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Oper im Palais des Nations Eine Botschaft des Holocaust für eine Welt im Umbruch

Im März wurde das Palais des Nations in Genf zur Opernbühne. Dort, wo sonst Diplomatie verhandelt wird, erklang Musik mit politischer und historischer Wucht.

Gezeigt wurde ein zweiteiliger Opernabend, der Gegenwart und Geschichte miteinander verbindet. Der erste Teil, «In Virtue Of», spielt direkt in den Räumen der Vereinten Nationen. Das Publikum sitzt auf den Plätzen der Delegierten. Der brasilianische Bariton Michel de Souza singt einen Text, der auf einer stark gekürzten und neu geordneten Fassung der Europäischen Menschenrechtskonvention basiert. Musiker, die als Richterinnen gekleidet sind, begleiten ihn.

Mann im Anzug spricht leidenschaftlich am Rednerpult.
Legende: Der brasilianische Sänger Michel de Souza spielt den Kaiser in einer Szene aus «In Virtue Of», aufgeführt bei den Vereinten Nationen in Genf. Comédie de Geneve / Boshua

Regisseur Stéphane Ghislain Roussel beschreibt die Inszenierung als Spiegel. «In der Politik geht es derzeit darum, Sprache zu verändern und zu missbrauchen», sagte er während der Proben gegenüber Swissinfo. «Ich bin wirklich entsetzt darüber, was gerade passiert.» Sprache verliere ihre verbindende Funktion, wenn Grundrechte relativiert würden.

Ein Werk aus Theresienstadt

Der zweite Teil des Abends ist Viktor Ullmanns Oper «Der Kaiser von Atlantis». Sie entstand 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt. Die Proben wurden von den Nationalsozialisten gestoppt, bevor Ullmann nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde. Das Werk kam erst Jahrzehnte später zur Aufführung.

Lächelnder Mann in kariertem Hemd sitzt an einer Betonwand.
Legende: Stéphane Ghislain Roussels Inszenierung nimmt die Parabel «Der Kaiser von Atlantis» als Ausgangspunkt für eine opernhafte Reise durch Zeit und Raum. Thomas Kern / SWI swissinfo.ch

Die Originalpartitur blieb erhalten. Teile des Librettos sind auf wiederverwendeten Verwaltungsformularen des Ghettos geschrieben. Diese Papiere dienten ursprünglich der Registrierung der Gefangenen. «Die Kunst liegt hier buchstäblich über den Dokumenten der Verfolgung», erklärt Heidy Zimmermann, Kuratorin der Paul-Sacher-Stiftung in Basel, die das Archivmaterial erforscht.

Eine eindringliche Stimme aus dem Holocaust

«Der Kaiser von Atlantis» ist als Einakter konzipiert. Das Libretto stammt von Peter Kien. In der Handlung weigert sich der Tod, weiter Menschen sterben zu lassen. Der Krieg kommt zum Stillstand. Der ursprüngliche Titel lautete Die Tod-Verweigerung.

Das Werk arbeitet mit Satire und Humor, auch in Situationen existenzieller Bedrohung. Bereits in der Eröffnungsszene macht sich der Text über den Alltag im Lager lustig. Harlekin erklärt, er wisse nicht mehr, welcher Tag sei, da er sein Hemd nicht mehr täglich wechsle. Der Tod antwortet, er müsse «im letzten Jahr tief im Dreck gesteckt haben» – eine Anspielung auf die Lebensbedingungen der Gefangenen.

Oper im Palais des Nations

«Das ist eine klassische Form jüdischen Humors», sagt Heidy Zimmermann. «Wie übersteht man eine extreme Situation? Man macht Witze darüber.» Der Humor sei Teil eines Überlebensmechanismus.

Zwei Orte, ein Abend

Zwischen den beiden Teilen wechselt das Publikum den Ort. Nach dem ersten Teil im Palais des Nations folgt die Aufführung in der Comédie de Genève. Der Ortswechsel ist Teil des Konzepts. «Allein das Verlassen des Raums ist eine körperliche Erfahrung», sagt Roussel. «Man wird aus einem Kontext herausgeführt und in einen anderen hineingezogen.»

Viele Besucherinnen und Besucher nahmen den Abend als eindrücklich wahr. «Frieden ist das Höchste», sagte Tidiane Souare nach der Aufführung. «Wenn Krieg herrscht, können Menschen keine Zukunft aufbauen. Die Folge ist Migration.»

Roussel betont, Kunst könne die Welt nicht verändern. «Aber sie ist Teil eines Prozesses», sagt er. «Teil der Frage, wie wir zusammenleben wollen.»

Echo der Zeit, 4.4.2026, 18 Uhr;weds

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