Glaube beginnt nicht immer in Kirchenbänken: Für die 18-jährige Amanda startete ihre spirituelle Reise mit einem Tiktok-Video – heute betet sie mehrmals täglich, trägt ein Kreuz um den Hals und liest regelmässig in der Bibel.
Sie bezeichnet sich selbst als gläubige Christin, dabei war Religion in ihrer Kindheit kaum präsent. Zwar ist sie katholisch aufgewachsen, doch weder sie noch ihre Familie lebten den Glauben aktiv aus.
Der Weg zum Glauben durch eine Krise
Als Jugendliche litt Amanda stark unter Mobbing und musste schliesslich die Schule wechseln. Sie erkrankte an einer Depression. Therapien und Antidepressiva halfen kaum. Halt fand sie schliesslich auf Tiktok. Über christliche Inhalte auf der Plattform begann sie, sich intensiver mit dem Glauben auseinanderzusetzen und sich Gott zuzuwenden.
«Das ist das Einzige, was mir wirklich Halt gibt», sagt sie. Der Glaube schenke ihr Hoffnung und ein Lächeln, das sie anderen Menschen weitergeben könne.
Eine ähnliche Geschichte erzählt Delia, zwei Jahre älter als Amanda und selbstständige Nageldesignerin. Auch sie stammt aus einer katholischen Familie, ist jedoch nicht religiös aufgewachsen. Über Tiktok tauchte sie zunächst in die Welt von Spiritualität und Astrologie ein. «Es war crazy. Ich habe Leute als erstes nach ihrem Sternzeichen gefragt», sagt sie rückblickend. Heute spielt Astrologie für sie keine grosse Rolle mehr. Delia ist seit etwa einem Jahr gläubige Christin, betet viel und besucht gelegentlich eine Freikirche. Auch ihr habe der Glaube durch eine persönliche Krise geholfen, denn sie litt unter Angstzuständen.
Religion ohne Institution
Rebekka Rieser forscht an der Universität Zürich zu digitaler Religion und untersucht, wie sich religiöse Praxis verändert. Zum Paradox der hohen Zahl von Kirchenaustritten und gleichzeitig zunehmender Religiosität bei jungen Menschen meint sie: «Wenn man Religion ausschliesslich über Kirchenmitgliedschaft misst, betrachtet man nur die klassische, institutionalisierte Form».
Das bedeute jedoch nicht, dass Menschen nicht glauben. In der Forschung spreche man von «Believing without belonging» dem Glauben ohne Zugehörigkeit zu einer Institution. Dieses Phänomen sei schwerer zu erforschen. Durch digitale Medien entstünden neue Formen von Religiosität. Gerade junge Menschen seien auf der Suche nach Orientierung und Religion biete dafür einen fruchtbaren Nährboden.
Glaube auf TikTok
Auf Tiktok posten Amanda und Delia hauptsächlich Videos über ihren Alltag, Make-up oder ihr Leben als junge Frauen. Dazwischen finden sich vereinzelt Inhalte, die sich explizit mit Jesus, Gott und dem christlichen Glauben beschäftigen.
Wegen Hassnachrichten hat Amanda jedoch entschieden, über ihren Glauben vor allem in Livestreams zu sprechen, statt in öffentlichen Kommentarspalten, wo sie den direkten Austausch besser moderieren kann. Für sie habe Religion eigentlich nichts mit Tiktok zu tun, sondern sei etwas sehr Persönliches. Gleichzeitig sieht sie die Plattform als Chance: «Wenn man die Möglichkeit hat, das Christentum auf eine moderne Art mit einem Knopfdruck zu verbreiten, wer bin ich, dass ich das nicht mache?»
Auch Delia erzählt Menschen offen von ihrem Glauben. Sie wolle das Evangelium verkünden. Ihr werde jedoch manchmal vorgeworfen, sie würde anderen den Glauben aufzwingen. Dazu sagt sie klar: «Ich zwinge dir nichts auf. Ich erzähle dir einfach davon. Was du damit machst, ist deine Entscheidung.»
Rebekka Rieser ordnet ein: Missionarisches Handeln sei Teil vieler christlicher Traditionen. Die Frage, die sich stelle, sei, ob diese Aufgabe auch bei Laien liege. Wer den Glauben aktiv verbreite, nehme eine bestimmte Rolle ein, beispielsweise als Vorbild oder Bezugsperson und versuche bewusst, andere zu erreichen und zu beeinflussen. Für viele sei das Ausdruck dessen, was sie als göttlichen Auftrag verstehen.
Verzicht und klare Grenzen
In gewissen Lebensbereichen vertreten Amanda und Delia klare Werte, die sich auch überschneiden. Sie gehen nicht in Clubs, trinken kaum Alkohol und gehen anders mit Dating um, als viele Gleichaltrige. Bei Themen wie Freizügigkeit, Fluchen oder Musik sind sie weniger streng, wie sie erzählen. «Ich picke mir Dinge aus der Bibel heraus, die in meinem modernen Leben Sinn machen und meine Beziehung zu Gott widerspiegeln», sagt Amanda. Komplett nach der Bibel zu leben, sei heute kaum möglich.
Wahre Freunde bringen dich in die Kirche und nicht in den Club.
Sie zieht jedoch eine klare Grenze, wenn es darum geht, in Clubs zu gehen: «Meine Meinung ist: Wahre Freunde bringen dich in die Kirche und nicht in den Club.» Tanzen, Alkohol und Freizügigkeit gäben ihr nichts, schon gar nicht im Vergleich zu dem, was sie im Glauben finde.
Delia spricht über Rollenbilder und meint, dass sie später, wenn sie Kinder habe, zu Hause bleiben wolle. Für solche Aussagen ernte sie viel Kritik. Man bezeichne sie als antifeministisch und sage ihr, sie schätze nicht, wofür Frauen in der Vergangenheit gekämpft hätten. Für sie stimme dieses Rollenbild, sie habe es so von zu Hause mitbekommen. Mann und Frau seien unterschiedlich geschaffen, sagt sie, und Gott habe dafür einen Grund. Auch dazu hat sie bereits ein Tiktok-Video veröffentlicht, in dem sie sagt: «Es gibt Dinge, die Frauen besser können, und Dinge, die Männer besser können.»
Rebekka Rieser verweist darauf, dass es Forschung gebe, die eine Verbindung zwischen Christentum, konservativen Werten und klassischen Rollenbildern zeige. Problematisch könne es dann werden, wenn sich Menschen nur noch in einer bestimmten digitalen Blase bewegten und ausschliesslich Inhalte konsumierten, die ihre Sicht bestätigen.
Eine digitale Gemeinschaft
Amanda und Delia haben sich über Tiktok kennengelernt. Sie bewegen sich in ähnlichen digitalen Glaubensräumen und waren bereits gemeinsam in Livestreams zu sehen. Während Delia auch offline Anschluss an eine kirchliche Gemeinschaft findet, ist Amandas Community vollständig digital.
«Ich bin eine der einzigen jungen Menschen in meinem Dorf, die regelmässig in die Kirche geht», sagt sie. Für sie ist Tiktok der Ort, an dem sie Gleichgesinnte findet und ihren Glauben leben kann.