In Gaza gebe es kein funktionierendes Gesundheitswesen mehr, sagt der Arzt Bassam Zaqout aus Gaza-Stadt. «Es gibt Bemühungen, da und dort ärztliche Versorgung anzubieten, aber eine systematische Gesundheitsversorgung, die die Bedürfnisse der Menschen deckt, ist das nicht», sagt Zaqout.
Er leitet die Palestinian Medical Relief Society (PMRS) in Gaza, eine Organisation mit lokal 235 Mitarbeitenden, neun Gesundheitszentren und mehreren mobilen Gesundheitsstationen in Vertriebenenlagern.
Filipe Ribeiro von Ärzte ohne Grenzen koordiniert den Gaza-Einsatz von der jordanischen Hauptstadt Amman aus. «Für eine Bevölkerung von zwei Millionen Menschen gibt es weniger als 2000 Spitalbetten. Das reicht nirgends hin.» Im Krieg sei mehr als die Hälfte der Spitäler zerstört worden und die übrigen funktionierten nur teilweise.
Krankheiten nicht behandelbar
Es mangelt an Operationssälen, chirurgischen Geräten, Desinfektionsmitteln, Medikamenten, Spezialistinnen und Spezialisten. Aber auch bei der medizinischen Grundversorgung gibt es grosse Lücken. Chronische oder Herzkrankheiten sowie Krebs könnten derzeit kaum behandelt werden, sagt Ribeiro.
Eine besondere Schwierigkeit sei die Diagnostik. «Röntgengeräte oder Labormaterial nach Gaza einzuführen, ist fast unmöglich», sagt Ribeiro. Israel blockiert die Einfuhr medizinischer Geräte, Chemikalien und weiterer Materialien, die es als Dual-Use-Güter einstuft: Güter, die für terroristische Zwecke missbraucht werden könnten.
Doch ohne präzise Diagnose könne es zu Fehldiagnosen und vermeidbaren Komplikationen kommen, sagt Arzt Zaqout. «Wir können die Patientinnen und Patienten nicht krankheitsspezifisch behandeln, wenn wir die Ursachen der Erkrankung nicht feststellen können. Den Patienten drohen Behinderungen oder gar der Tod.»
Ratten suchen Zeltlager heim
Doch es sind auch die Lebensumstände in den Vertriebenenlagern, die krankmachen, sagt Filipe Ribeiro. «Die Menschen leben auf Trümmern, neben Müllhalden und ohne funktionierendes Abwassersystem.» Parasiten wie Läuse und Ratten suchen die Zeltstädte heim. Krätze und andere Hautkrankheiten grassieren.
Ausserdem litten viele Menschen an Atemwegsinfektionen, Blasenentzündungen, Magen-Darm-Infekten und Durchfall, sagt Bassam Zaqout von der Palestinian Medical Relief Society. «Aus der Anzahl Personen, die an einem Tag ein Gesundheitszentrum aufsuchen, schliessen wir: 40 Prozent der Gesamtbevölkerung Gazas sind krank.»
Filipe Ribeiro von Ärzte ohne Grenzen richtet schwere Vorwürfe an die Adresse Israels. Im Hilfskoordinationszentrum für Gaza unter der Leitung der USA fänden fast täglich Gespräche über die Einfuhr von Hilfsgütern statt, doch es gebe kaum Fortschritte. «Die israelischen Behörden sorgen für den Mangel, und wir müssen irgendwie damit umgehen.» Die zuständige israelische Behörde hat auf konkrete Fragen von SRF nicht geantwortet.