Während andere in diesem Alter vor allem auf Erinnerungen zurückblicken, arbeitet Margrit Sprecher bereits an ihrer nächsten Geschichte. «Ich bin im Schlussspurt», sagt sie und erklärt: «Meine neueste Reportage erscheint bereits nächste Woche.» Es gehe um Kinder portugiesischer Gastarbeiterfamilien, die in St. Moritz mit Gucci-Taschen und den neuesten Elektrogadgets vor der Nase aufwachsen – ohne Perspektive, jemals selbst so ein Leben führen zu können.
«Es ist ungerecht! Aber moralische Reportagen liest niemand gern.» Deshalb wolle sie nicht belehren, sondern erzählen. «Man muss zeigen, wie es ist.» Genau das macht Margrit Sprecher seit Jahrzehnten. Über tausend Reportagen hat sie geschrieben, unzählige Menschen getroffen, Schicksale gehört und Milieus betreten, die anderen verborgen bleiben.
Ich interessiere mich einfach für Menschen. Wenn ich jemand Neues treffe, möchte ich alles über diese Person erfahren.
Als Primarschülerin machte Margrit Sprecher in ihrer Heimatstadt Chur extra einen Umweg, um am Redaktionsgebäude des «Freien Rätiers» vorbeizukommen. «Ich war so neugierig, was dort drin vor sich geht», erinnert sie sich. Diese Neugier ist bis heute ihr Antrieb: «Ich interessiere mich einfach für Menschen. Und wenn ich jemand Neues treffe, möchte ich alles über diese Person erfahren.»
Für ihre Reportagen nimmt sich Sprecher Zeit. Viel Zeit. Besonders seit sie als freie Journalistin arbeitet, bleibe sie so lange an einer Geschichte, bis sie die Geschehnisse bis ins letzte Detail erfassen könne. «Wie ein Apfel, der erst vom Baum fällt, wenn er reif ist, soll auch meine Geschichte erst dann veröffentlicht werden.»
Der Blick hinter die Kulissen
Diese Ausdauer und Geduld prägen ihre Arbeit. Sprecher geht nahe an Menschen heran, hört zu, beobachtet und wartet ab. Sie interessiert sich nicht nur für das Ereignis, sondern für das Leben dahinter.
Fast 20 Jahre arbeitete sie als Gerichtsreporterin, empfand die klassische Berichterstattung aber zunehmend als unbefriedigend. Vor Gericht werde zwar verhandelt, was jemand getan habe, sagt sie. Aber kaum jemand frage, warum jemand etwas getan habe. «Fast niemand wird als Bösewicht geboren. Erst das Leben bringt das hervor. Oder der Zufall.»
Ich lebe immer mitten in der Sekunde.
Nach ihrer Pensionierung beschäftigte sie sich vor allem mit grossen Fällen und den Schicksalen dahinter. Ihre Texte sind oft kritisch, immer von persönlicher Haltung geprägt und vielfach ausgezeichnet.
Ein Leben «immer mitten in der Sekunde»
Seit 65 Jahren lebt Margrit Sprecher in Zürich. Heimat ist die Stadt für sie trotzdem nur bedingt geworden. Zürich sei für sie lange Zeit eher ein Trampolin gewesen, um möglichst schnell herumzureisen. Schön sei die Stadt dennoch, sagt sie, etwa der See, in dem sie bis heute gern schwimmt. Wirklich zu Hause fühle sie sich nirgends, auch nicht in Graubünden, wo sie im Engadin zum Langlaufen gehe, erzählt sie munter, als wäre ihr 90. Geburtstag noch weit entfernt.
«Ich habe mich nie jung gefühlt, aber auch nie alt. Ich lebe immer mitten in der Sekunde», sagt sie. Geburtstage habe sie nie gefeiert. Dass sie nun 90 werde, überrasche sie selbst. Ist das ihr Geheimnis? «Nein, das Geheimnis ist der Beruf. Als Reporterin muss man sich so oft auf neue Situationen einstellen und Gegebenheiten wieder umstellen – das hält lebendig.»