Das sind die Vorwürfe: Der Schauspieler Christian Ulmen soll über 10 Jahre hinweg pornografische Deepfakes von seiner Ex-Frau Collien Fernandes erstellt, mit einer KI-Stimme Sextalks in ihrem Namen geführt und in ihrem Namen pornografische Inhalte verschickt haben. Das berichtet der Spiegel in einer umfangreichen Recherche. Fernandes habe erst anonyme Täter vermutet. 2024 soll Ulmen ihr gegenüber die Taten zugegeben haben. Fernandes habe in Spanien, wo sie und Ulmen einen Wohnsitz haben, Anzeige erstattet. Die Behörden ermitteln, für Ulmen gilt die Unschuldsvermutung.
Sexualisierte Gewalt im Netz: «Generell umfasst sexualisierte Gewalt alle unerwünschten Handlungen, die ein Eingriff in die sexuelle Selbstbestimmung sind», erklärt Agota Lavoyer. Sie berät Betroffene von sexualisierter Gewalt und schreibt Bücher zum Thema. Sexualisierte Gewalt umfasse alles, was die sexuelle Integrität oder Unversehrtheit verletze: «Digitale sexualisierte Gewalt umfasst alles, was sich diesbezüglich online, im digitalen Raum abspielt.»
Häusliche Gewalt im Netz: Fernandes' Anschuldigungen eröffnen einen neuen Blickwinkel, denn Häusliche Gewalt erhält mit der Digitalisierung eine neue Komponente: Häusliche Gewalt kann nicht nur physisch oder psychisch sein und in den eigenen vier Wänden verübt werden, sondern verlagert sich auch in den digitalen Raum.
Sexualisierte Gewalt im Netz ist auch Gewalt: «Wir leben in einer Gesellschaft, in der sexualisierte Gewalt immer noch häufig ignoriert, toleriert oder verharmlost wird. Das ist bei digitalen Formen sexualisierter Gewalt nicht anders», ordnet Agota Lavoyer ein. Das könne auch historisch begründet werden: Strafrechtlich sei sexualisierte Gewalt erst dann als gravierend betrachtet worden, wenn körperliche Gewalt hinzugekommen sei. «Ich denke, dass sehr viele nicht verstehen, wie verletzend auch digitale sexualisierte Gewalt sein kann oder überhaupt sexualisierte Gewalt ohne Berührung. Sexualisierte Gewalt kann auch ohne körperliche Übergriffe ausgeübt werden und genauso grosse Angst, Ohnmacht und Scham auslösen.»
Was über Täter und Betroffene bekannt ist: Es seien vor allem Männer, zumindest sei davon auszugehen, sagt Agota Lavoyer: «Konkrete Zahlen fehlen meines Wissens zu digitaler sexualisierter Gewalt. Aber wir haben Zahlen dazu, dass sexualisierte Gewalt mehrheitlich von Männern ausgeübt wird. Das wird bei digitalen Formen nicht anders sein.» Die Opfer seien vor allem Frauen, Kinder und queere Menschen.
Warum Macht eine Rolle spielt: Dominanz und Macht spielen eine wichtige Rolle, ordnet Expertin Agota Lavoyer ein, das hänge auch mit dem vorherrschenden Bild von Männlichkeit zusammen: «Nach wie vor ist Dominanz, vor allem Dominanz gegenüber Frauen, eine entscheidende Qualität von Männlichkeit. Solange das so ist, werden Buben zu Männern, die sich berechtigt fühlen, dominant zu sein. Also Frauen als ihren Besitz sehen, den sie kontrollieren dürfen, notfalls mit Gewalt.»