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Ein neues Zeitalter in der Forschung zu Gentechologie bricht an
Aus Wissenschaftsmagazin vom 26.10.2019.
abspielen. Laufzeit 11:48 Minuten.
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Gesundheit durch CRISPR? «Es wird schwer, Nein zu sagen, wenn man weiss, wie es geht»

Ein russischer Forscher will gehörlosen Paaren hörende Kinder ermöglichen. Zu unsicher sei die Technik, so die Gegner.

Es ist knapp ein Jahr her: Der chinesische Forscher He Jiankui gab in Hongkong bekannt, dass zwei Babys mit verändertem Genom auf die Welt gekommen waren. He sagte, sie seien nun resistent gegen HIV.

Der Aufschrei war riesig. Das einhellige Urteil der Forscherwelt: Zu früh, unverantwortlich und viel zu gefährlich. Die verwendete Technik – die Genschere CRISPR-Cas – sei noch viel zu neu und zu wenig verstanden.

So funktioniert die «Gen-Schere»

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Das Akronym CRISPR steht für «Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats».

CRISPR/Cas9 ist eine Methode, mit der Forscher das Erbgut fast beliebig verändern können. Die Methode schauten sich Forschende von bestimmten Bakterien ab. Wenn diese Bakterien von einem Virus befallen werden, benutzen sie ein Protein namens Cas, um sich davor zu schützen.

Das Cas-Protein schneidet das Erbgut der Bakterien an bestimmten Stellen auseinander und baut sie anschliessend mit Hilfe eines neuen DNA-Flickens wieder zusammen. Das Viren-Erbgut wird dadurch unschädlich gemacht und die Infektion ist abgewehrt.

Seit 2012 arbeiten Forschende daran, diesen Reparatur-Mechanismus auf sehr einfache Art und Weise auch ausserhalb von Bakterienzellen einzusetzen. Das klappt inzwischen in Tier-, Pflanzen- und Menschenzellen.

Das grosse Versprechen

Inzwischen ist aber klar, dass mindestens ein Forscher Ähnliches vorhat wie He. Denis Rebrikov aus Russland sucht im Moment gehörlose Paare mit Kinderwunsch und verspricht ihnen, dass sie mit seiner Hilfe hörende Kinder bekommen können.

Gleichzeitig versuchen Forscher und Forscherinnen in den USA und Grossbritannien einen Prozess in Gang zu setzen, Link öffnet in einem neuen Fenster. Sie wollen einen international anerkannten Rahmen für diese Art der Forschung schaffen. Dabei soll auch geklärt werden, in welchen Fällen ein solcher Eingriff ins Erbgut von Embryonen gerechtfertigt wäre.

Unser Erbgut verändert sich täglich

Einer dieser Forscher ist Matt Porteus von der Stanford-Universität in den USA. Er ist ganz vorne mit dabei bei der Erforschung von Gentherapien. Porteus setzt die Genschere CRISPR-Cas beispielsweise ein, um Leber- oder Hirnzellen genetisch zu verändern und so Krankheiten zu heilen.

Porteus relativiert: «Wir Menschen tun täglich Dinge, die unser Erbgut verändern. Wir fliegen, wir gehen in die Sonne.» Sein Ziel ist, dass Gentherapie ungefährlicher wird als die Einflüsse, denen wir uns ohnehin täglich aussetzen.

«Wir sind noch nicht so weit»

Das Erbgut von Embryonen zu verändern, sei aber etwas ganz anderes. Die Veränderung betreffe dann nicht mehr nur ein paar Tausend Körperzellen, sondern wird von ihrem Träger an die Nachkommen weitergegeben.

«Soweit sollten wir noch nicht gehen», mahnt Proteus. Die Technik sei noch nicht sicher. Der Forscher aus Standford ist überzeugt, dass es noch viele Jahre Arbeit braucht, bis die Genschere sicher angewandt werden kann.

Probleme beheben

Das Projekt von Denis Rebrikov – gehörlose Eltern hörende Kinder zu ermöglichen – ist genetisch betrachtet allerdings durchaus schlüssig: Gehörlosigkeit ist häufig genetisch bedingt. Und oft weiss man genau, wo der Fehler im Erbgut steckt.

Viele gehörlose Paare wissen zudem sicher, dass sie ihre Gehörlosigkeit an ihre Kinder weitervererben werden. Sie haben ohne gentechnischen Eingriff keine Chance auf hörende Kinder.

Was, wenn man weiss, wie es geht?

«Es wird schwer werden, Nein zu sagen, wenn wir einmal wissen, wie es geht.» Das sagt Steve Brown vom britischen MRC Harwell Institute. Er erforscht dort die genetischen Grundlagen von Taubheit.

Video
Crispr, der Baby-Designer
Aus Einstein vom 18.10.2018.
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Der Plan des Russen sei deshalb grundsätzlich anders gelagert als das, was der Chinese He Jiankui getan habe. HIV-resistente Babys zu zeugen sei medizinisch nämlich gar nicht unbedingt nötig.

Denn mit antiviraler Therapie kann man HIV bei Eltern so weit kontrollieren, dass die Gefahr für die Babys minim ist. Es hätte also eine sinnvolle Alternative gegeben.

Sorgfalt vor Geschwindigkeit

Ob Rebrikov schon ein Paar gefunden hat, das den Eingriff machen will, ist etwas undurchsichtig. Ob er die staatliche Bewilligung bekommt, ist auch noch offen. Wann das nächste Baby mit verändertem Erbgut zur Welt kommt, ist also schwer abzuschätzen.

Klar ist aber: Es gibt einzelne, die vorpreschen, um die neuen Möglichkeiten schnell zu nutzen. Gleichzeitig versucht die restliche Forschergemeinde einen sinnvollen Rahmen zu schaffen. Ihr Ziel: ein behutsameres Vorgehen.

22 Kommentare

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  • Kommentar von M. Roe  (M. Roe)
    Jeder soll da sagen was er will. Aber einfach nicht wieder "weinen und schluchzen" wenn etwas schief läuft. Wenn ihr dann die Eigenverantwortung übernehmt, warum nicht!
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  • Kommentar von Alex Volkart  (Lex18)
    Es ist leicht nein zu sagen wenn man weiss was die Folgen sind. Keine echten Menschen mehr sondern Laborgeschöpfe. Auch wird das Herumpfuschen am Menschen ihre Folgen haben auf die weitere Entwicklung des Menschen. Sicher werden sich dadurch auch neue wenn nicht sogar schlimmere Krankheiten entwickeln. Um dies vorauszusehen braucht man kein Wissenschaftler zu sein, sondern Realist.
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    1. Antwort von Andreas Müller  (Hugh Everett)
      Cystische Fibrose ist eine schwer erbliche Krankheit die auf einer einzigen Mutation in der DNA beruht. Die Patienten leben ein mühsames Leben und ersticken auf grausame Art. Diesen Fehler kann man mit CRISPR sehr leicht im Mehrzellstadium eines Embryonen beheben. Das Resultat wäre ein gesunder Mensch. Dieser Mensch wäre dann nach Alex Volkart (Lex18) ein Labor Geschöpf.
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    2. Antwort von Mike Pünt  (Scientist)
      Genau, Herr Müller. Und neben Cystischer Fibrose gibt es noch mehrere tausend andere, sogenanne 'seltene Krankheiten', die sehr oft auf solche Gendefekte zurückzuführen sind. Mit klassischen Medikamenten ist den meisten dieser Krankheiten kaum beizukommen (Entwicklung zu teuer angesichts der kleinen Anzahl an Betroffenen). Hier wäre die Gentherapie eine Art Allheilmittel, welches das Problem direkt an der Wurzel anpackt. Aber wie gesagt, man ist noch weit weg von einer sicheren Anwendung.
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    3. Antwort von Alex Volkart  (Lex18)
      An Herr Müller: Wenn man eine Veranlagung für eine gewisse Krankheit hat heisst dies noch lange nicht dass man Sie schlussendlich hat. Es mag hart klingen, aber Eltern die wissen dass Sie eine schwere Krankheit haben sollten keine Kinder zeugen die diese Krankheit dann auch hat. Das Herumpfuschen am Erbgut hat nicht annähernd den Stand erreicht um wirksam eingesetzt zu werden. Wer Gott spielt muss auch für die Folgen geradestehen.
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    4. Antwort von Andreas Müller  (Hugh Everett)
      @Mike Pünt Ich denke die Forschung wird hier schnell grosse Fortschritte machen. Denn jetzt ist die Türe zu neuen Behandlungen weit offen.

      Aktuell wird auch am synthetischen Genom eines Bakteriums gebaut das vollkommen gegen Viren (in dem Fall Phagen) immun sein wird. Der Schritt von einem total immunen Bakterium zu anderen Lebensformen ist dann nur noch Formsache. Man stelle sich vor gegen HIV, Hepatitis usw. genetisch immun zu sein. Ein unglaublicher Fortschritt.
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    5. Antwort von Patrick Schön  (Patser)
      @Alex Müller Das nächste Problem wird dann leider ein viel schlimmeres sein, die Überbevölkerung welche schon jetzt in den Kinderschuhen steckt. Wir werden zu viele und leben schon zu lange.
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    6. Antwort von Andreas Müller  (Hugh Everett)
      Alex Volkart (Lex18) CF ist rezessiv. d.h. wenn nur eine Elternteil das defekte Gen hat, ist der Nachwuchs gesund. Sind aber beide Eltern Träger, dann wird das Kind krank sein. Diese Situation kann man nun erstmals in der Geschichte der Menschheit korrigieren. Mit Gott speilen wollen könnte man ja alles beurteilen wollen. Brille tragen, Insulin spritzen, Impfen usw. am besten ist es man lässt Gott aus dem Spiel den dieser hat, sofern es ihn gibt auch alle Krankheiten erfunden...
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  • Kommentar von Rolf Künzi  (Unbestimmt)
    Wie sehr sich die Natur verändert auch ohne Eingriff das Menschen sieht man daran. Bakterien und Vieren scheinen ein Dualismus oder besser eine Dualität darzustellen. Ein miteinander verbundenes, komplementäres aber auch austuschendes System, laut ARTE, innerhalb von 48 Stunden werden die Hälfte aller Bakterien der Erde durch Vieren, den Bakteriophagen vernichtet. Nochmals im Darm hat es 1 Trillion Bakterien. Das ist Gentechnik.
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    1. Antwort von Andreas Müller  (Hugh Everett)
      Was wollen sie und nun genau damit sagen?
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    2. Antwort von Rolf Künzi  (Unbestimmt)
      @A Müller, machmal will ich gar nicht so viel sagen, ich möchte in einem Fall wo der Blickwinkel zu einseitig ist eher irritieren, den solange das Hören noch nicht so weit ist nützt Reden noch nichts. Ich will bei gewissen Themen eine Balance herstellen, so wie bei Bakterien und Vieren ein Balance bestehen muss und wir sind Gesund. Epigenetik ist genauso wichtig wie Genetik, aber warum wollen das viele noch nicht hören???
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    3. Antwort von Mike Pünt  (Scientist)
      Herr Künzi, es sagt ja keiner, dass Epigenetik nicht wichtig ist. Allerdings ist Epigenetik ein eher junges und auch sehr komplexes Forschungsfeld. Die Zusammenhänge sind dort nicht so linear wie bei der Genetik. Aber übrigens wurden schon Cas9 varianten entwickelt, welche bestimmte Gene nur an oder abstellen (Epigenetik), aber nicht schneiden.
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    4. Antwort von Rolf Künzi  (Unbestimmt)
      @ Mike Pünt, die Genetik und die Epigenetik leben seit Milliarden von Jahren nebeneinander und trotzdem wird immer von der Genetik gesprochen, es ist genetisch bedingt. Das heisst nicht abwendbar, determiniert in Stein gemeisselt, so als ob Gene wie Buchstaben unabänderbar sind. Schneiden und Medikamente stehen im Vordergrund, Verhalten und geistiger Einfluss scheinen unwichtig. Die Genschere ist ja genau den Bakterien angeschaut. Ich für meinen Teil höre besser den je ohne operieren.
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