«Das Schiessen ist tief in der Geschichte der Schweiz verwurzelt», sagt Historiker Cedric Zbinden gegenüber SWI swissinfo.ch. Diese Schweizer Tradition ist in Europa fast einzigartig. «Schützenvereine gibt es auch in Deutschland, den Niederlanden und in Österreich, aber in keinem dieser Länder haben sie die gleiche soziale Verankerung.»
Der Bürgersoldat auf dem Schiessstand
1848, mit der Gründung des Bundesstaats und der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, erlangt das Schiessen grosse Bedeutung in der Schweizer Gesellschaft. «Drei der ersten sieben Bundesräte waren Präsidenten des damaligen Schweizerischen Schützenvereins, der 1824 gegründet wurde», sagt der Historiker. «Lange Zeit war dieses Amt eines der prestigeträchtigsten des Landes.»
Die Schiesspflicht ausserhalb des Militärdienstes geht hingegen auf das Jahr 1874 zurück. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts legt das Eidgenössische Militärdepartement fest, dass jeder Soldat aktives Mitglied einer Schützengesellschaft sein muss. «Von da an wurde das Schiessen auch integraler Bestandteil der militärischen Vorbereitung. Dies verstärkte das Gefühl der Bedrohung, das die Schweizer Bevölkerung während der beiden Weltkriege begleitete», so Zbinden.
Unerwünschtes und kostspieliges Erbe
Im Laufe der Zeit wurden überall in der Schweiz Schiessstände errichtet. Mit den gesellschaftlichen Veränderungen und den neuen gesetzlichen Vorschriften in den Bereichen Sicherheit, Lärmemissionen und Umweltschutz wurden viele Anlagen stillgelegt.
So auch im bündnerischen Puschlav, wo bis Mitte der 1990er-Jahre vier davon für das Schiessen auf 300 Meter Distanz gezählt wurden. Wie für viele Schweizer Gemeinden haben sich auch für Poschiavo die Schiessstände in ein kostspieliges und unerwünschtes Erbe verwandelt.
Das Hauptproblem sind die Kugelfänge und die umliegenden Flächen. Jahrzehnte der Schiesstätigkeit haben im Boden Schwermetalle hinterlassen, vor allem Blei und in geringerem Mass Antimon.
«Das Schadstoffpotenzial kann mehrere Tonnen pro Standort erreichen», sagt Lars Schudel, Geograf und Projektverantwortlicher im Bereich Altlasten des Unternehmens Ecosens. «Die Sanierung dieser Flächen ist ein komplexer und wirtschaftlich aufwendiger Vorgang: Für einen einzelnen Schiessstand können die Kosten mehrere Hunderttausend Franken erreichen.»
Was bedeutet das konkret? Die Sanierung eines Schiessstands in der Gemeinde Poschiavo kostete rund 430’000 Franken, wovon 290’000 von Kanton und Bund übernommen wurden. Die restlichen 140’000 Franken gingen zulasten der Gemeindekasse.
«Die Sanierung besteht zunächst in der Entfernung des kontaminierten Bodens», sagt Schudel. «Die Erde wird schichtweise abgetragen, bis die Konzentrationen von Blei und Antimon die vorgeschriebenen Werte einhalten. Das Ziel der Sanierung variiert je nach Bodenschutz, der Nähe zu Grundwasserleitern, Gewässern oder anderen sensiblen Elementen sowie der geplanten Nutzung des Gebiets nach der Sanierung.»
Gemäss den kantonalen Katastern der belasteten Standorte sind rund 4000 Flächen, auf denen früher geschossen wurde, kontaminiert. Bis 2025 wurden 1200 Standorte saniert; bis Ende 2045 müssen die Massnahmen abgeschlossen sein, auch weil die Bundesbeiträge für die Sanierungen auslaufen.