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Bussen für Nikab-Trägerinnen in Frankreich: Was bewirkt das Gesetz?
Aus Tagesschau vom 14.02.2021.
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10 Jahre Burka-Verbot Burka-Verbot in Frankreich: Verschleierung als Akt der Rebellion

Seit 2011 ist es in Frankreich verboten, in der Öffentlichkeit sein Gesicht zu verhüllen. Seither sieht man jedoch nicht weniger Vollverschleierte auf den Strassen, im Gegenteil. Durch das Verbot wurde der Niqab zu einem subversiven Symbol.

Man sieht sie nach wie vor in den Banlieues, auf dem Markt, vor den Schulen: Frauen, die sich mit jenem Stück Stoff verhüllen, das zu tragen in Frankreich mit 150 Euro bestraft wird. Der Niqab oder eben die Burka. Doch in den zehn Jahren seit Bestehen des Verbots wurden lediglich an die 2000 Bussen ausgesprochen.

«Oft sehen Polizisten ostentativ weg. Sie wollen keine Scherereien», beklagt sich Latifah fast ein wenig. Die 22-jährige Konvertitin aus Grigny trägt den Niqab aus freien Stücken. Das Gesetz habe nichts gebracht. «Es hat nur bewirkt, dass der Rassismus jetzt offener zutage tritt.»

Verbot als politisches Signal

Die Zahl der sogenannten «Niqabées», der vollverschleierten Frauen in Frankreich, ist schwer zu schätzen. Doch auch wenn es vielleicht 2000 bis 3000 Frauen wären – es bleibt eine verschwindend kleine Minderheit.

Jean-François Copé, damaliger Fraktions-Chef der UMP und heutiger Bürgermeister von Meaux, hatte 2010 die Gesetzesvorlage zum Verbot der Vollverschleierung im öffentlichen Raum durchgeboxt. «Ich glaube, ein Gesetz zu erlassen, war ein sehr starkes Symbol. Seit zehn Jahren hat sich das Phänomen nicht ausgeweitet. Hätten wir es toleriert, wäre es vielleicht anders gekommen», sagt Copé.

Kontraproduktives Verbot

Agnès De Féo hat für eine Langzeitstudie gut 200 Vollverschleierte über Jahre begleitet und befragt. Laut der Soziologin hatte das Verbot einen gegenteiligen Effekt. «Der Niqab ist dadurch subversiv geworden.» Vorher hätten sich junge, zumeist konvertierte Französinnen durch ihre zur Schau gestellte Frömmigkeit etwas abheben wollen. Doch nur wenige hätten sich verschleiert.

Die Vollverschleierung gibt ihnen ein Gefühl der moralischen Überlegenheit.
Autor: Agnès De FéoSoziologin und Buchautorin

«Dann traf ich Frauen, die extra zum Islam übergetreten sind, um sich zu verhüllen. Das Gesetz war der Auslöser.» Die Soziologin, Dokumentarfilmerin und Buchautorin räumt auch mit gängigen Klischees auf – hinter dem Schleier würden sich Rebellinnen verstecken. «Die Vollverschleierung gibt ihnen ein Gefühl der moralischen Überlegenheit. Die Macht zu haben, andere zu beobachten, ohne selbst gesehen zu werden, ist eine Umkehr der Dominanz. Diese Frauen sind sozusagen Punks.»

Es seien aufsässige Frauen, die niemandem gehorchen und sich weder von einem Mann noch einer Salafisten-Szene den Schleier aufzwingen liessen. Wichtiger als Frömmigkeit sei ihnen der Protest gegen die Gesellschaft, gegen Familienkonventionen.

Nicht nur ein Kopftuch

Dass die Vollverschleierung nur ein individuelles Phänomen, unabhängig von Religion und sozialem Druck, ja eine – vergängliche – Mode sei, akzeptiert Politiker Jean-François Copé nicht: «Dass sich bloss niemand täuschen lässt. Hinter dem Ganzen steckt eine Ideologie. Die des radikalen Islamismus.»

Allerdings rutschten nur sehr wenige französische Niqab- und Burkaträgerinnen in die radikale Salafistenszene ab. Möglicherweise hat die freiwillige Vollverschleierung doch weniger mit radikalem Islamismus als mit islamisierter Radikalität zu tun.

Tagesschau, 14.02.2021, 19:30 Uhr

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155 Kommentare

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  • Kommentar von Roger Ebischer  (RO.Ebi)
    Die Burka leider doch ein Zeichen, einer Religion in Ländern, in denen Frauen eine zweite Klasse darstellen. Nicht destotrotz wird mit einer solch unehrlichen Abstimmung nicht der radikale Islam verschwinden, sondern nur die wenigen Frauen dafür bestraft, weil Sie einer Kultur angehören. Schlussendlich unterstützen auch die SVP Männer im Hintergrund dem Aufschwung radikaler Islamisten im nahen Osten, die eben genau so Frauen mit Burkas verschleiern.
  • Kommentar von Hans König  (Hans König)
    Das ist keine Rebellion der Betroffenen, sondern eine gezielte Aufhetzung durch die muslimischen Anführer .
  • Kommentar von Ernst Baumann  (1aschi)
    Dass die Annahme der Initiative nötig ist, zeigt sich an der Saudiarabischen Frauenrechtlerin Loujain al-Hathloul. Sie bekämpft genau das, wofür wir nun abstimmen. Fünf Jahre und acht Monate Haft erhielt sie, weil sie sich für Frauenrechte einsetzte. Wehrt sich eine Frau gegen Zwang mit einer Anzeige, wird sie nachher von ihrem Peiniger erst Recht mit Repressionen belegt. Zudem, es geht nicht nur um die Gesichtsverschleierung von Frauen, sondern um Demonstranten,um sich unkenntlich zu machen.
    1. Antwort von Beppie Hermann  (Eine rechte Grüne)
      Und ein Nein würde den Patriarchen überall dort, wo Frauen sich in Öffentlichkeit verhüllen müssen, die Vorstellung vermitteln, dass wir die Verhüllung von Frauen gutheissen und sie alles richtig machen. Höre sie schon siegesbewusst jubeln nach Ablehnung dieser Initiative!
    2. Antwort von Mark Stalden  (Mark)
      Wir haben weder Gesetze noch Zustände wie ihn Saudi-Arabien, das ist schon sehr Weit hergeholt. Und wenn wie sie sagen eine Frau erst Recht von ihren Peinigern bestraft wird wenn sie sich nicht die Regeln hält. Ja dann wie wird denn der Peiniger Reagieren wenn die Frau ohne Verhüllung nicht mehr raus darf in der Schweiz?Und sie Glauben auch noch sie tun diesen Frauen was gutes mit einem Verbot, lächerlich.So ein Peiniger wird die Frau gar nicht mehr Raus lassen und sie mit ihrem Ja sind Schuld.
    3. Antwort von Cédric Bell  (Cedric)
      Nein es ist nicht weit hergeholt. Wenn Frauen unterdrückt werden ist das in jedem Land schlimm ungeachtet der Zahl
    4. Antwort von Ernst Baumann  (1aschi)
      @Mark Stalden, wenn es ein Verbot gibt, dann wird die Unverhüllung irgendeinmal zur Normalität, so, wie es in Saudiarabien zur Normalität werden wird, dass Frauen Auto fahren dürfen, oder es zur Normalität wird, dass Frauen gleiche Rechte haben, wie die Männer. Nur, das ist ein sehr langer Prozess und funktioniert leider nicht von heute auf morgen. Es ist nicht ein Lichtschalter, den man einfach umlegen kann.
    5. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Knell: ungeachtet Welcher Zahl?
    6. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Baumann: aber ein Verbot ist ein Lichtschalter?
    7. Antwort von Marlies Artho  (marlies artho)
      M.St. nicht alle Männer sind Peiniger, denke ich. Denn diese Vorschrift ist Glaubenssache, jedoch von Verhüllung, Verschleierung steht gar nichts im Koran. Warum sind Sie so überzeugt, dass dieses Gesetz den Frauen nicht helfen könnte? Warum versuchen Sie mit Schuldzuweisung die Menschen einzuschüchtern, welche eine andere Meinung haben? Solche Schulzuweisungen zeigen doch eine gewisse Manipulation auf, damit in Zukunft die Meinungsfreiheit beschnitten wird, Menschen so zum schweigen bringt.
    8. Antwort von Cédric Bell  (Cedric)
      "Knell: ungeachtet Welcher Zahl?" Mark Stalden ich sagte es Dir doch. Es ist egal wie viele Frauen unterdrückt werden. Es ist in jedem Fall schlimm. Jede einzelne unterdrückte Frau ist eine zuviel