In keinem Land bekommen die Menschen weniger Kinder als in Südkorea. In einem hyperkompetitiven Umfeld verzichtet die junge Generation auf Familie oder konzentriert sich, wenn überhaupt, dann auf ein Einzelkind. Das Resultat: Eine Fertilitätsrate von noch 0.7 Kindern pro Frau.
Auch in den europäischen Staaten sind die Geburtenraten am Sinken, aber bisher nicht in dem Ausmass wie in Südkorea. Im EU-Raum liegt die Fertilitätsrate im Schnitt bei 1.34 Kindern pro Frau, in der Schweiz leicht darunter, bei 1.29 Kindern pro Frau.
Bei der Suche nach Ursachen fällt eine Besonderheit in der Schweiz auf. Während in den EU-Staaten die fehlenden Erstgeburten als Hauptgrund für den Geburtenrückgang gelten, ist in der Schweiz gemäss Laura Bernardi nur die Hälfte des Rückgangs damit erklärbar. Ebenso wichtig ist laut der Professorin am Institut für soziale Studien der Universität Lausanne ein anderer Faktor: «Die Schweiz verzeichnet weniger Paare, die ein zweites und insbesondere ein drittes Kind haben.»
Die Statistik ist deutlich: Während die Zahl der Erstgeburten in den letzten fünf Jahren um 8.5 Prozent gesunken ist, brachen die Drittgeburten um 13.6 Prozent ein. «Viele treten also immer noch in die Elternschaft ein, hören aber nach dem ersten Kind auf», so Bernardi.
Finanzieller Extremsport
Der Grund dafür: Die «Kostenstruktur von Kindern» sei in der Schweiz «hochgradig nichtlinear», betont die Professorin. Das erste Kind erfordere Organisation und reduzierte Pensen, was in einem Doppelverdiener-System meist noch gut zu bewältigen sei. Auch das zweite Kind lasse sich meist irgendwie arrangieren.
Doch dann komme die ökonomische Wand. «Der Übergang zum dritten Kind löst dann typischerweise eine neue Ebene von Zwängen aus: Er erfordert oft deutlich mehr Wohnraum, mehr Ausgaben für die Kinderbetreuung und eine weitere Reduktion des Arbeitspensums.»
Verstärkt wird dieser Effekt durch die notorisch hohen Lebenskosten. Im weltweiten Cost-of-Living-Index 2026 werden die Plätze 1 bis 6 alle von Schweizer Städten belegt.
Ein Kind grosszuziehen bis zum Erwachsenenalter, kostet gemäss Schätzungen eine halbe Million Franken. Wenn man den Verdienstausfall durch Teilzeitarbeit mitberücksichtigt, wird es schnell das Doppelte. Wer hierzulande eine Grossfamilie gründet, betreibt finanziellen Extremsport.
Während viele europäische Länder Familien fördern, bleibt die Schweiz bemerkenswert inaktiv. Es regiert das liberale Dogma: Kinder sind Privatsache. Öffentliche Debatten drehen sich – wie zuletzt bei der Abstimmung über die 10-Millionen-Schweiz – um Migration und Wachstumsschmerzen.
Wenn die Schweiz das Ruder herumreissen will, braucht es nach Ansicht der Lausanner Professorin Bernardi ein radikales Umdenken: «Kinder müssen als öffentliche Güter gesehen werden.» Schliesslich hingen von einer angemessenen Erneuerung von einer Generation zur nächsten der Wohlstand und das wirtschaftliche Gedeihen der ganzen Gesellschaft ab.
Passiere das nicht, drohe die gesellschaftliche Erstarrung. «Wenn die Entwicklung anhält, werden Ein-Kind-Familien oder ein kinderloses Leben zur Norm», warnt Bernardi. Die Schweiz stünde dann am selben Punkt wie Südkorea.