Der gefrorene Schnee knirscht erschrocken unter den Schritten von Maryna Peter. Denn hierher sollte gar niemand kommen.
Prypjat mit einst 50’000 Einwohnern ist heute eine Geisterstadt: Graue Fassaden hinter grauen Bäumen. Bloss ein schmaler Pfad ist freigeräumt, wo früher eine breite Strasse war.
Die sozialistische Musterstadt, drei Kilometer vom einstigen Atomkraftwerk Tschernobyl entfernt, liegt in einer Sperrzone, und seit dem russischen Angriff 2022 ist auch der Katastrophentourismus eingestellt worden. Für einen Besuch benötigt man heute eine spezielle Bewilligung. Eine Drohne des Wachtpersonals verfolgt uns.
Ein sehr sonniger Samstag
Maryna Peter ist vier Jahre alt, als ihr komplettes Leben auf den Kopf gestellt wird.
Ihr Vater, Anatolii «Tolya» Varbanets, arbeitete damals als Strahlenschutzingenieur im Atomkraftwerk, die Mutter Larisa Varbanets unterrichtete Klavier an der Musikschule. Maryna und ihr Bruder Pavlik wuchsen in der sozialistischen Musterstadt neben dem Atomkraftwerk auf.
«Es war ein sehr sonniger Samstag, an jeder Ecke wurden frische Gurken verkauft, die Leute standen Schlange», erinnert sich Mutter Larisa Varbanets an den Morgen nach der Katastrophe. «Ich musste zur Arbeit und Pavlik hatte um 8 Uhr Unterricht. Die Kunstschule war gross, das Wetter war schön, wir öffneten alle Fenster, um die frische Luft zu atmen».
Niemand ahnte etwas von der Katastrophe: Der Reaktor Nummer Vier des Kernkraftwerks Tschernobyl war in der Nacht auf den 26. April 1986 um 01:23 Uhr explodiert.
«Eine Art Unfall»
Als der Vater, morgens um 7 Uhr an der Bushaltestelle wartete, machten Gerüchte von «einer Art Unfall» die Runde, aber niemand hatte verlässliche Informationen. Doch als der Werkbus unmittelbar neben den vier Reaktorblöcken entlangfuhr, verstummten die Gespräche. Über den Ruinen des Reaktors Nummer 4 stand nur noch eine Rauchsäule.
Antolii Varbanets wusste, was das bedeutete: Er war Strahlenschutzingenieur. Er warnte die Familie. Noch vor der offiziellen Evakuation floh Larisa mit ihren zwei Kindern Maryna und Pavlik. Vater Anatolii blieb im Atomkraftwerk.
Das Klavier der Vergangenheit
Vierzig Jahre später sucht Maryna Peter mit einem Plan in der Hand und den Vater am Handy im Schnee in Prypjat die alte Wohnung. Und findet sie.
Wir stehen vor einem der vielen Plattenbauten, die alle gleich aussehen. Kalt, verlassen und durch den stetigen Verfall über die Jahre verwahrlost. Das Zuhause ihrer Kindheit ist heute bloss noch eine Ruine.
Und dennoch erkennt sie es, erinnert sich sogar an ein Foto, auf dem sie als vierjähriges Mädchen an der Hand des Bruders genau hier vor dem Eingang steht: «Hier im vierten Stock haben wir gewohnt. Ich sehe die Fenster.»
Das seltene Schlafzimmer aus Rumänien mit den Kratzern im Holz entdeckte Mutter Larisa später in einem Möbelgeschäft in Kiew. «Und an diesem Kratzer erkannte ich, dass es unsere Möbel waren, unser rumänisches Schlafzimmer. Tolya nahm mich an der Hand und führte mich hinaus, und ich wurde fast ohnmächtig», erzählt sie später.
Lenin an der Wand
In der Wohnung Nr. 16 im vierten Stock, wo Maryna Peter aufwuchs, sind sogar die Heizungsradiatoren abmontiert. An den Wänden blättern die Tapeten ab und darunter kommen Zeitungen aus dem Jahr 1985 zum Vorschein, die damals als Isolierung dienten.
Geblieben sind nur ein schwerer Herd, umgestürzt in einer Ecke und ein kleiner Kinder-WC-Deckel. Und die Erinnerungen. An das Klavier, den Weihnachtsbaum, das Sofa, das Schlafzimmer. Oder die Vorstellung von den Erinnerungen.
Maryna Peter lebt heute in der Schweiz, arbeitet als Wissenschaftlerin an der Fachhochschule Nordwestschweiz, ist verheiratet, hat eine Tochter, ist etabliert und integriert. Doch nun steht sie zum ersten Mal in der leeren Wohnung voller Erinnerungen. Vierzig Jahre hat sie sie auf diesen Moment gewartet. Und nun?
«Ich hatte immer das Gefühl, dass mein Zuhause weit weg ist und dass ich dort nicht mehr hingehen kann», sagt sie. «Ich hatte das Gefühl, dass ich gar nicht mehr weiss, wie es aussieht. Dass ich nicht unterscheiden kann zwischen den Erinnerungen und den Vorstellungen aus Erzählungen.»
Der Schutt knirscht unter ihren Schuhen und die Winterluft dringt durch die zerbrochenen Fenster in die leere Wohnung der Kindheit. «Nun stehe ich hier und weine und wahrscheinlich weint meine Mutter auch, während sie Bilder sieht, die ich ihr soeben geschickt habe.»
Unter den Erwachsenen herrschte Panik. Angst vor Checkpoints, Angst, dass sie nicht durchgelassen würden, dass ihnen die Kinder weggenommen würden. Ein kleiner Junge, nur wenig älter als Maryna kauerte unter dem Vordersitz in der Nähe der Lüftung. Er starb einige Jahre später an Krebs. Immer mehr Militärkonvois kamen den Flüchtenden entgegen, warnten mit Lichthupen vor Kontrollen.
Der Fahrer Petja bog in eine Nebenstrasse, fuhr quer durch einen Bauernhof. Hühner flatterten um die Räder, die Bauern schimpften, die Flüchtenden versuchten sie zu warnen: «Geht rein, schliesst Fenster und Türen.» Vergeblich. «Sie verstanden die radioaktive Gefahr nicht.» Maryna Peter atmet aus. «Und dann kurbelten wir die Fenster hoch und fuhren weiter».
«Ihr seid radioaktiv, ihr werdet alle bald sterben»
Die Flucht führte in die Nähe von Odessa und später nach Kiew. Maryna und ihr Bruder Pavlik begannen einige Wochen nach der Katastrophe zu husten. Monatelang. «Japanische Ärzte haben eine Verbrennung der Lungen festgestellt, ähnlich wie manche Kinder nach Hiroshima», erzählt Maryna Peter, «aber später hat sich das ausgewachsen».
Die Mutter Larisa Varbanets erhielt eine Stelle als Klavierlehrerin in einer Schule. Doch eines Tages wartete sie vergeblich im Klassenzimmer. Die Schüler fürchteten, radioaktiv verstrahlt zu werden. Eine Frau aus einem Nachbarhaus sagte: «Ihr seid radioaktiv, ihr werdet alle bald sterben. »
Der goldene Korridor
Tschernobyl ist die prägende Erfahrung für die ganze Familie. Nicht das offene Ende, aber der lose Anfang im Leben von Maryna Peter.
Und nun sind wir zurück am Ort des Unglücks, im einstigen Atomkraftwerk Tschernobyl. Der Vater Anatolii muss in letzter Minute wegen einer Erkrankung absagen. Er ist dennoch dabei: Über das Handy und dank der Fotos, die ihm Tochter Maryna schickt.
Über 2000 Menschen arbeiten noch immer im Rückbau und der Wartung des Atomkraftwerks. In der vollen Kantine gibt es ein grosses Stück Fleisch, Pudding und pink-leuchtende Fruchtsäfte. Die Angestellten essen konzentriert. Eine Szene wie aus einem Dokumentarfilm von 1986.
«Es sieht aus wie damals», kommentiert Anatolii die Bilder. Der lange, sogenannte goldene Korridor von einem zum nächsten, zum dritten und zum vierten Reaktor, die alten Messinstrumente vor den Schleusen, die handbeschrifteten Knöpfe in den Liften. In einem kleinen Vorraum zu Reaktor 2 läuft ein Transistorradio auf einem Tisch mit Telefon, davor steht ein Stuhl, zurückgeschoben, als ob jemand nur kurz auf die Toilette gegangen sei. Vor vier Minuten oder vierzig Jahren?
Als der Guide realisiert, dass Maryna Peter hier aufgewachsen ist und ihr Vater hier gearbeitet hat, zeigt er uns das komplette Atomkraftwerk. Wir sehen den Kontrollraum von Reaktor 4, wo die Crew ahnungslos auf den verhängnisvollen Knopf drückte. Dort, wo die Kernspaltung im Reaktor Nummer 4 vollständig ausser Kontrolle geriet. Und er zeigt den sogenannten Sarkophag von 1986, einen hastig gebauten Sarg aus Stahl und Beton, unter dem die Trümmer der Explosion liegen.
Neue Gefahr
Die junge Crew im Kontrollraum trägt die gleichen, dünnen Kittel und die weissen Häubchen wie damals. Ein schlaksiger Angestellter lehnt sich lässig im Stuhl zurück, zeigt auf das Kamerabild mit dem Sarkophag, unter dem die verstrahlten Trümmer liegen und sagt: «Wir haben alles unter Kontrolle». Das stimmt einerseits, meine Strahlenwerte betragen nach zwei Stunden in Tschernobyl bloss 30 Micro-Sievert: Das ist in etwa die normale Strahlendosis, die man in fünf Tagen in Zürich erhält.
Und es stimmt nicht. Denn eine russische Drohne hat die neue Stahlhülle aus dem Jahr 2016 über dem zerstörten Reaktor beschädigt. Die Versiegelung durch Überdruck funktioniert nicht mehr. Der alte Sarkophag von 1986 ist zwar nicht beschädigt. Aber er muss in den kommenden Jahrzehnten abgebaut und ersetzt werden. Aber wie, wenn die Schutzhülle nicht mehr funktioniert?
Eine berührende Zeitreise
«Diese Zeitreise in eine eingefrorene Vergangenheit und gleichzeitig die Wärme und Herzlichkeit der Menschen, die hier arbeiten, das hat mich berührt», sagt Maryna Peter. Und ihre Schicksale: Maryna Peter trifft im einstigen Atomkraftwerk eine Frau, die schon 1986 hier gearbeitet und durch die Reaktorkatastrophe ihren Mann verloren hatte.
Trotzdem ist sie im Atomkraftwerk geblieben und aus dem verstrahlten Prypjat nach Slawutytsch, in die neugebaute Stadt der Atomarbeiter umgezogen, von wo sie 2022 wegen der vorrückenden russischen Armee erneut fliehen musste. Draussen vor dem Atomkraftwerk ist es so kalt, dass einem die Tränen kommen.