Es ist so logisch, wie es erwartbar war: Künstliche Intelligenz wird immer intelligenter. «Seit der Lancierung von ChatGPT schlägt die KI nicht nur durchschnittliche Schülerinnen und Schüler, sondern auch hochbegabte», sagt Bildungsökonom Stefan Wolter. Im neusten Bildungsbericht des Bundes publiziert er erstmals Auswertungen der OECD, wonach auf dem höchsten Niveau in Pisa-Tests nur noch 1 bis 2 Prozent der 15-Jährigen besser abschneiden als ChatGPT.
Grosse Unterschiede in den Kantonen
Diese rasante Entwicklung fordert dringliche Antworten, wie die Schulen mit Künstlicher Intelligenz umgehen sollen. «KI entwickelt sich in einem Tempo, das uns alle leicht überfordert», sagt Bettina Surber, SP-Bildungsdirektorin des Kantons St. Gallen. Dabei steht ihr Kanton im schweizweiten Vergleich relativ gut da, der IT-Bildungsoffensive sei Dank. 75 Millionen Franken sprach das Volk 2019. Damit werden auch KI-Projekte für Schulen finanziert.
Doch das ist längst nicht überall so. Eine Umfrage von SRF bei grösseren Kantonen zeigt: Man ist bei unterschiedlichen Fragen rund ums Thema unterschiedlich weit. Während einige Kantone sich bis jetzt wenig drum gekümmert haben, gibt es anderswo Leitsätze, Grundlagenpapiere, Umsetzungshilfen. KI-Richtlinien zu Datenschutz und Urheberrecht. Pädagogische Hochschulen forschen und bieten Weiterbildungen für Lehrpersonen und Schulleitungen an.
Jetzt soll der Bund eingreifen – oder nicht?
Letztlich ist aber jede Schule allein dafür verantwortlich, was Jugendliche über die KI-Revolution lernen. Von sehr viel bis zu fast gar nichts, alles sei möglich, sagt Thomas Minder, der Präsident der Schulleiterinnen und Schulleiter der Schweiz. Deshalb fordert er, der Bund soll eingreifen: «Es wäre nicht schlecht, wenn wir auf der schweizerischen Ebene einen Rahmen hätten, ein Framework, das uns unterstützt. Was soll man machen? Was soll man nicht machen?»
Es ist richtig, wenn man sich interkantonal und national Gedanken macht rund um den Umgang von KI auf allen Schulstufen.
In der Digitalität nehme alles sehr schnell einen Umfang an, wo Kantonsgrenzen überschritten würden. Die St. Galler Regierungsrätin Surber haut in die gleiche Kerbe. Auf die Frage, ob der Bundesrat oder die Konferenz der Erziehungsdirektorinnen und -direktoren (EDK) aktiv werden soll, sagt sie: «Ja, es ist richtig, wenn man sich interkantonal und national Gedanken macht rund um den Umgang von KI auf allen Schulstufen.»
Bildung ist kantonal
Diese Haltung stösst im Aargau auf Ablehnung. Surbers Amtskollegin Martina Bircher (SVP), die im Kanton für Bildung zuständig ist, will von einem KI-Aktionsplan des Bundes oder einer koordinierten Strategie der EDK nichts wissen. Jeder Kanton gehe sein eigenes Tempo und das sei gut so. Es dürfe nicht von «oben herab» etwas vorgeschrieben werden, sie wolle das in ihrem Kanton mit den Schulen zusammen entwickeln.
Die Grundausbildung in der obligatorischen Schule ist Sache der Kantone.
Ähnlich, wenn auch nicht ganz so kategorisch tönt es bei Christophe Darbellay, dem Präsidenten der Erziehungsdirektorenkonferenz: «Ich weiss, dass das Bundesparlament relativ intensiv daran ist», beschreibt er den Druck, den er von Politikerinnen und Politikern aus Bern spürt. Die Grundausbildung in der obligatorischen Schule sei aber Sache der Kantone, und man sei bereit, das in der EDK anzupacken.
Was das genau heisst, bleibt offen, wird aber bei den Regierungsrätinnen und Regierungsräten in der EDK noch zu reden geben. Wohl schon am Donnerstag, wenn sie in Bern zur Plenarversammlung zusammenkommen.