Zum Inhalt springen

Header

Audio
Neue Wege bei Tierversuchen
Aus Wissenschaftsmagazin vom 06.06.2020.
abspielen. Laufzeit 06:49 Minuten.
Inhalt

Effizientere Tierversuche «Wir brauchen einen möglichst grossen Erkenntnisgewinn pro Tier»

Tierversuche sollen anders geplant werden als bisher. Internationale Expertinnen und Experten fordern einen grundsätzlichen Wechsel, damit die Versuche verlässlicher werden. Federführend dabei ist Hanno Würbel, Professor für Tierschutz an der Universität Bern. Er plädiert für mehr Variation in den Versuchsbedingungen.

Hanno Würbel

Hanno Würbel

Professor für Tierschutz

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Hanno Würbel ist seit Sommer 2011 Professor für Tierschutz an der Vetsuisse-Fakultät der Universität Bern.

SRF: Was ist das Problem an den Tierversuchen, so wie sie heute gemacht werden?

Hanno Würbel: In den meisten Fällen werden Tierversuche unter hoch standardisierten Bedingungen durchgeführt. Zum Beispiel werden Tiere einer bestimmten Zuchtlinie verwendet – sie sind genetisch identisch, erhalten alle das gleiche Futter und werden unter gleichen Bedingungen gehalten.

Damit kann man zwar alle möglichen Einflussfaktoren kontrollieren. Auf der anderen Seite erhält man aber Ergebnisse, die nur für diese spezifischen Bedingungen gültig sind. Das heisst: Man weiss nicht, ob die Ergebnisse auch unter anderen Bedingungen gültig sind. Das ist ein Problem.

Wenn unterschiedliche Resultate herauskommen, heisst das: Der Tierversuch oder sogar beide Tierversuche waren unnütz?

Das kann durchaus der Fall sein. Wenn man Versuche unter solch hoch standardisierten Bedingungen durchführt, weiss man eben nicht, ob die Ergebnisse generalisierbar sind oder nicht. Lebewesen reagieren auf alle möglichen Umweltbedingungen. Darum kann es sein, dass die Ergebnisse beeinflusst werden durch diese standardisierten Versuchsbedingungen.

Wie könnte man denn Tierversuche verbessern?

Wir schlagen vor, dass man die biologische Variation ins Versuchsdesign miteinbezieht. Tiere sind unterschiedlich, jedes Tier ist ein Individuum – und das muss man berücksichtigen.

Zum Beispiel, indem man verschiedene Zuchtlinien verwendet, indem man nicht nur Tiere eines Alters, sondern verschiedener Altersgruppen verwendet. Und indem man Tiere unter verschiedenen Bedingungen hält – einfach, um im Versuchsdesign eine gewisse Variation von Bedingungen zu haben.

Wenn hingegen die Ergebnisse je nach Zuchtlinie, Altersgruppe oder Umweltbedingungen anders aussehen, dann weiss man, dass man es mit einem sehr empfindlichen Ergebnis zu tun hat, das eben je nach Bedingungen unterschiedlich ausfallen kann. Und damit vermutlich nicht reproduzierbar oder nicht verallgemeinerbar ist.

Dieses Problem haben wir ja auch in der Medizin, wo wir meistens Versuche mit jungen, gesunden Männern machen und die Medikamente nicht auch an Frauen, an Kindern oder an älteren Menschen testen.

Genau. In der klinischen Forschung an Menschen hat man festgestellt, dass es wichtig ist, dass man die gesamte Population abbildet, also eine repräsentative Stichprobe für die Population auswählt, auf die dann die Ergebnisse auch anwendbar sein sollen.

Braucht man mit diesen Massnahmen insgesamt noch mehr Versuchstiere?

Nein. Man kann solche Versuche planen und mit statistischen Methoden auswerten, sodass man bei gleicher Tierzahl mehr Information erhält. Das ist ja letztlich das Ziel, das wir haben müssen bei Tierversuchen: Es geht nicht darum, möglichst wenige Tiere pro Versuch zu verwenden, sondern wenn wir schon Tiere verwenden, dass wir dann einen möglichst grossen Erkenntnisgewinn pro Tier erzielen.

Ihre Kritik an der bisherigen Form der Tierversuche ist sehr deutlich. Sie fordern jetzt ein grundsätzliches Umdenken. Haben Sie denn Anzeichen dafür, dass man das in der Forschungsgemeinschaft auch ernst nimmt und umsetzt?

Ja, das wird ernst genommen. Zum einen, weil tatsächlich Probleme bestehen mit der Reproduzierbarkeit von Forschungsergebnissen bei Tierversuchen. Insofern sind Wissenschaftler sensibilisiert für dieses Thema. Und wenn tatsächlich Lösungen angeboten werden können, die einen Fortschritt bringen und gleichzeitig auch umsetzbar sind, dann werden die schon beachtet.

Das Gespräch führte Christian von Burg.

Radio SRF 2 Kultur, Wissenschaftsmagazin, 6.6.2020, 12.35 Uhr;

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

17 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

verfügbar sind noch 500 Zeichen

Mit dem Absenden dieses Kommentars stimme ich der Netiquette von srf.ch zu.

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von Alois Keller  (eyko)
    Tierversuche sind ineffektiv. 95 % aller Medikamente, die Tierversuche erfolgreich durchlaufen, schlagen beim Menschen fehl. Indem wir den Schritt dieser irrelevanten Tierversuche überspringen, sparen wir wertvolle Zeit und können lebensrettende Medikamente schneller auf den Markt bringen. Außerdem können finanzielle Ressourcen so zielführend eingesetzt werden. Auf dem Weg zu einer schnellen Entwicklung sicherer und effektiver Medikamente und Impfstoffe stellen Tierversuche eine Barriere dar.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von Alois Keller  (eyko)
    Es ist an der Zeit,den Absprung zu humanen, effizienten und modernen tierversuchsfreien Testmethoden zu vollziehen.Damit können wirklich relevante und zuverlässigere Ergebnisse erzielt werden, ohne weiterhin furchtbares Leid zu verursachen. Studien haben gezeigt, dass Tierversuche nicht dazu geeignet sind, menschliche Reaktionen auf Krankheiten oder Medikamente präzise vorauszusagen. Tiere sind nicht dazu da, dass wir an ihnen experimentieren.Den Tieren gebührt unser Respekt, auch den Nutztieren
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten
  • Kommentar von Alois Keller  (eyko)
    In legalen „wissenschaftlichen Experimenten“ werden Tiere vergiftet, Futter-, Wasser- oder Schlafentzug ausgesetzt, ihre Haut und Augen werden verätzt, sie werden massivem psychischen Stress ausgesetzt, absichtlich mit Krankheiten infiziert, ihr Gehirn wird beschädigt, sie werden gelähmt, verstümmelt, verstrahlt, verbrannt, vergast, zwangsgefüttert, bekommen Stromschläge und werden getötet. All dies erleiden jährlich 3 Millionen Tiere alleine in Deutschland. Und in der Schweiz? Endlich aufhören
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten