Es sind Beleidigungen, Schreie und Schläge. Situationen, die aus Scham oft verschwiegen werden und Familien häufig verzweifeln lassen. Das Westschweizer Radio und Fernsehen RTS hat Erlebnisberichte von betroffenen Eltern und Fachpersonal gesammelt, die ein immer häufiger auftretendes Phänomen zeigen, das aber noch immer unzureichend untersucht wird – und bislang auch zu wenig Unterstützung erfährt.
Alice (Name geändert) ist Mutter einer neunjährigen Tochter und lebt in der Westschweiz. «Im Alltag sind es Schreie, Beleidigungen, Drohungen, Schläge und ständige Herabwürdigungen», sagt sie gegenüber RTS. Jedes Mal, wenn man etwas Neues macht, zum Beispiel ins Bett bringen oder Baden, kann das eine Krise auslösen. «Ich bin erschöpft, ich weiss nicht mehr, wie ich Grenzen setzen soll. Ich habe Angst, dass sie mir eines Tages ernsthaft wehtut.»
Christine, Mutter von vier Kindern im französischen Montpellier, hat ebenfalls häusliche Gewalt durch eines ihrer Kinder erlebt. Ihre 15-jährige Tochter Lina wurde nach Jahren der Gewalt in ein Internat eingewiesen. «Sie schrie, schlug um sich, drohte mit Messern. Eines Tages warf sie sogar ein Messer nach ihrem kleinen Bruder.» Christine beschreibt einen Alltag, geprägt von Angst und Spannungen, welche die gesamte Familie tief erschüttert haben, wie sie erzählt.
Die Sicht der Fachpersonen
Für Fachexpertinnen und -experten sind solche aggressiven Verhaltensweisen nicht einfach das Ergebnis mangelnder elterlicher Autorität. Häufig sind psychiatrische oder neuroentwicklungsbedingte Erkrankungen die Ursache. Nathalie Franc, Kinder- und Jugendpsychiaterin und Leiterin einer spezialisierten Abteilung im Spital von Montpellier, erklärt: «Diese Kinder leiden häufig unter Angststörungen, Problemen in der Emotionsregulation oder unter Aufmerksamkeits-, Oppositions- oder Regulationsstörungen. Es sind keine schlecht erzogenen Kinder, sondern Kinder in Not.»
Die Walliser Neuropädagogin Valérie Lassueur betont, dass die mit solchen Verhaltensweisen verbundenen Störungen noch immer unzureichend bekannt sind. Um diese Lücke zu schliessen, hat Lassueur das Programm «REACT» (Reagieren gegenüber Kindern und Jugendlichen mit tyrannischem Verhalten) entwickelt. Dieses soll einen innovativen Ansatz zur Unterstützung von Eltern bieten. Es basiert auf Strategien des gewaltfreien Widerstands und zielt darauf ab, den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen. «Ein tyrannisches Kind drückt ein inneres Leid aus. Wenn Eltern ihr Verhalten ändern, können sie auch das Verhalten des Kindes beeinflussen», erklärt sie.
Ein langer Weg
Trotz erster Fortschritte bleibt das Thema tabuisiert. Eltern, von Schuldgefühlen geplagt, scheuen sich oft, Hilfe zu suchen. Begleitende Störungen, medizinische Missverständnisse und eine teils fehlinterpretierte positive Erziehung erschweren die Situation zusätzlich. Doch indem das Schweigen gebrochen und geeignete Unterstützungsangebote entwickelt werden, bleibt die Hoffnung auf einen Neuanfang. Für diese Kinder und ihre Familien ist entschlossenes Handeln dringend geboten.