Bewegung ist gut fürs Wohlbefinden. Sie zeigt vergleichbare Wirkung wie Psychotherapie und Psychopharmaka, die gegen Depressionen und Angstzustände eingesetzt werden. Nun ist im «British Journal of Sports Medicine» eine Studie erschienen, die zeigt, dass Ausdauersport wie Laufen und Schwimmen, aber auch Tanzen, besonders wirksam ist – und sogar teils bessere Ergebnisse zeigt als traditionelle Behandlungsmöglichkeiten. Das ist insbesondere bei milden bis mittleren Depressionen und Angsterkrankungen der Fall. Julia Christensen ist Psychologin, Neurowissenschaftlerin und ehemalige Profiballetttänzerin. Sie erklärt die Hintergründe.
SRF News: Warum ist Tanzen so wirksam gegen Depressionen und Angstzustände?
Julia Christensen: Beim Tanzen kommen drei essenzielle Elemente für unsere Gesundheit zusammen. Tanzen ist eine aerobe Sportart und unsere Herzrate befindet sich bei über 140 Schlägen pro Minute. Der zweite Aspekt ist sozialer Natur. Wir haben andere Leute um uns herum.
Besonders gesund ist der Hobby-Tanz – dieses nicht so ganz Verkopfte.
Und drittens ist beim Tanzen die Musik dabei. Die Emotionsregulation kommt durch die Musik so richtig zum Tragen, was bei vielen anderen Sportarten nicht der Fall ist. Und ein gesunder Körper hilft der Gesundheit der Psyche.
Worauf muss man beim Tanzen achten, damit es gesund ist?
Besonders gesund ist der Hobbytanz – dieses nicht so ganz Verkopfte, wo wir keinen Wettbewerb vor uns haben. Wir haben eine Studie gemacht, in der wir den Menschen ganz simple Armbewegungen beigebracht haben, um zu sehen, ob man die Stimmung durch fünf bis acht Minuten Tanzen aufhellen kann. Und siehe da: Nach nur fünf Minuten simple Armbewegungen hatten die Menschen schon eine bessere Stimmung – und ihre Arbeitsmotivation stieg auch an. Es muss also nicht unbedingt ein besonders schwerer Tanz sein.
Wie wichtig ist der soziale Aspekt beim Tanzen?
Wenn wir andere Menschen sehen, uns synchron bewegen, wenn wir einander anlächeln – all das setzt neurobiologische Effekte in unserem Körper und Gehirn in Gang, die gut für die Regulierung unserer körperlichen Gesundheit sind und anscheinend auch etwas damit zu tun haben, wie wir uns psychisch fühlen. Man kann natürlich auch hinausgehen und mit lieben Menschen zusammen sein. Aber für einige Menschen ist das gar nicht so einfach. Tanzen in der Tanzcommunity bietet oft die Möglichkeit für ganz simple soziale Interaktion. Und schon die ist für unser Gehirn ganz besonders wertvoll.
Das Tanzen scheint uns tatsächlich in die Wiege gelegt zu sein.
Sich gemeinsam synchron bewegen hat zudem den Effekt, dass Menschen sich hinterher mehr mögen, empathischer miteinander umgehen, sich mehr helfen und Probleme besser gemeinsam lösen können. Es hat auch einen bindenden Effekt, wenn man gemeinsam tanzt. Das ist auch gut für die Stimmung.
Viele Kleinkinder beginnen zu tanzen, wenn sie Musik hören. Ist Tanzen etwas Urmenschliches?
Das Tanzen scheint uns tatsächlich in die Wiege gelegt zu sein. Babys können bereits wenige Stunden nach der Geburt im Gehirn rhythmische Töne simulieren. Das passiert nicht, wenn man ihnen Sprache oder zufällige Töne vorspielt. Und auch bei Kleinkindern lässt sich diese Freude am Tanzen wirklich schon nachweisen. Es scheint eher so, dass wir als Erwachsene nach und nach langsam das Tanzen verlernen, als dass wir es überhaupt erst mal lernen müssten. Wir müssten es wieder erlernen.
Was sind die Grenzen der therapeutischen Wirkung von Tanzen?
Man kann nicht sagen, dass Tanzen Depressionen heilt. Es ist eine wunderbare Zusatztherapieform, die sicherlich nicht falsch ist.
Das Gespräch führte Matthias Kündig.