Gezeigt wurde ein zweiteiliger Opernabend, der Gegenwart und Geschichte miteinander verbindet. Der erste Teil, «In Virtue Of», spielt direkt in den Räumen der Vereinten Nationen. Das Publikum sitzt auf den Plätzen der Delegierten. Der brasilianische Bariton Michel de Souza singt einen Text, der auf einer stark gekürzten und neu geordneten Fassung der Europäischen Menschenrechtskonvention basiert. Musiker, die als Richterinnen gekleidet sind, begleiten ihn.
Regisseur Stéphane Ghislain Roussel beschreibt die Inszenierung als Spiegel. «In der Politik geht es derzeit darum, Sprache zu verändern und zu missbrauchen», sagte er während der Proben gegenüber Swissinfo. «Ich bin wirklich entsetzt darüber, was gerade passiert.» Sprache verliere ihre verbindende Funktion, wenn Grundrechte relativiert würden.
Ein Werk aus Theresienstadt
Der zweite Teil des Abends ist Viktor Ullmanns Oper «Der Kaiser von Atlantis». Sie entstand 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt. Die Proben wurden von den Nationalsozialisten gestoppt, bevor Ullmann nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde. Das Werk kam erst Jahrzehnte später zur Aufführung.
Die Originalpartitur blieb erhalten. Teile des Librettos sind auf wiederverwendeten Verwaltungsformularen des Ghettos geschrieben. Diese Papiere dienten ursprünglich der Registrierung der Gefangenen. «Die Kunst liegt hier buchstäblich über den Dokumenten der Verfolgung», erklärt Heidy Zimmermann, Kuratorin der Paul-Sacher-Stiftung in Basel, die das Archivmaterial erforscht.
Eine eindringliche Stimme aus dem Holocaust
«Der Kaiser von Atlantis» ist als Einakter konzipiert. Das Libretto stammt von Peter Kien. In der Handlung weigert sich der Tod, weiter Menschen sterben zu lassen. Der Krieg kommt zum Stillstand. Der ursprüngliche Titel lautete Die Tod-Verweigerung.
Das Werk arbeitet mit Satire und Humor, auch in Situationen existenzieller Bedrohung. Bereits in der Eröffnungsszene macht sich der Text über den Alltag im Lager lustig. Harlekin erklärt, er wisse nicht mehr, welcher Tag sei, da er sein Hemd nicht mehr täglich wechsle. Der Tod antwortet, er müsse «im letzten Jahr tief im Dreck gesteckt haben» – eine Anspielung auf die Lebensbedingungen der Gefangenen.
Oper im Palais des Nations
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Bild 1 von 6. Der Konzertmeister des Genfer Kammerorchesters macht sich während einer Generalprobe in der Comédie de Genève Notizen. Bildquelle: Thomas Kern / SWI Swissinfo.ch.
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Bild 2 von 6. Marc Hajjar, der musikalische Leiter der Inszenierung, dirigiert ein verkleinertes Orchester, das als Teil des Bühnenbildes auf der Bühne sitzt. Bildquelle: Thomas Kern / SWI Swissinfo.ch.
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Bild 3 von 6. Stéphane Ghislain Roussel im Gespräch hinter den Kulissen mit Peggy Wurth, die für Bühnenbild und Kostüme verantwortlich ist. Bildquelle: Thomas Kern / SWI Swissinfo.ch.
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Bild 4 von 6. Die vorhandene Partitur war reich mit Anmerkungen und Änderungen versehen, die während der Proben vorgenommen worden waren. In einigen Fällen bot der Komponist Ullmann alternative Möglichkeiten an oder liess einige Notationen offen. Bildquelle: Thomas Kern / SWI Swissinfo.ch.
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Bild 5 von 6. Die Mezzosopranistin Raphaële Green tritt während einer ihrer Hauptarien als Trommlerin auf. Bildquelle: Thomas Kern / SWI Swissinfo.ch.
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Bild 6 von 6. In der Schlussszene von «Der Kaiser von Atlantis» nimmt der Kaiser den Tod in Kauf, um die natürliche Ordnung wiederherzustellen. Bildquelle: Thomas Kern / SWI Swissinfo.ch.
«Das ist eine klassische Form jüdischen Humors», sagt Heidy Zimmermann. «Wie übersteht man eine extreme Situation? Man macht Witze darüber.» Der Humor sei Teil eines Überlebensmechanismus.
Zwei Orte, ein Abend
Zwischen den beiden Teilen wechselt das Publikum den Ort. Nach dem ersten Teil im Palais des Nations folgt die Aufführung in der Comédie de Genève. Der Ortswechsel ist Teil des Konzepts. «Allein das Verlassen des Raums ist eine körperliche Erfahrung», sagt Roussel. «Man wird aus einem Kontext herausgeführt und in einen anderen hineingezogen.»
Viele Besucherinnen und Besucher nahmen den Abend als eindrücklich wahr. «Frieden ist das Höchste», sagte Tidiane Souare nach der Aufführung. «Wenn Krieg herrscht, können Menschen keine Zukunft aufbauen. Die Folge ist Migration.»
Roussel betont, Kunst könne die Welt nicht verändern. «Aber sie ist Teil eines Prozesses», sagt er. «Teil der Frage, wie wir zusammenleben wollen.»