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Der Fall Ulmen Was ist sexualisierte Gewalt im Netz?

«Virtuelle Vergewaltigung»: Diesen Vorwurf erhebt die Schauspielerin Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen. Der Fall lässt aufhorchen, denn mit der Digitalisierung findet Häusliche Gewalt ihren Weg auch ins Netz.

Das sind die Vorwürfe: Der Schauspieler Christian Ulmen soll über 10 Jahre hinweg pornografische Deepfakes von seiner Ex-Frau Collien Fernandes erstellt, mit einer KI-Stimme Sextalks in ihrem Namen geführt und in ihrem Namen pornografische Inhalte verschickt haben. Das berichtet der Spiegel in einer umfangreichen Recherche. Fernandes habe erst anonyme Täter vermutet. 2024 soll Ulmen ihr gegenüber die Taten zugegeben haben. Fernandes habe in Spanien, wo sie und Ulmen einen Wohnsitz haben, Anzeige erstattet. Die Behörden ermitteln, für Ulmen gilt die Unschuldsvermutung.

Porträt Collien Fernandes. Die Ex-Viva-Moderatorin ist heute in der Serie «Das Traumschiff» zu sehen.
Legende: Schauspielerin und Moderatorin Collien Fernandes erhebt schwere Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen. KEYSTONE/DPA/Henning Kaiser

Sexualisierte Gewalt im Netz: «Generell umfasst sexualisierte Gewalt alle unerwünschten Handlungen, die ein Eingriff in die sexuelle Selbstbestimmung sind», erklärt Agota Lavoyer. Sie berät Betroffene von sexualisierter Gewalt und schreibt Bücher zum Thema. Sexualisierte Gewalt umfasse alles, was die sexuelle Integrität oder Unversehrtheit verletze: «Digitale sexualisierte Gewalt umfasst alles, was sich diesbezüglich online, im digitalen Raum abspielt.»

Sexualisierte Gewalt im Netz hat viele Seiten

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Sexualisierte Gewalt im digitalen Raum sei sehr verbreitet und kenne viele Formen, das zeige die Erfahrung in der Opferberatung, sagt Expertin Agota Lavoyer:

  • Das Versenden unerwünschter sexualisierter Nachrichten (zum Beispiel Nacktbilder oder sogenannte Dick Pics)
  • Revenge Porn (wenn Videos oder Bilder der Ex-Freundin aus Rache auf Pornoplattformen gestellt oder privat verschickt werden)
  • Pornografische Deep Fakes oder sogenannte Deep Nudes (pornografisches Material, das mittels KI erstellt wird)
  • Cyber Stalking (Stalking im virtuellen Raum)
  • Cyber Grooming (wenn Erwachsene eine emotionale Verbindung oder Beziehung zu Kindern oder Jugendlichen aufbauen und ihnen dann sexualisierte Gewalt antun)

Häusliche Gewalt im Netz: Fernandes' Anschuldigungen eröffnen einen neuen Blickwinkel, denn Häusliche Gewalt erhält mit der Digitalisierung eine neue Komponente: Häusliche Gewalt kann nicht nur physisch oder psychisch sein und in den eigenen vier Wänden verübt werden, sondern verlagert sich auch in den digitalen Raum.

Welche Beweise liegen dem «Spiegel» vor?

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«Um die Vorwürfe zu überprüfen, haben wir über Wochen Dokumente, Fotos, Videos, Emails, Handychats und Audiodateien gesichtet und angehört. So konnten wir eine E-Mail von Christian Ulmen an seine Anwälte einsehen», erklärt Spiegel-Redaktorin Juliane Löffler in einem Video zu den Hintergründen der Recherche. In dieser E-Mail gebe er zu, im Namen seiner damaligen Frau Fake-Profile auf sozialen Medien angemeldet und über diese Accounts mit Männern gechattet, geflirtet und Sextalk betrieben zu haben. 

«Wir haben ausserdem mit mehreren Personen aus dem Umfeld gesprochen, in Hamburg, Berlin und auf Mallorca. Einige von ihnen haben ihre Erinnerungen an Eides statt versichert, genauso wie Collien Fernandez selbst», erklärt Löffler weiter: «Das bedeutet, sie würden sich strafbar machen, wenn diese vor Gericht vorgelegt würden und dann herauskäme, dass sie gelogen haben.»

Sexualisierte Gewalt im Netz ist auch Gewalt: «Wir leben in einer Gesellschaft, in der sexualisierte Gewalt immer noch häufig ignoriert, toleriert oder verharmlost wird. Das ist bei digitalen Formen sexualisierter Gewalt nicht anders», ordnet Agota Lavoyer ein. Das könne auch historisch begründet werden: Strafrechtlich sei sexualisierte Gewalt erst dann als gravierend betrachtet worden, wenn körperliche Gewalt hinzugekommen sei. «Ich denke, dass sehr viele nicht verstehen, wie verletzend auch digitale sexualisierte Gewalt sein kann oder überhaupt sexualisierte Gewalt ohne Berührung. Sexualisierte Gewalt kann auch ohne körperliche Übergriffe ausgeübt werden und genauso grosse Angst, Ohnmacht und Scham auslösen.»

Was sagt Ulmen zu den Vorwürfen?

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«Wir haben Christian Ulmen einen umfangreichen Fragenkatalog zu allen Anschuldigungen geschickt. Er selbst äusserte sich nicht dazu. Seine Anwälte haben dem Spiegel ein Hintergrundgespräch angeboten», erklärt Spiegel-Journalistin Juliane Löffler in einem Video die Recherche. Die Juristen seien dabei auf einen Teil der Vorwürfe gegen Ulmen eingegangen. Sie hätten es allerdings vorher zur Bedingung gemacht, dass der Spiegel nicht über ihre Einlassung berichten darf: «Wir hätten gerne auch Ulmens Sichtweise geschildert, dürfen aber nicht.»

Was über Täter und Betroffene bekannt ist: Es seien vor allem Männer, zumindest sei davon auszugehen, sagt Agota Lavoyer: «Konkrete Zahlen fehlen meines Wissens zu digitaler sexualisierter Gewalt. Aber wir haben Zahlen dazu, dass sexualisierte Gewalt mehrheitlich von Männern ausgeübt wird. Das wird bei digitalen Formen nicht anders sein.» Die Opfer seien vor allem Frauen, Kinder und queere Menschen.

Warum Macht eine Rolle spielt: Dominanz und Macht spielen eine wichtige Rolle, ordnet Expertin Agota Lavoyer ein, das hänge auch mit dem vorherrschenden Bild von Männlichkeit zusammen: «Nach wie vor ist Dominanz, vor allem Dominanz gegenüber Frauen, eine entscheidende Qualität von Männlichkeit. Solange das so ist, werden Buben zu Männern, die sich berechtigt fühlen, dominant zu sein. Also Frauen als ihren Besitz sehen, den sie kontrollieren dürfen, notfalls mit Gewalt.»

SRF 4 News, News Plus, 16 Uhr; noes ; 

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