KI-generierte Erotik ist massentauglich geworden. Seit Chatbots wie ChatGPT und Grok kürzlich ihre Bildbearbeitungsfunktionen ausgeweitet haben, lassen sich auf Knopfdruck fotorealistische manipulierte Fotos echter Personen erzeugen – sogenannte Deepfakes.
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Bild 1 von 2. Besonders betroffen ist die Plattform X mit dem damit verbundenen, weniger strikt regulierten Chatbot Grok. Ein kurzer Prompt zu einem Foto auf Plattform genügt: Nutzer fordern Grok öffentlich auf, das Bild einer Frau zu sexualisieren. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 2. Das ebenfalls öffentliche Resultat: ein KI-generierter Deepfake derselben Frau in einem sehr knappen Bikini – ohne Einwilligung der Abgebildeten. Eine Analyse zeigt: Der Fokus liegt klar auf Frauen, vereinzelt auch auf Minderjährigen. International prüfen Behörden den Fall, X räumte Sicherheitslücken ein – spürbare Änderungen blieben bisher aus. Bildquelle: SRF.
Abseits dieser Deepfake-Problematik verweist diese Entwicklung jedoch auf einen grundlegenden Wandel: Erotische Inhalte lassen sich per KI präzise auf individuelle Vorlieben zuschneiden – auch ohne reales Ausgangsbild. Mit Körpern, Kleidung oder Situationen, die der persönlichen sexuellen Fantasie entsprechen.
Wenn normale Lust nicht mehr reicht
Die Psychologie sieht in hoch personalisierter Pornografie einen Einschnitt, der über klassischen Pornokonsum hinausgeht. Sexualpsychologin Stefanie Gonin-Spahni erklärt: «Es passiert eine Art Konditionierung. Man kreiert sich selber einen Reiz, den man immer wieder wiederholt und weiter spezifiziert.» Wer sich wiederholt sehr ähnliche erotische Inhalte ansieht, trainiert sein Erregungssystem genau darauf.
Dadurch kann sich der Bereich dessen, was sexuell erregt, zunehmend verengen. Szenen oder Praktiken, die früher gereicht haben, wirken weniger stark. «Es kann zum Beispiel sein, dass Menschen weniger Lust auf Sex im realen Leben haben», sagt Gonin-Spahni – nicht wegen fehlender Nähe, sondern weil reale Situationen mit den stark zugeschnittenen KI-Bildern nicht mithalten können.
Wenn Menschen sexualisiertes Material ohne Einwilligung erstellen können, beeinflusst das Einstellungen zum Konsens in der Realität.
Diese Entwicklung wirkt sich potenziell auf das Wohlbefinden aus: «Auch wenn man mit jemandem intim sein möchte, reagiert der Körper nicht mehr so wie früher. Das kann verunsichern und erheblichen Leidensdruck auslösen», sagt Gonin-Spahni.
Zustimmung wird zur Nebensache
Neben individuellen Effekten sieht die Sexualpsychologin eine gesellschaftliche Dimension. «Wenn Menschen sexualisiertes Material ohne Einwilligung erstellen können, beeinflusst das Einstellungen zum Konsens in der Realität. Aus der Praxis sehe ich hier eine grosse Gefahr», warnt Gonin-Spahni. Was technisch einfach verfügbar ist, wird schneller als normal empfunden – mit möglichen Auswirkungen auf einvernehmliches Verhalten bei Begegnungen im echten Leben.
Trotz der Risiken sieht Gonin-Spahni auch Potenzial: KI-Erotik könne ein Raum zur Erkundung des eigenen Sexuallebens sein. Ohne Reflexion und Regulierung droht jedoch eine Entwicklung, die für Befinden, Beziehungen und Begegnungen ernstzunehmende Folgen haben kann.