mögliche psychische Nebenwirkungen.

Natürlich dienen solche Hinweise immer auch der Absicherung. Bis wir mehr über die Zusammenhänge von hormoneller Verhütung und psychischen Problemen wissen, sind sie sicher nicht schlecht.

Heikel ist aber, dass dieser Warnhinweis Frauen und Paare davon abhalten könnte, eine sichere Verhütung anzuwenden. Damit steigt möglicherweise das Risiko von unerwünschten Schwangerschaften, die sehr belastend sein können.

Ist es verfrüht, die Packungsbeilage der Pille aufgrund einer einzigen Studie anzupassen?

Auf den Beipackzettel steht ja vieles. Unsere Aufgabe als Ärztinnen und Ärzte ist es, entsprechend aufzuklären. Entscheidend ist, dass wir diese Informationen in der Beratung richtig gewichten.

Legende: Video Frust statt Lust: Wenn Verhütungsmittel depressiv machen abspielen. Laufzeit 11:52 Minuten.
Aus Rundschau vom 11.04.2018.

Gut ist sicher, wenn wir dem Thema mehr Beachtung schenken. Etwa Frauen nach psychischen Problemen fragen, wenn wir ihnen die Pille oder ein sonstiges hormonelle Verhütungsmittel verschreiben. Dadurch können wir rechtzeitig eine gute Behandlung ermöglichen.

Grundsätzlich haben Sie keine Bedenken, die Pille weiterhin zu verschreiben?

Als Frauenärztin oder Frauenarzt überprüfen wir gut, ob bei einer Frau medizinische Gründe dagegen sprechen, die Pille oder ein anderes hormonelle Verhütungsmittel anzuwenden.

Es gibt heute gute Alternativen zur Verhütung mit Hormonen.

Im Vordergrund stehen Herz-Kreislauf-Risiken. Wenn dies nicht der Fall ist, schaut man, ob einer Frau ein hormonelles Verhütungsmittel entspricht. Wenn das zutrifft, spricht nichts gegen die Antibabypille.

Was raten Sie jungen Frauen, die Probleme haben mit hormonellen Verhütungsmitteln?

Es gibt heutzutage gute und sicherer Alternativen zur Verhütung mit Hormonen. Etwa die Spirale in verschiedenen Formen.

Ich mache im Moment die Erfahrung, dass viele junge Frauen mit dem Wunsch nach einer Spirale auf mich zukommen. Es ist wichtig, gemeinsam mit einer Frau zu überprüfen, was für sie die richtige Verhütung ist.

Also ist es von Person zu Person unterschiedlich, welches Verhütungsmittel besser oder weniger gut geeignet ist?

Auf jeden Fall. Darin spielen medizinische Überlegungen eine Rolle, aber auch die Vorlieben der jeweiligen Frau oder des Paares.

Es gibt Frauen mit Bedenken gegenüber einer Spirale, weil sie diese als Fremdkörper in ihrer Gebärmutter empfinden. Andere haben Bedenken gegenüber der Pille.

Wenn eine Frau nicht überzeugt ist, ist das Risiko für Nebenwirkungen grösser.

Es ist wichtig, diese Bedenken zu berücksichtigen. Denn wenn eine Frau nicht überzeugt ist von einem Verhütungsmittel, ist das Risiko für Nebenwirkungen sicher grösser.

Das Gespräch führte Janis Fahrländer.

2 Kommentare

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  • Kommentar von Isabelle Meier (Isa Meier)
    Ich finde es seltsam dass man nicht schon lange auf den Zusammenhang zwischen hormoneller Verhütung und der emotionalen Verfassung aufmerksam macht. Bei mir war es absolut offensichtlich dass ich mich besser gefühlt habe nach dem Absetzen der Pille. Jegliche Frauen mit welchen ich über dieses Thema spreche bestätigen, dass es ihnen genau so ergieng. Die Pille ist eine fantastische und wichtige Sache! Aber wenn möglich mal ohne die extra Hormone zu leben kann einem die Augen öffnen.
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  • Kommentar von antigone kunz (antigonekunz)
    Beachtlich finde ich, dass es Frauen gibt, die noch nie ihren eigenen Zyklus haben zu 'Worte' kommen lassen und die Pille völlig unkritisch über Jahre, Jahrzehnte nehmen. Dann Zack den Kinderwunsch und der Zyklus sollte dann spuren. Ein Weilchen ist es her, dass es Bücher wie Our Bodies, to Ourselves gab. Viel Literatur gibt's, wie frau sich möglichst einpasst in das, was sie vorfindet. Einer der Schauplätze patriarchaler Aneignung ist immer noch der Frauenkörper. Dies sollte frau nie vergessen.
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