KI macht die digitale Liebe zum Massenphänomen. Die Schweizer Evolutionspsychologin Désirée Popelka hat die Dynamik untersucht und dafür Nutzerinnen und Nutzer in der Schweiz und Deutschland befragt.
SRF News: Als Evolutionspsychologin beobachten Sie, dass Intimität immer häufiger im Digitalen gesucht wird. Steuern wir auf eine Gesellschaft isolierter Individuen zu?
Desiree Popelka: Die Zahl der Singles wächst stetig. Ich habe untersucht, ob sich Menschen, die sich bewusst für das Singledasein entscheiden, signifikant von jenen unterscheiden, die unfreiwillig partnerlos bleiben. Dabei stiessen wir auf ein bemerkenswertes Phänomen: In unserem Datensatz mit 2312 Personen fanden sich über 183, die eine feste Beziehung mit einem virtuellen Partner führten. Das ist keine marginale Erscheinung. Intimität wird zunehmend kommerzialisiert und technisch ersetzt.
Sie sprechen von der «Girlfriend Experience», die nun massenhaft digital verfügbar wird. Was genau wird dort eingekauft?
Es geht nicht primär um Sex, sondern um Reziprozität, um einen emotionalen Austausch. Plattformen wie Onlyfans haben dieses Modell digitalisiert, es ist überall verfügbar und erschwinglicher.
Nun erreicht die Entwicklung eine neue Stufe. Warum einen Menschen bezahlen, wenn eine künstliche Intelligenz günstiger und immer verfügbar ist?
Hier überschreiten wir die Grenze zur vollständigen Automatisierung der Liebe. Eine Studie des MIT (Massachusetts Institute of Technology) hat gezeigt, dass nach der reinen Informationsbeschaffung das sexuelle Rollenspiel bereits der zweithäufigste Anwendungsfall von ChatGPT ist. Die KI-Begleiter und ihre Algorithmen stimmen dem Nutzer in allem zu und antizipieren jeden Wunsch. Evolutionär betrachtet ist unser Gehirn darauf programmiert, auf soziale Bestätigung positiv zu reagieren. Unser neurologisches System kann oft nicht zwischen einer simulierten und einer echten emotionalen Reaktion unterscheiden.
Das verspricht Beziehungen ohne Kränkung und Streit. Wo liegt das Risiko?
Das Risiko liegt im vollkommenen Verlust des sozialen Korrektivs. Echte Beziehungen leben von der Reibung, von Konflikten und der Notwendigkeit zum Kompromiss. Wir beobachten zwar, dass Nutzer kurzfristig eine Linderung ihres Einsamkeitsgefühls erfahren, langfristig jedoch in eine tiefe emotionale Abhängigkeit geraten. Menschen mit narzisstischen Tendenzen scheinen dabei besonders anfällig zu sein.
Lassen sich dabei geschlechtsspezifische Unterschiede ausmachen?
Interessante Studien kommen aus Asien. Dort lässt sich eine «No good men left»-Hypothese aufstellen: Frauen ziehen sich vom Partnermarkt zurück, weil sie keinen Gefährten finden, der ihren Ansprüchen genügt. Sie finden stattdessen emotionale Erfüllung in KI-Freunden, die als ideale Projektionsfläche dienen. Bei Männern hingegen ist es oft die Frustration über reale Ablehnung, die sie in die Arme von KI-Begleiterinnen treibt, die nie widersprechen.
Wie gross ist der Einfluss digitaler Angebote auf die junge Generation?
Wir wissen aus US-Studien, dass dort bereits über 70 Prozent der Teenager Erfahrungen mit solchen Tools gesammelt haben. Das ist hochproblematisch. Die Adoleszenz ist die entscheidende Phase, in der soziale Interaktion erprobt und Ambiguitätstoleranz gelernt wird. Man muss erfahren, wie man um einen «Schwarm» wirbt und wie man eine Abfuhr verarbeitet. Wir riskieren eine Generation, die an der Komplexität echter zwischenmenschlicher Beziehungen scheitert.