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Michelle Gisin im Interview «Ob ich ein Comeback will, möchte ich auf Skiern herausfinden»

Michelle Gisin ist im Dezember im Training zur Abfahrt von St. Moritz schwer verunfallt. Dreieinhalb Monate später gibt sie ihr erstes langes Interview.

Michelle Gisin

Skifahrerin

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Michelle Gisin ist das Multitalent des Skizirkus. Die Obwaldnerin glänzt durch extreme Vielseitigkeit und gewann als erste Schweizerin zweimal Olympia-Gold in der Kombination (2018, 2022). Fernab der Piste besticht sie durch ihre reflektierte, herzliche Art und enorme mentale Stärke. Ob Speed oder Technik – Gisin verkörpert Weltklasse mit einer Prise Leichtigkeit und purer Leidenschaft.

SRF: Sie hatten schwerste Verletzungen an Halswirbelsäule, Knie und Hand. Wie geht es Ihnen? 

Michelle Gisin: Ziemlich gut. Die Summe der Verletzungen stellen eine Riesenherausforderung dar. Aber alles ist gut verheilt.

Was sind Ihre Erinnerungen an den Unfall?

Ich habe gleich gespürt, dass das Kreuzband gerissen ist. Dann habe ich ein Blackout bis im Netz, vielleicht aus Selbstschutz. Es ging auch extrem schnell – laut GPS-Daten 120 km/h.

Ist Ihr Airbag aufgegangen?

Ja. Ich frage mich noch immer, wie ich mich so schwer verletzen konnte, obwohl ich eine sehr vorsichtige Athletin bin. Ich schaute oft, was ich hätte anders machen können. Ich kam zum Schluss: wirklich nicht viel. 

War Ihnen auch die schwere Halswirbel-Verletzung sofort klar?

Erst in der Klinik. Zum Glück sagten die Ärzte: ‹Das kriegen wir hin›.

Es war knapp an einer Querschnittslähmung vorbei.

Ja, sehr. Es war eine instabile Halswirbelfraktur. Der Wirbelfortsatz ist zertrümmert.

Was denkt man, wenn Querschnittslähmung im Raum steht?   

In erster Linie ist man unendlich dankbar. Und ich empfinde viel Mitgefühl mit den Menschen, die nicht so viel Glück hatten wie ich. 

Hinterfragt man auch das Skirennfahren?

Jein. Meine Leidenschaft war all die Jahre so riesengross. Ich sagte auch immer: Wenn ich mich nicht wohlfühle, bremse ich. 

Sie haben stets offen gesagt, manchmal Angst zu haben.

Ich wusste, dass mein Unterbewusstsein manchmal stärker ist und bremst.  Viele Athleten nennen es Respekt. Das ist in Ordnung. Ich wollte das Ding beim Namen nennen. Vielleicht auch wegen der Erlebnisse mit den Geschwistern. 

Ihr Verlobter Luca De Aliprandini fuhr zwei Tage nach dem Unfall auf Ihren Wunsch hin den Riesenslalom in Val-d'Isère. Sein Interview danach war hochemotional.

Ich merkte erst da, wie schlimm es war. Erst durch die Reaktionen von aussen realisiert ich die Schwere meiner Verletzungen.

Ihre Schwester Dominique hatte neun Knieoperationen, Bruder Marc ist zweimal sehr schwer gestürzt. Fragt man sich als Familie: «Was ist eigentlich los, dass uns das passiert?»

Ja. Meine Eltern haben wahnsinnig damit gekämpft.

Haben Sie ein schlechtes Gewissen den Eltern gegenüber? 

Definitiv. Ich war immer die Sichere und sagte: «Bei mir müsst ihr keine Angst haben.» Jetzt ist es so, als hätte ich alle Verletzungen meiner Karriere auf einmal komprimiert abbekommen. 

Sie haben schon Bilder gepostet von sich in der Reha. Der Wille scheint riesig.

Er ist nicht alle Tage so riesig. Manchmal ist es auch frustrierend und ein Murks. 

Gibt es für Sie noch eine nächste Saison? 

Das werde ich herausfinden. Ich will zumindest wieder einen Riesenslalom fahren im einfachen Gelände, das ist schon eine Riesenleistung. Erst dann weiss ich, ob ich noch mal will. Danach wird sich die Frage stellen, ob ich es noch kann. Aber ob ich nochmals will, möchte ich auf den Ski beantworten können, nicht auf der Liege beim Physiotherapeuten. Eine Entscheidung ist daher noch nicht gefallen. 

«Gredig direkt» neu als Podcast

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Sendungslogo von «Gredig direkt»
Legende: SRF

Urs Gredig empfängt in seiner wöchentlichen Talkshow prominente Gäste aus Politik, Wirtschaft, Unterhaltung, Sport und Gesellschaft. Seit Januar dieses Jahres gibt es seine Sendung auch als Podcast.

Im Juni gehen Sie und Luca vor den Altar. Steht jetzt ganz bewusst das Private im Vordergrund? 

Das hätte ich sowieso gemacht diesen Frühling. Ich glaube, das wird wunderschön. 

Geht es nächste Saison als Michelle De Alipandrini an den Start?

Nein. Das ist viel zu lang, das passt nicht auf den Bildschirm. 

 Das Gespräch führte Urs Gredig.

SRF 1, 26.3.2026, 22:25 Uhr ; 

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