Ohne Wind fehlten die Wellen, die normalerweise an Eisbergen brechen und sie aus der Ferne sichtbar machen. Dazu kam völlige Dunkelheit: Es war Neumond, der Horizont kaum zu erkennen. Eisberge zeichneten sich nur als dunkle Schatten vor nachtschwarzem Hintergrund ab.
Zusätzlich könnte ein seltener optischer Effekt die Sicht erschwert haben. Bei einer Temperaturinversion, also kalter Luft nahe der Meeresoberfläche und wärmerer Luft darüber, kann Licht ungewöhnlich stark gebrochen werden. Diese sogenannte «Super-Refraktion» lässt Entfernungen falsch erscheinen oder den Horizont verschwimmen, sodass Hindernisse später oder an unerwarteter Position wahrgenommen werden. Ob dieser Effekt in jener Nacht tatsächlich auftrat, lässt sich nicht eindeutig klären.
Klar ist jedoch: Die Luft- und Wassertemperaturen lagen nahe dem Gefrierpunkt. Wer ins Wasser geriet, hatte kaum Überlebenschancen. Im Winter 1912 sind im Nordatlantik zudem ungewöhnlich viele Eisberge weit nach Süden getrieben worden. So wurde einer dieser kaum sichtbaren Eisberge der «unsinkbaren» Titanic zum Verhängnis. Das Schiff kollidierte, sank und rund 1500 Menschen verloren dabei ihr Leben.