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Phänomen der Sozialen Medien Die wundersame Renaissance des Schachs

Schach, ein jahrhundertealtes Spiel, das bis vor Kurzem noch als elitär galt, erlebt eine spektakuläre Wiedergeburt – getragen von den sozialen Netzwerken und der Begeisterung junger Influencerinnen und Influencer.

Eines Abends in Genf: Die gedämpfte Atmosphäre in einer Bar schlägt um in ungewöhnliche Aufregung. Gäste drängen herein, nicht, um einen Cocktail zu schlürfen, sondern um an einem Schachturnier teilzunehmen – organisiert von Julien Song, einem internationalen Schachmeister und Star der sozialen Netzwerke.

Der Franzose organisiert eine Tournee durch die frankofone Welt, und das Genfer Turnier ist ausgebucht.

Schachbegeisterte beim Treffen in einer Bar in Genf

Song ist ein Phänomen in den sozialen Netzwerken. «Letzten Monat hatte ich wohl 250 Millionen Aufrufe, nur über Schach», staunt er selbst. Sein Rezept? Kurze, einprägsame und spielerische Videos, die für alle verständlich sind, überall auf der Welt.

Unter den Gästen des Abends befindet sich Silvana, 19 Jahre alt. «Ich spiele seit etwas weniger als einem Jahr», sagt sie. «Veranstaltungen wie diese sind super. Sie sind eine Gelegenheit, um zu spielen und Leute zu treffen, die auch eine Leidenschaft für Schach haben.»

Serie «Damengambit» als Auslöser

Die Schachwelle schwappt über die sozialen Netzwerke: Hunderte von Influencerinnen und Influencern, Millionen von Videos, Online-Partien, die mit der gleichen Leidenschaft kommentiert werden wie Fussballspiele. Prominente aus der französischsprachigen Welt wie der Basketballer Victor Wembanyama oder Inoxtag, sind darauf aufgesprungen und haben dazu beigetragen, das Spiel populär zu machen. Diese Begeisterung wurde vor fünf Jahren durch die Netflix-Serie «Das Damengambit» ausgelöst. Sie hat diesem Spiel, das vor 1500 Jahren in Indien entstanden ist, zu neuer Jugend verholfen.

Anna Cramling, eine 23-jährige Schwedin, deren Eltern beide Grossmeister sind, ist eine der Schach-Influencerinnen. Sie hat über eine Million Abonnentinnen und Abonnenten auf YouTube. «Als ich ein Kind war, träumte ich davon, Youtuberin zu werden», berichtet sie gegenüber dem Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS). «Aber ich hielt das für unrealistisch, weil das Einzige, worin ich gut bin, Schach ist, und sich niemand für Schach interessiert. Es ist unglaublich, dass es möglich war, eine so grosse Community aufzubauen.»

Über 200'000 Schweizer auf Chess.com

Zu diesem Boom beigetragen hat auch Chess.com. Dort kann man online und unkompliziert gegen irgendjemanden auf der Welt spielen. Die Plattform entstand vor zwanzig Jahren in Kalifornien. Heute zählt sie über 230 Millionen Nutzerinnen und Nutzer. In der Schweiz waren es Ende letzten Jahres 212'000, mehr als doppelt so viel wie noch 2020.

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Myriam Ben Fahrat, eine ehemalige Anwältin, die sich dem Schach zugewandt hat, ist eine der treibenden Kräfte hinter dem Unternehmen. «Man sagt, wenn wir ein Land wären, wäre Chess.com das siebt- oder achtgrösste Land der Welt», betont sie. «Schach, wie man es früher kannte, war langsam und den Supergenies und Cracks vorbehalten. Heute spielt jeder Schach, macht kleine Partien von zwei Minuten, und es macht viel mehr Spass.»

Auch die traditionelleren Schachclubs profitieren von dieser Dynamik. In Martigny erlebte Jean-Christophe Putallaz, Präsident des Walliser Schachverbands, weniger glanzvolle Jahre. Heute fehlt es nicht an Nachwuchs. In fünf Jahren hat sich die Zahl der jungen Lizenzierten im Kanton verdoppelt. «Es tut den Alten wie mir sehr gut, zu sehen, dass es viele junge Leute gibt, das hält fit», stellt er zufrieden fest.

RTS, Mise au point, 13.2.2026, 15:30 Uhr;brus

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