Not Vital zählt zu den bekanntesten zeitgenössischen Künstlern der Schweiz. Ende der 1990er-Jahre entdeckte der Engadiner in der Wüstenstadt Agadez eine zweite Heimat. «In dem Moment, als ich ankam, fühlte ich mich sofort zu Hause», erinnert sich der Künstler. Über rund zehn Jahre liess Vital vor Ort zahlreiche Skulpturen und Silberarbeiten anfertigen – möglich wurde dies durch eine enge Zusammenarbeit mit der lokalen Familie Haïdara.
Entführung mit Folgen
Das Engagement in Niger ist jedoch auch mit einer dramatischen Geschichte verbunden: 2012 wurde der Architekturstudent und Verwandte von Not Vital, Nicolò Krättli, gemeinsam mit Akhmed Haïdara entführt, damals wichtigster Assistent des Künstlers.
Rückblickend sagt Krättli gegenüber dem Radio und Fernsehen der rätoromanischen Schweiz RTR: «Ich wusste, dass die Gefahr besteht, entführt zu werden. Und in diesem Moment wusste ich: Jetzt ist es passiert.» Die Entführer verschleppten die beiden Geiseln in die Wüste und forderten ein Lösegeld in Millionenhöhe. Not Vital zahlte einen Teil – Krättli kam frei. Der Vorfall blieb jahrelang geheim. Erst jetzt sprechen die Beteiligten bei RTR darüber.
Streit und offene Fragen
Für die Familie Haïdara hatte die Entführung laut eigenen Aussagen gravierende Folgen: Weitere Familienmitglieder sollen verschleppt worden sein, hohe Lösegeldzahlungen hätten die Familie in grosse finanzielle Schwierigkeiten gebracht. «Wir mussten die übrigen 650'000 Euro zahlen. Heute haben wir hohe Schulden», so Akhmed Haïdara.
Diese Darstellung konnte RTR nicht unabhängig überprüfen. Klar ist jedoch: Der Vorfall führte zu einem anhaltenden Streit – sowohl zwischen Vital und der Familie Haïdara als auch zwischen Vital und Krättli. Hintergrund sind offene Geldforderungen und unterschiedliche Sichtweisen auf den Umgang mit der Geschichte.
Die Bronze-«Kuhfladen»: Erfolgsgeschichte mit Fragezeichen
Neben der Geschichte um Niger und die Familie Haïdara haben die Recherchen von RTR auch einen weiteren Werkkomplex von Vital in den Blick genommen: die bronzenen «Kuhfladen». Seit den frühen 90er-Jahren werden sie weltweit verkauft. Geplant war eine Auflage von 1000 Stück in unterschiedlichen Grössen, mit Preisen zwischen 1500 und 5000 Franken. Insider gehen jedoch davon aus, dass insgesamt weniger als 800 Exemplare existieren.
Über Jahre wurde rund um diese Kunstwerke eine eingängige Geschichte erzählt: Der Erlös aus dem Verkauf sollte angeblich ein Spital in Nepal finanzieren – mal ein Kinderspital, mal eine Abteilung für Brandverletzte.
Recherchen relativieren die Geschichte
Recherchen von RTR zeigen jedoch: Diese Geschichte stimmt so nicht. Bereits früh wurde das «Kanti Hospital» in Kathmandu als Projektziel genannt. Dieses existiert jedoch seit den 1960er-Jahren – inklusive einer Abteilung für Brandverletzte.
Es ist Geld nach Nepal geflossen, allerdings in vergleichsweise geringem Umfang: Zwischen 5000 und 10'000 US-Dollar gingen an die Nepal Burn Society, eine Organisation für Prävention und Behandlung von Verbrennungen. Dem gegenüber stehen geschätzte Einnahmen aus dem Verkauf der Skulpturen von über 800'000 Franken.