Die Walliser Staatsanwaltschaft will die Organisation der Rettungsmassnahmen unmittelbar nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana untersuchen. Dazu soll ein neues, zusätzliches Strafverfahren eröffnet werden.
Auslöser für dieses neue Verfahren sind laut Recherchen vom Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS) zwei Anwälte. Es handelt sich um den Walliser Philippe Nantermod, der auch FDP-Nationalrat ist, und um den Italiener Fabrizio Ventimiglia.
In einem Schreiben an die Staatsanwaltschaft, das RTS vorliegt, erklärte Nantermod im März, dass «die Bedingungen und Modalitäten» der Betreuung seines Mandanten «eine entscheidende Rolle bei der ungünstigen Entwicklung seines Gesundheitszustands gespielt haben».
Die Schwere seiner Verletzungen sei «weitgehend unterschätzt» worden, wodurch er «erhebliche Komplikationen erlitten hat, denen er bei einer besseren Versorgung zumindest teilweise entgangen wäre».
Anwalt schreibt von Verzögerung bei der Versorgung
Im Wesentlichen geht es um eine mutmasslich falsch angebrachte Sauerstoffmaske bei dem 16-Jährigen. Zudem sei die Ambulanz verspätet eingetroffen, und den Rettungskräften habe das Bewusstsein gefehlt für die Schwere seines Gesundheitszustands.
Opfer-Anwalt im Interview: «Es fehlten Sauerstoffmasken»
Der italienische Anwalt vertritt zusammen mit einem Genfer Kollegen die Interessen einer 16-jährigen Italienerin, die Verbrennungen an 40 Prozent ihres Körpers erlitten hat und lange Zeit in Italien im Spital lag.
«In den Stunden nach dem Unglück fehlten Tragen, vor allem aber Rettungsdecken und Sauerstoffflaschen», sagte der Anwalt Fabrizio Ventimiglia gegenüber RTS.
In seinem Schreiben an die Staatsanwaltschaft wies er auf eine Verzögerung bei der Versorgung hin, die «unweigerlich zu einer Verschlimmerung der Verbrennungen sowie zu Atemproblemen geführt hat».
Kantonale Rettungsaktion überrascht über Vorwürfe
Ventimiglia begrüsst denn auch, dass die Staatsanwaltschaft die Rettungsmassnahmen untersuchen will: «Das ist eine Frage des Respekts gegenüber den Opfern, den Verletzten und ihren Familien. Es ist unerlässlich, jeden Aspekt dieser dramatischen und tragischen Nacht zu beleuchten.» Die Staatsanwaltschaft selbst wollte gegenüber RTS in dieser Sache keine Stellung nehmen.
Die kritisierte Kantonale Walliser Rettungsorganisation (KWRO) zeigt sich in einer Medienmitteilung überrascht über die Vorwürfe. Die für Einsätze vorgesehenen Teams bestünden «immer aus qualifizierten Fachleuten, die speziell für die Bewältigung von Notfallsituationen mit mehreren Opfern ausgebildet sind». Die Beurteilung der Lage stütze sich auf bewährte Protokolle. Ausserdem teilte die KWRO mit, sie wolle die Vorwürfe «aus Respekt vor den Opfern und ihren Angehörigen» nicht weiter kommentieren.