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Interview mit Margrit Stamm, Professorin für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft
Aus News-Clip vom 11.09.2021.
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Faktencheck zur «Arena» «Kinder aus Regenbogenfamilien entwickeln sich gleich gut»

Im Abstimmungskampf zur «Ehe für alle» bringen beide Seiten unterschiedliche Studien ins Spiel. Im Fokus dabei: das Kindeswohl. Geht es Kindern in Regenbogenfamilien gut? Spielt das Geschlecht der Eltern eine Rolle? Erziehungswissenschafterin Margrit Stamm erklärt, was die Forschung dazu weiss.

Im Abstimmungskampf zur Ehe für alle bringen beide Seiten unterschiedliche Studien ins Spiel. Im Fokus steht dabei das Kindeswohl. Das war auch in der gestrigen «Arena» zu beobachten. Geht es Kindern in Regenbogenfamilien gut oder nicht? Spielt das Geschlecht der Eltern eine Rolle? Erziehungswissenschafterin Margrit Stamm erklärt, was die Forschung dazu weiss.

Margrit Stamm

Margrit Stamm

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Margrit Stamm war Professorin für Erziehungswissenschaften an der Universität Freiburg. Seit einigen Jahren führt sie das von ihr gegründete Forschungsinstitut Swiss Education mit Sitz in Aarau.

SRF News: Wo steht die Forschung, wenn es um die Entwicklung von Kindern mit gleichgeschlechtlichen Eltern geht? Welche Erkenntnisse gibt es?

Margrit Stamm: Es gibt erstaunlich viele Erkenntnisse. Und zwar schon seit den 80er-Jahren. Wenn man sich fragt, wie gut diese Forschungserkenntnisse sind, muss man gewisse Einschränkungen machen. Es gibt relativ viele Studien, die sehr einfach gestrickt sind und zum Ziel haben, etwas nachzuweisen. Es gibt keine Längsschnittstudien; also Studien, die mehrmals hintereinander durchgeführt werden, einen Vergleich der Ergebnisse ermöglichen und so zum Beispiel Kinder über eine Entwicklungsspanne untersuchen. Auch wenn es viele Erkenntnisse gibt, ist es wichtig, einen kritischen Blick darauf zu werfen.  

Sehen Sie einen wissenschaftlichen Konsens?

Ja, wenn man nicht nur einzelne Untersuchungen anschaut, sondern eine Gesamtschau zu Studien in den USA, den Niederlanden, Deutschland, Italien und teils auch in der Schweiz vornimmt. Es lässt sich eine relativ genaue Aussage treffen: Kinder aus gleichgeschlechtlichen Beziehungen entwickeln sich ungefähr gleich gut – oder laut gewissen Studien sogar besser – wie Kinder aus heterosexuellen Familien. Und dies sowohl in emotionaler als auch in schulischer und beruflicher Hinsicht. Wenn man all diese Studien vergleichend anschaut, ist klar: Die Beziehungsqualität in einer Familie, das heisst, in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung, ist wichtiger als die sexuelle Orientierung.  

Die Beziehungsqualität in einer Familie ist wichtiger als die sexuelle Orientierung.
Autor: Margrit Stamm Erziehungswissenschafterin

Kann man also sagen, dass Kinder aus Regenbogenfamilien die gleiche Entwicklung durchmachen wie Kinder mit heterosexuellen Eltern?

Wenn man sich nicht auf einzelne Studien bezieht, sondern die Gesamtheit aller Studien anschaut, dann kann man sagen: Ja, wenn Kinder betreut und behütet aufwachsen und Fürsorge erleben, gibt es eigentlich keine grossen Unterschiede.

Es gibt eine Studie, die mir aufgefallen ist. Und da heisst es, dass Kinder aus Familien mit gleichgeschlechtlichen Eltern häufiger, ja sogar doppelt so häufig zum Psychologen gehen müssen. Blenden Sie dies als Fachfrau einfach aus?

Ich kenne diese Studie. Es gibt sogar verschiedene solche Studien. Allerdings spielen diese in der breiten wissenschaftlichen Gemeinde keine grosse Rolle. In meiner Wahrnehmung sind diese Studien wie eine Blase im grossen wissenschaftlichen Kontext. Verschiedene Organisationen, etwa die Kanadische Psychologische Vereinigung, distanzieren sich von solchen Studien, weil sie ideologisch motiviert sind. Das heisst: Sie haben ein bestimmtes Erkenntnisinteresse und wollen dies auch nachweisen. Als Forscherin muss ich aber ehrlich sagen: In vielen Bereichen des Wissenschaftlerlebens entsteht relativ schnell ein gewisses Erkenntnisinteresse, das man mit einer geeigneten Fragestellung so beantwortet, dass es am Ende stimmt.

Die Problematik Mobbing in der Schule existiert. Sie ist eine Herausforderung für die Familie, aber vor allem auch für die Institutionen rund um das Kind.

Schauen wir das Thema aus Kinderaugen an: Es ist vorstellbar, dass ein Kind mit zwei Müttern oder Vätern im Kindergarten oder in der Schule gemobbt wird. Sehen Sie da eine Gefahr?

Ja. Wenn man sich wiederum die Studienlage anschaut, stellt man fest, dass hier wahrscheinlich eine Achillesferse vorhanden ist. Ich schätze, dass etwa 50 Prozent der Studien dieses Problem benennen. Es ist allerdings entscheidend, wo Kinder aufwachsen, welche Unterstützung sie in der Schule, der Kita oder dem Umfeld erfahren und welche Bewältigungsstrategien sie haben. Klar ist: Diese Problematik existiert. Das ist eine Herausforderung für die Familie, aber vor allem auch für die Institutionen rund um das Kind.

Das Gespräch führte Sandro Brotz.

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«Abstimmungs-Arena» zur Ehe für alle
Aus Arena vom 10.09.2021.
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«Arena», 11.09.2021, 22.25 Uhr;

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59 Kommentare

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  • Kommentar von Peter Bruderer  (pbruderer)
    Frau Stamm in einem anderen Interview auf die Frage, warum Väter wichtig sind:

    "Es ist für die gesunde Entwicklung des Kindes unabdingbar. Besonders in der Schulzeit und in der Pubertät erhält die Vaterfigur eine ganz neue Bedeutung... Eine Längsschnittstudie aus Österreich zeigt, dass der Vater mit zunehmendem Alter der Kinder immer wichtiger wird."
  • Kommentar von Peter Bruderer  (pbruderer)
    Wie war schon wieder der Konsens bezüglich Scheidungkindern in den 70ern: "Das Kinder Schaden leiden ist ein Mythos".
    Bis dann die Langzeitstudien kamen...
    1. Antwort von Angela Nussbaumer  (Angela N.)
      Aha, Herr Bruderer, wenn nun 40% der Ehen geschieden werden, heterosexuelle Ehen, bis dato, notabene, dann dürfen jetzt LGBTQI nicht heiraten, weil deren Ehen logischerweise auch einem gewissen Potenzial an Scheitern unterliegen werden?
      Ich finde das nun wirklich völlig unsinnig.
  • Kommentar von Hubertus Wach  (H. Wach)
    In den meisten Kommentaren wird der Eindruck erweckt. dass es (meist fremdgezeugte) Kinder aus Homo-Ehen besser haben, als von heterogen gezeugten Ehe-Paaren, wobei es auch sehr viele alleinerziehende Mütter gibt. Ich verstehe nicht, dass zur Abstimmung «Ehe für Alle» wir Stimmbürger’innen auch noch gleichzeitig die Abstimmung zur Adoption von Kindern von Homo-Paaren gutheissen sollen? Es sind zwei total verschiedene Sachbereiche. Deshalb NEIN zu dieser Vorlage.
    1. Antwort von Angela Nussbaumer  (Angela N.)
      Ich könnte Ihnen nun einige Links zu Männerpaaren hochladen, die mehrere Kinder adoptiert haben und ihnen ein liebevolles Zuhause schenken.

      "Homo-Paare" sind Paare, egal ob hetero oder LGBTQI, Herr Wach. Sie sind nicht mehr und nicht weniger anfällig für menschliche Stärken und Schwächen wie Sie, ich und jeder andere Mensch auf diesem Planeten.
      Ausser: sie wissen sehr genau, wie es ist, eine Extraportion Kraft, Geduld und Ausdauer generieren zu müssen, um Mobbing die Stirn zu bieten.