Das unendliche Meer von Nachrichten zum Thema künstliche Intelligenz (KI) ist zuweilen von unkritischem Enthusiasmus geprägt. Davon hebt sich der kritische Blick der Journalistin und Buchautorin Karen Hao ab, die gemäss dem Magazin «Time» zu den hundert einflussreichsten Persönlichkeiten im Bereich KI gehört.
SRF News: Karen Hao, warum bezeichnen Sie in Ihrem Buch «Empire of AI» Open AI und andere Tech-Unternehmen als «Imperien»?
Karen Hao: Ich bezeichne sie als Imperien, weil sie eine ausserordentliche Menge an Ressourcen verbrauchen – seien es Daten, Land, Energie oder Wasser –, um ihre Technologien zu entwickeln, und weil sie diese Ressourcen anhäufen und sie den Gemeinschaften in aller Welt entziehen. Den Leuten ist meist nicht bewusst, welch enorme Menge an menschlicher Arbeit in der KI steckt.
In Nairobi sprach ich mit Moderatoren, die für Open AI arbeiteten und schwer traumatisiert waren wegen der ständigen Konfrontation mit toxischen Inhalten.
Jede Interaktion mit einem Modell wie Chat GPT hängt von Tausenden Arbeiterinnen und Arbeitern ab, die es trainiert haben, und von anderen, die Inhalte moderieren, um hasserfüllte Inhalte zu vermeiden. In Nairobi sprach ich mit Moderatoren, die für Open AI arbeiteten und schwer traumatisiert waren wegen der ständigen Konfrontation mit toxischen Inhalten. Sie wurden immer einsamer und entwickelten Ängste und Symptome wie bei einer posttraumatischen Belastungsstörung. Einige mussten hinnehmen, dass deswegen sogar ihre Familien zerbrachen.
Ein Ausschnitt aus dem Interview mit Karen Hao:
Aber brauchen wir nicht «Imperien», um KI im grossen Massstab zu entwickeln?
Absolut nicht. Die Open-Source-Community hat das bewiesen, indem sie die Fähigkeiten dieser «Imperien» mit viel weniger Ressourcen und in kurzer Zeit egalisiert hat. Das masslose Wachstum der grossen Unternehmen der Branche dient nur als Rechtfertigung, Kapital und Ressourcen in einem Ausmass zu äufnen, das beispiellos in der Industriegeschichte ist. Wir müssen die Vorstellung zurückweisen, dass nur eine kleine Gruppe von Konzernen das wahre Potenzial der KI freisetzen kann.
Was können wir diesbezüglich tun?
Wir können viel tun. Wir sind nicht nur Konsumentinnen; wir sind Arbeitnehmer, Datenlieferantinnen, Anwohner, die in der Nähe von Rechenzentren wohnen. Proteste gegen Rechenzentren haben bereits Projekte im Wert von über 100 Milliarden Dollar blockiert. Künstlerinnen und Schriftsteller klagen wegen Verletzung geistigen Eigentums, Eltern wegen psychischer Schäden an ihren Kindern, Konsumentinnen boykottieren unethische Produkte.
Es reicht nicht aus, sich dem zu widersetzen, was wir nicht wollen; wir müssen auch definieren, was wir aufbauen wollen.
In der eigenen Nachbarschaft, am Arbeitsplatz, in der Schule oder sogar beim eigenen Arzt aktiv zu werden, hilft, um die Kontrolle zurückzugewinnen und eine verantwortungsvollere Zukunft der KI zu gestalten.
Aus Ihrer Sicht ist der europäische Ansatz «erst regulieren, dann entwickeln» also richtig, trotz der Kritik aus der Technologiebranche?
Die europäischen Regulierungen sind äusserst wichtig. Allerdings finde ich, dass Europa noch eine robuste Vision für ein alternatives Modell der KI-Entwicklung fehlt. Es reicht nicht aus, sich dem zu widersetzen, was wir nicht wollen; wir müssen auch definieren, was wir aufbauen wollen. Europa muss eine klare Vision einer nachhaltigen KI entwerfen, die Menschenrechte und Arbeitnehmerrechte schützt. Nur mit konkreten Investitionen in diesen alternativen Weg kann das gesamte Ökosystem weg von den aktuellen ausbeuterischen Auswüchsen geführt werden.
Das Gespräch führte Alessandro Chiara (RSI).