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Gazastreifen «Man glaubt uns palästinensischen Journalisten nicht»

Sie war das «Gesicht aus Gaza» von Al Jazeera English: Youmna El Sayed. Nun kritisiert sie westliche Medien.

Die 38-jährige Journalistin Youmna El Sayed lebt seit ihrer Flucht aus dem Gazastreifen schon zwei Jahre in Ägypten. Aber nachts schlafen kann sie noch immer nicht. «Es war mitten im Krieg, in diesem Genozid, fast einfacher zu schlafen als jetzt. Vor lauter Durst, Hunger und Erschöpfung übermannte mich der Schlaf damals einfach.»

«Mit dem Körper bist du raus, aber deine Seele ist noch dort»

Die Bilder aus dem Gazastreifen verfolgen sie. «Mit deinem Körper bist du raus, aber deine Seele ist noch dort», sagt El Sayed. Vom Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 wurde sie als Journalistin genauso überrascht wie alle anderen.

Ihre Live-Schaltungen an diesem Tag belegen: Kaum begann sie über die Ereignisse in Israel und die Entführung von Israelis durch die Hamas zu berichten, musste sie vor israelischen Bomben Schutz suchen.

Frau sitzt lächelnd im Freien in einem Café.
Legende: Youmna El Sayed aus Gaza-Stadt, die auf Al Jazeera English als «Das Gesicht von Gaza» bekannt wurde. SRF/Susanne Brunner

«Der 7. Oktober hat zwei Teile: am frühen Morgen der Angriff auf Israel, in der zweiten Tageshälfte die israelischen Angriffe auf Gaza, die bis heute andauern. Nur: Was auf der palästinensischen Seite passierte, war in vielen westlichen Medien damals kein Thema», sagt sie.

Den Alltag des Krieges zeigen

Die junge Journalistin dokumentierte den Alltag des Grauens, dessen Opfer laut internationalen Organisationen zu 80 Prozent Zivilpersonen sind, die Mehrheit davon Frauen und Kinder.

Die israelische Regierung liess monatelang die Lieferung sämtlicher Güter in den Gazastreifen blockieren. Ihre Armee zerstörte die Infrastruktur: Wasser-, Strommangel und Krankheiten waren die Folge.

Youmna El Sayed und ihre Arbeit

Auch die Reporterin musste Essbares suchen, hatte keine Möglichkeit, sich zu waschen oder ihre Notdurft würdig zu verrichten, es gab keine Monatsbinden für Frauen, und auch sie musste wiederholt von einer Ecke des Gazastreifens in die andere flüchten.

Kaum ein westlicher Journalist hätte freiwillig so unerträgliche Bedingungen ausgehalten. «Wir machten nur weiter, weil wir uns moralisch verpflichtet fühlten, darüber zu berichten, was unser Volk durchmacht», so El Sayed.

Noch im ersten Kriegsmonat bekam El Sayed eine Drohung: von einem Mann, der sich als israelischer Armeevertreter ausgab. Diese habe sie zunächst nicht ernst genommen. Dann wurden die Bombardierungen in ihrem Quartier heftiger und sie erfuhr, dass niemand sonst in ihrem Gebäude einen Evakuierungsbefehl bekommen hatte.

Mehr als 200 Journalisten getötet

Box aufklappen Box zuklappen

Mehr als 200 Journalistinnen und andere Medienschaffende wurden laut der Internationalen Föderation für Journalisten (IFJ) im Gazastreifen getötet. Ihrer Familie zuliebe ergriff Youmna El Sayed schliesslich die Flucht – zuerst in den Süden des Gazastreifens, 2024 nahm Ägypten sie und ihre Familie auf. Al Jazeera hat dort keine Lizenz, und der Sender hat den Vertrag der Journalistin kürzlich nicht mehr erneuert. Neben dem Verlust ihrer Arbeit, ihrer Heimat und vieler Freunde und Kolleginnen schmerzt Youma Al Sayed das Misstrauen westlicher Journalisten.

Dieser kam später: In nur fünf Minuten mussten alle flüchten, bevor die israelische Armee das Gebäude zerstörte. «An dem Tag schrie mich meine zwölfjährige Tochter an: ‹Sie werden uns töten – wegen DIR!›» Die Erinnerung wird El Sayed nicht mehr los.

Unglaubwürdig für westliche Journalisten

«Ein britischer Journalist hat mich einmal gefragt, ob ich denn überhaupt über die israelischen Opfer des Hamas-Angriffs berichtet hätte. Als ich ihm meine Berichte über sie zeigte, sagte er: ‹Erstaunlich, für eine palästinensische Journalistin!›» Der Journalist habe sich ihre Berichte nicht einmal angeschaut.

«So werden wir behandelt. Man glaubt uns nicht, und damit auch nicht, was im Gazastreifen passiert. Aber noch immer riskieren palästinensische Journalistinnen und Journalisten ihr Leben, um der Welt zu zeigen, was dort passiert!», mahnt sie.

Ihre Neutralität als Journalistin aus Gaza werde immer infrage gestellt, sagt El Sayed. «Und wie steht es mit eurer Neutralität, wenn ihr zum Beispiel über das Leiden der Zivilbevölkerung in der Ukraine berichtet?»

Echo der Zeit, 02.05.2026, 18:00 Uhr

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