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Aus dem Archiv: Tornado im Vallée de Joux (Tagesschau 26.8.71, ohne Ton)
Aus Kultur Extras vom 08.07.2021.
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Unwetter in der Schweiz «Man muss überall in der Schweiz mit Tornados rechnen»

Autos flogen davon, Hausdächer durch die Luft: Im August 1971 traf ein heftiger Tornado den Waadtländer Jura. Experten sagen: Das könnte wieder passieren.

Der grünlichgelbe Himmel mit den schwarzen Wolken verhiess nichts Gutes. Uhrmacher Daniel Aubert aus Le Brassus verliess seine Werkstatt. Er hörte den Donner grollen, wollte ins Auto steigen und nach Hause fahren.

«Wenn ich das gemacht hätte», sagt der heute 86-Jährige, «wäre ich wohl nicht hier und könnte diese Geschichte nicht mehr erzählen». Er bekam ein ungutes Gefühl, überlegte es sich anders und ging zurück ins Haus.

Legende: Eine Schneise der Verwüstung: die Szenerie in Le Brassus nach dem Tornado 1971. ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Baumann, Heinz

Kurz darauf zog der Tornado direkt über ihn hinweg. «Es tönte wie ein Düsenjet, alles zitterte. Die Fenster waren aussen wie verklebt vom herumgewirbelten Heu und Stroh, und man sah gar nichts mehr.»

Als Aubert einige Minuten später wieder hinausging, war sein Auto weg. Der Tornado hatte es knapp 100 Meter durch die Luft getragen. Jetzt lag sein Fiat 1100 zusammengefaltet im Wasser der Orbe. Die Räder zeigten nach oben.

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Tornados in der Schweiz
28:09 min, aus Wissenschaftsmagazin vom 10.07.2021.
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100 Menschen obdachlos

Der Tornado vom 26. August 1971 ist einer der stärksten, der je in der Schweiz wütete. Er hatte Windgeschwindigkeiten von bis zu 300 Kilometern pro Stunde.

Den Menschen im Dorf flogen sprichwörtlich die Dächer über dem Kopf weg. 40 Häuser erlitten Totalschaden, 100 Menschen wurden obdachlos. Die Armee schickte Soldaten zum Aufräumen.

Im Wald schlug der Tornado eine 20 Kilometer lange Schneise. Die Bäume lagen verwirbelt am Boden. Die Passstrasse nach Lausanne über den Col de Mollendruz war unpassierbar, weil die Bäume, geknickt wie Streichhölzer, auf einer Länge von einem Kilometer quer über die Strasse lagen. Forsttrupps aus der ganzen Schweiz wurden aufgeboten. Sie zogen ein Drittel der jährlichen Holzernte im Kanton Waadt aus dem Wald.

Legende: Kurz vor Romainmôtier zerstörte der Tornado noch einen Campingplatz. Die Wohnwagen flogen herum wie Plastikspielzeug. ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Krebs, Hans

Bevor der Tornado bei Romainmôtier an Kraft verlor, zerstörte er noch einen Campingplatz. Die Wohnwagen wurden angehoben und herumgewirbelt wie Spielzeugautos. Wie durch ein Wunder gab es auf der ganzen Strecke keine Toten, nur Verletzte.

«Der Tornado kam zum Glück, kurz bevor die Schule aus war», sagt Patrick Viquerat, der heutige Gemeindepräsident von Le Brassus. «Danach nahmen wir unsere Velos und schauten uns die Schäden an: Autos, die in den Feldern lagen, abgerissene Dächer – wir konnten es kaum glauben.»

Jura eignet sich für Tornados

Schon 1890 und 1624 sind verheerende Tornados durchs Vallée de Joux gezogen. Warum diese Häufung? «Der Jura ist für Schweizer Verhältnisse besonders geeignet für Tornados», sagt der Meteorologe Willi Schmid, «er ist offener für die feuchtwarmen Luftmassen, die aus Südwesten gegen die Schweiz vorstossen». Zudem verstärken sich dort die Windströmungen, vor allem in Bodennähe, und das sind wichtige Voraussetzungen für die Bildung von Tornados.

Schmid beschäftigt sich seit 1995 wissenschaftlich mit Tornados. Damals hatte er mit dem ETH-Wetterradar ein Gewitter eingefangen und ausgewertet und dabei zufällig auch einen Tornado registriert. «Wir waren damals noch überrascht, auch in der Nordschweiz einen Tornado zu entdecken», sagt Schmid.

Seither sind Tornados in vielen Landesteilen der Schweiz beobachtet worden. Alle waren aber viel schwächer als die im Jura. Jährlich wird etwa eine Hand voll bis ein Dutzend Tornados gemeldet, grösstenteils sind es Wasserhosen über den grossen Schweizer Seen. «Man muss überall in der Schweiz mit Tornados rechnen, ausser vielleicht im Hochgebirge», sagt Schmid.

Legende: «Der Jura ist in der Schweiz besonders geeignet für Tornados», sagt Meteorologe Willi Schmid. SRF / Christian von Burg

Bis über 1000 Tote möglich

Auch wenn die Mehrzahl der Tornados in der Schweiz nur kleinere Schäden anrichten, darf man diese Wirbelstürme nicht unterschätzen. «Auch in Europa können sie eine gewaltige Wucht entwickeln», sagt die US-Tornadoforscherin Jana Houser von der Universität von Ohio. Sie erforscht die Entstehung von Tornados mit mobilen Radaranlagen, die auf Autos mitgeführt werden können.

Legende: Jana Houser, Tornadospezialistin von der Ohio University: «Auch in Europa können Tornados eine gewaltige Wucht entwickeln.» Jana Houser

Europäische Meteorologen haben in einer Studie ein Worst-Case-Szenario errechnet. Sie haben einen Zug von mehreren Tornados hintereinander genauer analysiert und haben den Tornado von 1967, der damals in Frankreich, Belgien und den Niederlanden wütete, virtuell leicht verschoben auf heute stark besiedelte Gebiete in der Region. Nach den Berechnungen der Wissenschaftler würden so 140'000 Gebäude beschädigt und es gäbe 170 bis 1700 Todesfälle.

Ist das wirklich realistisch? «Ja», sagen Houser und Schmid unisono. Die Studie sei sauber gemacht, allerdings stelle sich die Frage, wie wahrscheinlich so ein schlimmstmögliches Szenario sei.

«Einen so grossen Tornadozug gibt es in Mitteleuropa etwa alle 100 Jahre, und dann muss er auch noch ein stark besiedeltes Gebiet treffen», sagt Schmid. «Die Wahrscheinlichkeit, dass beides zusammen eintrifft ist, zum Glück nicht sehr gross».

«In 30 Sekunden war das Dach weg» (RTS Archiv)

Identitätskarte fliegt 75 Kilometer weit

Dass Tornados aber auch in der Schweiz eine enorme Kraft entwickeln können, weiss der Uhrmacher Daniel Aubert jetzt schon seit 50 Jahren. Damals wurde nämlich nicht nur sein Auto, sondern auch seine Identitätskarte fortgewirbelt.

Sie lag im Handschuhfach und wurde herausgeschleudert. Tornados entwickeln eine starke Saugwirkung. Wegen des Unterdrucks im Tornadorüssel werden leichtere Gegenstände bis zu 8 Kilometer in die Höhe gehoben. Das konnte Jana Houser mit ihren Radarmessungen nachweisen.

Erst in der Nähe von Neuenburg segelte Auberts Identitätskarte wieder zu Boden, 75 Kilometer Luftlinie von Le Brassus entfernt. Drei Monate nach dem Tornado bekam er den amtlichen Ausweis per Post zurückgeschickt. Ein Mann hatte die Identitätskarte zusammen mit Holzschindeln aus Le Brassus in einem Feld gefunden.

Den Brief hat Aubert aufbewahrt: «Ich erachte es als meine Pflicht, ihnen diese Identitätskarte zurückzuschicken», schrieb der Finder, «auch wenn ich befürchte, dass sie in diesem Zustand nicht mehr gültig sein dürfte.»

Radio SRF 2 Kultur, Wissenschaftsmagazin, 10.07.2021, 12:40 Uhr

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12 Kommentare

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  • Kommentar von Adriano Granello  (adgr)
    "Ein Tornado wie 1971 könnte es in der Schweiz wieder geben."

    Ich hätte gewettet, dass es heissen müsste: "EINEN Tornado wie 1971...".

    Deutsche Sprache, schwere Sprache! Zuweilen auch für Journalisten mit akademischem Abschluss. Oder war es nur die Aushilfe vom Dienst...?
    1. Antwort von SRF Kultur (SRF)
      @Adriano Granello Danke für den Hinweis, nur: Weder die Journalisten mit Abschluss noch die Aushilfe vom Dienst können die entsprechende Stelle im Artikel finden.
  • Kommentar von Daniel Gion  (dgion)
    Ein so starker Tornado - 1971. Würde diese Ereignis heute stattfinden wäre bestimmt wieder der Klimawandel schuld, wie bei jedem Wetterereigniss...
    1. Antwort von Elias Frei  (Téchnekratos)
      Der Klimawandel ist nicht an jedem Wetterereignis schuld. Klima und Wetter sind unterschiedlich zu betrachten. Jedoch beeinflusst das Klima in übergeordnetem Masse das Wetter. Ob eine beliebige Katastrophe ohne Klimawandel ausgeblieben wäre ist praktisch unmöglich zu sagen. Jedoch können Häufigkeit und Intensität bestimmt werden und genau dabei lässt sich einen Einfluss des Klimawandels feststellen.
    2. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Solche Ereignisse häufen sich heutzutage. Ein einzelnes Ereignis kann allein für sich nicht dem Klimawandel zugeordnet werden. Es ist die Häufigkeit und Intensität die darauf hinweisen.
    3. Antwort von Daniel Gion  (dgion)
      @Planta dann vergleichen sie zB. Mal die Häufigkeit und Intensität der Hochwasserereignisse um 1850 +-30 Jahre mit der Anzahl Ereignisse in den letzten 30Jahren. Zur einfachen Überprüfung können Sie ja den Wasserstand des Rheins bei Basel als Referenz nehmen. Der Rhein führt ja den größten Teil des Wassers aus der Schweiz ab und für Basel gibt es zuverlässige Messwerte
  • Kommentar von Patrik Müller  (P.Müller)
    Gabe es auf SRF nicht gerade kürzlich einen Bericht aus fachlichem Munde, in dem zu lesen war, dass in der Schweiz, wegen ihrem Terrain, eher keine Wirbelstürme zu befürchten sind? Tatsächlich, das Klima ändert sich anscheinend rasend schnell...