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«Teure Rüstungsgeschäfte hatten es immer unglaublich schwer»
Aus Echo der Zeit vom 28.09.2020.
abspielen. Laufzeit 05:42 Minuten.
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Umstrittene Kampfjets Währschaft und wehrhaft: Die Armee von Volkes Gnaden

Das Stimmvolk stutzt den Kampfjets die Flügel – und pflegt damit eine helvetische Tradition, so der Militärhistoriker.

Viola Amherd hat die Kampfjet-Abstimmung zur Schicksalsfrage für die Schweizer Luftwaffe gemacht. Und kam am Sonntag gehörig ins Zittern: Mit 50.1 Prozent segnete das Stimmvolk die neue Flieger-Flotte ab. Das Verdikt der Verteidigungsministerin: «Kampfflugzeuge waren schon immer umstritten.»

Die Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA) wittert Morgenluft. Sie liebäugelt mit einem Referendum gegen den konkreten Beschaffungsentscheid. Doch ist das Abstimmungsresultat Ausdruck einer neu erwachten Skepsis gegenüber Rüstungsgeschäften?

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Amherd: «Das war schon immer ein sehr umstrittenes Thema»
Aus News-Clip vom 27.09.2020.
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Der Militärhistoriker Michael Olsansky relativiert: «Teure Rüstungsgeschäfte hatten es in der Schweiz immer unglaublich schwer.» Der Dozent an der ETH Zürich erinnert an Artilleriebeschaffungen, die wegen ihres happigen Preisschilds kaum vom Fleck kamen. «Nach dem Zweiten Weltkrieg stutzte das bürgerliche Parlament ganze Rüstungsprojekte.»

Eine epochale Wende erkannte der Militärhistoriker am 27. September 2020 also nicht. Wohl aber ein typisch schweizerisches Anforderungsprofil an die Armee: «Es gibt ein Politspektrum in der Schweiz, das zwar eine Armee will – aber bitte eine, die sich nicht an der Entwicklung der Kriegführung und der internationalen ‹Pacemaker›-Armeen ausrichtet.»

Von der Schweizer Armee würde anderes erwartet: Lowtech statt Hightech, Kostenbewusstsein, keine militärische Übersteuerung. «Dieses Denken hat in der Schweiz Kontinuität.» In diesem republikanischen Gedanken, wie ihn Olsansky nennt, soll die Armee keine abgehobene Expertenanstalt, sondern quasi im helvetischen Naturell geerdet sein.

B2-Spirit Bomber der US Air Force, 2009.
Legende: Weitverbreitete Skepsis gegenüber militärischen Superlativen: Dem «höher, schneller, weiter!», wie es etwa die Amerikaner oder Russen betreiben, soll sich die Schweiz nicht anschliessen. Keystone

Im Abstimmungskampf monierten Kritiker, dass die wahre Gefahr im 21. Jahrhundert nicht aus der Luft komme: Stichwort Cyberattacken. Hängt die Schweizer Armee einem veralteten Bild der Kriegführung nach? Auch hier relativiert der Militärexperte.

Quer über Europa – von den Niederlanden über Dänemark bis nach Bulgarien – stünden derzeit Kampfjetbeschaffungen an. «Niemand, der heute in einem relevanten sicherheitspolitischen Forschungsinstitut arbeitet, wird Ihnen erklären, dass künftige Kriege nur noch aus der Glasfaser kommen.»

Soldaten ohne Erkennungszeichen auf der Krim, dahinter entwaffneter ukrainischer Soldat
Legende: Olsansky nennt das Beispiel der Krim: Diese sei nicht von einem Computervirus erobert worden, sondern von realen Soldaten. Keystone

Bewaffnete Konflikte auf Schweizer Boden sind heute nur noch Stoff für Historiker. In die grossen Kriege des 20. Jahrhunderts war die Schweiz nicht involviert. Dass sie derart lange verschont wurde, schlage auf die Wahrnehmung der Armee in der Bevölkerung durch, sagt Olsansky.

Doch in ganz Westeuropa veränderten sich die sicherheitspolitischen Mentalitäten. Olsansky schliesst sich dem Politologen Herfried Münkler an, der den Begriff der «postheroischen Gesellschaften» prägte: Opfermut und Heldentum, die in «heroischen Gesellschaften» gefeiert werden, verlieren ihre Bedeutung. Stattdessen wird der Staat für Münkler zur «Versorgungsanstalt».

«Postheroische» Schweizer?

Harte Fragen der Sicherheitspolitik würden in den Hintergrund treten, folgert Olsansky. «Es wird unpopulär, sich mit solchen Dingen zu beschäftigen». Dies sei auch im Abstimmungskampf zu den Kampfjets sichtbar geworden. «Die Krisen im südosteuropäischen Raum wurden ziemlich negiert.»

So schliesst der Militärhistoriker: Der Urnengang sei durchaus eine Schicksalsstunde gewesen. «Wir wären wohl in eine Periode hineingelaufen, in der die Schweiz über keine kombattanten Flugzeuge mehr verfügt hätte. Diesen Knowhow-Verlust macht man so schnell nicht wett.»

Diese Kampfjets stehen in der engeren Auswahl

Echo der Zeit vom 28.09.2020, 18 Uhr;

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59 Kommentare

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  • Kommentar von Dorothee Meili  (DoX.98)
    Beste Werbung für unsere gegenwärtige Armee hat doch auch der Akut-Einsatz während der Corona-Krise gemacht. Insbesondere auch der jeweilige Auftritt von Brigadier Droz an den Pressekonferenzen. "Sowas von beweglich, fast ohne Vorlauf..!", das nur eines von bewundernden Statements in meinem Umfeld mit eben noch ganz anderen Erfahrungen. Aber und einmal mehr: ich gehöre zu den merkwürdigen Menschen (Frauen!), die schon seit langem einen Sozialeinsatz; eine Schutzausbildung für alle befürwortet.
    1. Antwort von beat zehnder  (beat zehnder)
      Sie meinen die Armeemediziner die in den Spitäler rumgestanden sind und nicht zu tun hatten? Oder die Ansteckungsrate unter den Eingerückten, die höher war als bei kleinen Kantonen?
  • Kommentar von Martin Gebauer  (Mäde)
    Zwei Dinge garantieren den Frieden. 1. Eine globalisierte Wirtschaft, mit starken Wirtschaftsbündnissen. Niemandem käme es in den Sinn, seine Kundschaft zu massakrieren. 2. Militärische Abschreckung. Hat irgend jemand trotzdem einen nervösen "Abzugsfinger", muss der Preis für eine militärische Intervention zu hoch sein. Ohne Kampfflugzeuge braucht es die Armee nicht mehr. Solange die Armee einen Verteidigungsauftrag hat, muss sie auch die Mittel dazu haben, um diesen zu erfüllen.
  • Kommentar von Peter König  (Vignareale)
    Danke Herr Albert Bachmann
    Endlich ein Fachmann welcher den Mut hat, Klartext zu schreiben. Diese Offenheit ist schon lange nötig. Hoffentlich gibt es Nachahmer aus der Luftwaffe die gleichen Mut beweisen
    1. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ Peter König: Wer ist Herr Albert Bachmann? Der ETH-Dozent und Militärhistoriker der hier zitiert wird heisst Michael Olsansky.
    2. Antwort von Dorothee Meili  (DoX.98)
      @thomas leu: Peter König hat ganz bewusst und gründlich unten den Kommentar von Albert Bachmann, 11.33Uhr aufgenommen. Sie haben ja mit ihm ein Hin und Her geführt. Ich bin Herr König dankbar, dass er hier mitten drin dieses Argument noch einmal aufgegriffen hat.
    3. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ Dorothee Meili: Hat Herr Bachmann zu dem Thema recherchiert und publiziert? Wenn ja, wo sind seine Publikationen zu finden?
    4. Antwort von Dorothee Meili  (DoX.98)
      @thomas leu: zu Michael Olsansky: zur Sicherheit habe ich mir den Beitrag vom diesem durch und durch Historiker im "Echo der Zeit" noch zweimal angehört. Ich war/bin irritiert von seinen Ton und wollte doch fair sein. Was mich stört, ist auch sein inneres Bild der Schweizer Armee, das ev. einmal noch 95 angedacht war. Zum Jetzt wäre für mich ein informierter Pragmatiker wie z.B. Bruno Lezzi geeigneter gewesen, um Teile von ArmeXXI, die tatsächlich leben, aufzeigen; dies, ohne viel Historie!
    5. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ Dorothee Meili: Danke für die Klarstellung. Ich meinerseits habe den Radar auch ins Ausland offen und vergleiche auch mit ähnlichen Ländern wie die Schweiz. Diese Länder sind dabei die Luftwaffe zu modernisieren oder haben es bereits getan. Da ich nicht glaube, dass wir Schweizer es besser wüssten als sämtliche anderen fast 50 europäischen Länder, ist für mich das auch relevant, und nicht nur der eigene Brei. Wir sind ein Teil Europas und können die Verteidigung nicht den anderen überlassen.