50. Todestag Wenn uns bei Animationsfilmen plötzlich unheimlich wird

Während Animationsfilmen beginnen Kinder manchmal unvermittelt zu weinen. Der Effekt heisst «das unheimliche Tal».

Szene aus dem Film «Polar Express» Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Uncanny Valley»-Effekt: Die Figuren aus dem Film «Polar Express» machen Kindern Angst. Keystone

  • Das «unheimliche Tal» bezeichnet das Unbehagen, das uns beschleichen kann, wenn Animationsfiguren oder Roboter fast menschlich wirken – der «Uncanny Valley»-Effekt.
  • Für die Filmindustrie ist das «unheimliche Tal» ein Problem: Filme können deswegen floppen.
  • Der Gruseleffekt kann verhindert werden, indem die Imitation entweder klar oder gar nicht mehr erkennbar ist.
  • Filmkonzerne wie Disney forschen daran, menschliche Figuren möglichst realistisch zu animieren.

Wege aus dem «unheimlichen Tal»

5:51 min, aus Wissenschaftsmagazin vom 10.12.2016

Bei einer Testvorführung für den Film «Shrek» begannen Kinder zu weinen. Woran lag das? Manche Figuren waren zu realistisch animiert. Diese landeten im «unheimlichen Tal». So heisst der Gruseleffekt, der bei allzu menschenähnlichen Animationsfiguren, Robotern oder auch Prothesen auftreten kann.

Die Lösung? Die Künstlichkeit der Animation muss entweder klar erkennbar sein oder ganz verschwinden. Bei «Shrek» konnten die Produzenten das Problem beheben, indem sie die Prinzessin weniger realistisch animierten.

Doch für die Filmindustrie bleibt das «unheimliche Tal» ein grosses Thema. Der Film «Polar Express» hatte ebenfalls mit diesem Problem zu kämpfen. Anders als «Shrek» war er ein Flop.

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Das «Uncanny Valley»

Das «unheimliche Tal» geht auf den Japaner Masahiro Mori zurück. In den 1970er Jahren entdeckte er: Je ähnlicher ein Roboter einem Menschen ist, umso mehr mögen wir ihn.

Plötzlich kippt die Sympathie aber ins Gruseln. Bei perfekter Ähnlichkeit löst es sich wieder auf.

Dieses Abstürzen und Ansteigen der Emotionskurve nannte Mori das unheimliche Tal.

Um den Grusel-Moment bei den Zuschauern zu vermeiden, forschen grosse Studios, wie beispielsweise das Disney-Forschungslabor an der ETH Zürich, an einer Animation, die nicht mehr als solche erkennbar ist. Eines der Forschungsprojekte ist dem Auge gewidmet. Dieses sollte möglichst echt aussehen, ist jedoch sehr schwierig zu modellieren.

Disneys Durchbruch bei den Augen

Die Disney-Forscher haben eine Methode entwickelt, Augen so lebensecht wie nie zuvor zu gestalten. Dafür benötigen sie hochauflösende Aufnahmen von echten Augen. Diese werden in drei Teile zerlegt und unabhängig voneinander nachgebaut: die weisse Augenhaut, die durchsichtige Hornhaut und die Iris. Alle drei Komponenten reflektieren das Licht auf verschiedene Weise. Zusammen ergibt sich eine realistische lebendige Animation des Auges.

Doch weshalb gruseln wir uns, wenn eine Animation nicht ganz perfekt ist? Die Forschungsfrage bleibt aktuell: Es gibt zwar verschiedene Erklärungsansätze, doch durchgesetzt hat sich bis jetzt keiner.

Instinkte oder Verwirrung?

Ein mögliche Erklärung für den «Uncanny Valley»-Effekt liefern die Instinkte. Wir erkennen zum Beispiel, wenn jemand krank ist und halten instinktiv Distanz, um uns vor einer Ansteckung zu schützen.

Wenn die Haut bei einer künstlichen Figur nicht ganz lebensecht wirkt, könnte das denselben Instinkt aktivieren. Wir merken, dass irgendetwas nicht stimmt.

Eine andere Erklärungsansatz geht von einem Einteilungsproblem aus. Wenn wir nicht sicher sind, welcher Kategorie wir ein Objekt zuordnen sollen, sorgt das für Verwirrung und Unsicherheit. Schliesslich ist es für uns überlebenswichtig, Dinge richtig einzuordnen. Ein täuschendes Imitat macht das schwierig.

Das «unheimliche Tal» scheint eine Ur-Angst in uns auszulösen, die wir bis heute nicht eindeutig erklären können. Um sie zu umgehen, müssen wir uns entweder ganz oder gar nicht täuschen lassen. Ein Ansporn für die Filmindustrie, Zeichentrickfiguren ein möglichst natürliches Aussehen zu verpassen.

Ob der «Uncanny Valley»-Effekt jemals ganz ausgeschaltet werden kann, ist fraglich. Eine Theorie besagt nämlich, dass unsere Wahrnehmung mit den besseren Simulationsmethoden auch immer feiner wird: Wir werden einen künstlichen Menschen immer von einem echten unterscheiden können.

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