Gefahr für Schiffe Monsterwellen können fast 30 Meter hoch werden

Bis zu 30 Meter hohe Wellen gefährden Schiffe, Bohrinseln oder Windparks. Forscher arbeiten an einem Frühwarnsystem.

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Die Macht der Monsterwellen

1:47 min, vom 26.4.2017

Das Wichtigste in Kürze:

  • Monsterwellen sind doppelt so hoch wie die grösste anzunehmende Welle gemäss Seegang.
  • Ihre Entstehung ist unklar, sie können überall auf der Welt vorkommen.
  • Schätzungsweise 10-20 Monsterwellen sind ständig auf den Weltmeeren präsent.
  • Forscher kommen dem Phänomen auf die Spur und arbeiten an Frühwarnsystemen.
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Typisierung von Monsterwellen

Drei Typen von Monsterwellen unterscheidet die Forschung:

  • «Kaventsmann»: eine einzelne, sehr kurzlebige Extremwelle
  • «Drei Schwestern»: eine Kaskade von drei hohen Wellen, deren verheerendste die letzte ist
  • «Weisse Wand»: eine massive Wasserwand, die sehr breit und heftig werden kann

Lange Zeit gehörten Erzählungen über Monsterwellen auf hoher See ins Reich der Mythen oder galten als hartnäckig überliefertes Seemannsgarn. Seit 1995 aber sind sie erwiesen: Fast dreissig Meter hohe Wellen gibt es tatsächlich!

Laut Theorie kaum möglich

Auslöser war die sogenannte «Neujahrswelle», die am 1.1.1995 die «Draupner»-Gasförder-Bohrinsel vor der Küste Norwegens in einem Sturm getroffen hatte. Der Wassereinschlag geschah auf einer bisher nie geglaubten Höhe von 26 Metern – so hatten es die auf der Bohrinsel installierten Sensoren gemessen.

Seither rätselt die Forschung: Solch hohe Wellen dürften laut Theorie kaum möglich sein. Selbst bei schwerstem Seegang rechnet man mit Wellengrössen um die 15 Meter (vom Wellental bis zur Wellenspitze).

Der Wellenforscher

An der Technischen Universität Hamburg betreibt der Physiker Norbert Hoffmann mit seinem Team intensive Forschung zum Thema nicht-linearer Wellen und Extremereignisse.

Mann, der lächelt Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Physiker und Wellenforscher Norbert Hoffmann von der Technischen Universität Hamburg. SRF

SRF: Herr Hoffmann, was macht die Erforschung der Monsterwellen so schwierig?

Norbert Hoffmann: Diese Wellen sind sehr flüchtig, existieren eigentlich nur während ein paar wenigen Minuten. Es gibt schlichtweg zu wenig Daten.

Über grosse Teile der Weltmeere gibt es zudem keine flächendeckende Satellitenüberwachung – es ist also schwierig, diese kurzlebigen Phänomene zu erfassen. Und wenn Sie eine Monsterwelle vor sich haben, denken Sie zuletzt an ein Foto.

Was weiss man heute aus Forschersicht über diese Monsterwellen?

Normalerweise werden Wellen grösser, indem sich die Massen kleinerer Wellen akkumulieren – das ist berechenbar. Monsterwellen können aber schlagartig etwa doppelt so gross werden und schnell brechen. Tausende Tonnen Wasser ergiessen sich dann in einem Schwall und können grossen Schaden anrichten.

«  Monsterwellen können überall auf der Welt auftreten. »

Mit unseren Simulationen im Wellenbecken kommen wir dem Phänomen der Monsterwellen auf die Spur, denn sie verhalten sich seltsam: Es scheint so, als würden sie zu einem bestimmten Zeitpunkt spontan Energie von Nachbarwellen abziehen. Dadurch werden sie unberechenbarer und können in kürzester Zeit massiv in die Höhe wachsen. Wir können diese Situationen aber hier im Wellenbecken erzeugen.

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RCI

Wovon ist die Bildung einer Monsterwelle abhängig?

Von sehr vielen Faktoren: Vom Wetter, dem Wind, aber auch den Strömungsverhältnissen und den lokalen Wassermassen. Und die Praxis zeigt: Sie können überall auf der Welt auftreten.

Man würde ja erwarten, dass Wellen heute vollends erforscht sind, aber das ist nicht der Fall. Es ist ein sehr kleinräumiges, flüchtiges Ereignis. Man kann sie vielleicht mit den Böen in der Meteorologie vergleichen: Über Böen weiss man heute noch viel zu wenig. Und über Wellen vielleicht noch etwas weniger.

Sie kommen öfter vor als erwartet. Was bedeutet das?

Es gibt starke Indizien, dass einige Schiffsunglücke auf Begegnungen mit Monsterwellen zurückzuführen sind. Sie sind also eine latente Gefahr für Schiffe. Wenn auch eher selten anzutreffen, wird die Lage däfür umso prekärer, wenn sie da sind.

«  Es gibt starke Indizien, dass einige Schiffsunglücke auf Begegnungen mit Monsterwellen zurückzuführen sind. »

Um diese Gefahr zu minimieren, arbeiten wir an einem Frühwarnsystem, denn ein solches gibt es noch nicht. Wenn man Schiffe ein paar Minuten im Voraus warnen könnte, würde das reichen, um sich auf ein solches Naturphänomen bestmöglich einstellen zu können. Viel dagegen tun kann man nicht. Aber zu viele Fehlalarme wären kontraproduktiv – eine verlässliche Prognose ist drum kein einfaches Ziel.

Aber auch bei Bohrinseln oder Windparks würde man in der Risikoanalyse von einem solchen System profitieren.

Sendung: SRF 1, Einstein, 04.05.2017, 20:00 Uhr

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