Vogelschutz 2.0 Wie Airbnb auch bei Zugvögeln funktioniert

Ein Zuhause auf Zeit liegt nicht nur bei Menschen im Trend: In Kalifornien helfen Bauern durchziehenden Zugvögeln, indem sie Reisfelder fluten – stets zur rechten Zeit, am rechten Ort und günstig.

Wiesenstrandläufer am Strand. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Wiesenstrandläufer lebt gewöhnlich in sumpfigen Gebieten sowie an Uferlinien und Stränden. Imago/blickwinkel

Das Wichtigste in Kürze:

  • Zugvögel haben ein Problem: Immer mehr ihrer natürlichen Rastplätze verschwinden.
  • Deshalb setzen Naturschützer in den USA auf ein innovatives Konzept: Sie mieten Felder von Bauern als temporäre Rastplätze für die Vögel.
  • Dieses «Airbnb» für Vögel funktioniert – aber als globales Patentrezept ist es nicht einsetzbar.

Noch bevor der Herbst beginnt, fliegen die ersten schon wieder los: Störche, Mauersegler, Nachtigallen und Wiedehopfe.

Mit ihrem inneren Kompass wissen Zugvögel genau, wohin sie fliegen müssen und wo sie ideale Raststätten finden: in feuchten Auen etwa oder auch insektenreichen Wildwiesen.

Ein Vogel mit ausgebreiteten Flügeln. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Grosse Schlammläufer brütet in Nordamerika, im Winter zieht er in die südlichen USA und nach Mittelamerika. imago/imagebroker

Natürliche Rastplätze verschwinden

Allerdings verschwinden immer mehr dieser wertvollen Lebensräume von der Erdoberfläche: verbaut, ausgetrocknet oder landwirtschaftlich genutzt.

Besonders betroffen ist das Central Valley in Kalifornien: 90 Prozent der einstigen Feuchtgebiete sind in dem 700 Kilometer langen Tal verschwunden.

Das Central Valley ist ein wichtiges Durchgangsgebiet für Zugvögel. Vor allem Wat- und Wasservögel aus Nordamerika machen hier auf ihrem Weg in den Süden halt. Doch zusammen mit ihren Rastplätzen sind die Zugvogelschwärme massiv geschrumpft.

Reisfelder als Naturschutzgebiete auf Zeit

Deshalb hat Mark Reynolds, Wissenschaftler der US-Umweltorganisation Nature Conservancy, ein innovatives Vogel-Rückkehrprogramm aufgegleist.

Ein Vogelschwarm fliegt knapp übers Wasser. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein Schwarm Grosser Schlammläufer in einem Naturschutzgebiet in Texas. Imago/imagebroker

«Statt Schutzgebiete zu kaufen, mieten wir geeignetes Land – jeweils temporär, wenn die Zugvögel hier sind, und nur an Stellen, wo es viele Vögel und wenig Wasser gibt», so Reynolds.

Mieten ist billiger als Kaufen

Eine erste Bilanz im Magazin Science Advances zeigt: Auf dem gemieteten Land wurden im Frühling 180'000 Vögel aus 57 verschiedenen Arten beobachtet – also dreimal mehr Arten als sonst und fünfmal mehr Tiere.

Das benötigte Land stellen Reisbauern im Central Valley bereit. Sie erhalten eine Entschädigung, wenn sie ihre Felder für die Zugvögel fluten. Den Preis bestimmen die Bauern selber – in einer Art Auktion mit umgekehrten Vorzeichen: Wer die tiefste Offerte macht, erhält den Zuschlag.

Die gemieteten Felder sind für Nature Conservancy um ein Vielfaches günstiger, als wenn die NGO die benötigten Schutzgebiete kaufen müsste.

Airbnb für Zugvögel

5:28 min, aus Wissenschaftsmagazin vom 28.08.2017

Sharing Economy klappt auch bei Vögeln

Reisfelder mieten, wo und wann es sie gerade braucht – dieses unkonventionelle Konzept für den Zugvogelschutz funktioniert ähnlich wie die Beherbergungs-, Mitfahr- und Taxidienste der Sharing Economy. «Wir ergänzen das traditionelle Angebot an dauerhaften Schutzgebieten mit einem flexiblen Modell», so Mark Reynolds.

Für die Westküste der USA ist das Vogel-Rückkehrprogramm interessant, wie auch für andere Weltgegenden mit vielen Reisfeldern, sagen Experten.

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imago/blickwinkel

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Gleich universal wie Airbnb, Uber und Co. funktioniert das Konzept aber nicht. «Man muss an jedem Ort aufs Neue prüfen, wie man den Vögeln am besten hilft», sagt Michael Gerber von «Bird Life Schweiz».

Kein Rezept für die Schweiz

Von überfluteten Reisfeldern würden vor allem Wasser- und Watvögel profitieren, die weite Distanzen zurücklegen – eine Kombination, die in der Schweiz eher selten sei, so Michael Gerber.

Michael Schaad von der Vogelwarte Sempach sagt: «Unsere Zugvögel profitieren bei uns am meisten von Schutzmassnahmen in ihrem Brutgebiet.»

Denn in der dicht besiedelten Schweiz hätten heute «die meisten Zugvögel schlicht ein Problem, Junge aufzuziehen, weil immer mehr Natur verbaut oder intensiv genutzt wird».

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