In einem kürzlich gefällten Urteil hat das Freiburger Kantonsgericht einen Forstwart aus dem Freiburger Bezirk Veveyse wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung zu einer bedingten Geldstrafe von 20 Tagessätzen verurteilt.
Anlass war ein Baum, der 2020 auf eine Wanderin stürzte, wie die Zeitung «La Liberté» berichtet. Die Frau, die heute querschnittgelähmt ist, hatte den Freispruch des Forstfachmanns in erster Instanz angefochten.
Das Kantonsgericht befand, dass der Förster entlang eines stark frequentierten Waldlehrpfads jeden Baum hätte kontrollieren oder den Zugang zum Weg hätte sperren müssen.
Sobald Sie den Wald betreten, befinden Sie sich in einer natürlichen Umgebung, in der es kein Nullrisiko gibt.
Dieses Urteil sorgt in der Forstbranche für Besorgnis. Gegenüber dem Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS) sagte Quentin Meyer, Chef der Waadtländer Forstgemeinschaft La Saubrette, dass auch Spaziergängerinnen und Spaziergänger eine Eigenverantwortung tragen.
«Der Wald ist ein natürlicher Lebensraum, in dem sich nicht alles kontrollieren lässt», betonte Meyer. «Überall eine vollständige Sicherheit für alle Besucher zu gewährleisten, ist unmöglich.»
Der Forstwart befürchtet, dass das Urteil einen Präzedenzfall schaffen könnte, der unrealistische Kontrollpflichten nach sich zieht – mit der Folge, dass zahlreiche Wanderwege und Naturräume für die Öffentlichkeit gesperrt werden müssten.
Klimawandel und steigende Besuchszahlen
Nach Ansicht von Quentin Meyer erschweren vor allem zwei Faktoren die Sicherheit: das zunehmende Absterben der Bäume infolge des Klimawandels sowie die steigende Nutzung der Wälder, insbesondere seit der Covid-19-Pandemie.
Diskutieren Sie mit:
«Wir beobachten einen massiven Zustrom von Besucherinnen und Besuchern», berichtet Meyer. «Das ist grundsätzlich positiv, erschwert aber unsere Arbeit.»
Der Förster appelliert deshalb an die Eigenverantwortung der Bevölkerung: «Sobald Sie einen Wald betreten, befinden Sie sich in einer natürlichen Umgebung, in der es kein Nullrisiko gibt. Die Schweiz hat das Glück, freien Zugang zu ihren Wäldern gewähren zu können. Das bedeutet aber auch, dass man die damit verbundenen Gefahren akzeptieren muss.»
Meyer betont zudem, dass Försterinnen und Förster regelmässig Sichtkontrollen durchführen. Diese Massnahmen reichten jedoch nicht aus, um absolute Sicherheit zu gewährleisten.
Realistische und nachhaltige Lösungen
Um die Sicherheit zu verbessern, plädiert Meyer dafür, die Wälder widerstandsfähiger gegenüber dem Klimawandel zu machen.
Dazu gehörten eine grössere Vielfalt an Baumarten und eine umweltverträgliche Waldbewirtschaftung. Eine vollständige Absicherung aller Wanderwege sei jedoch unrealistisch.
Im Kanton Waadt laufen derzeit Gespräche über die Erarbeitung klarer Richtlinien für das Risikomanagement im Wald. Laut Quentin Meyer bleibt es jedoch schwierig, genau festzulegen, welche Massnahmen erforderlich sind und in welchen Abständen sie durchgeführt werden sollen.