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Ungarn: Unfrieden trotz 100 Jahre Friedensvertrag
Aus Echo der Zeit vom 22.05.2020.
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100 Jahre Vertrag von Trianon «Ungarn war der grösste Verlierer des 1. Weltkriegs»

Ungarn hat im «Trianon-Vertrag», der nach dem 1. Weltkrieg am 4. Juni 1920 in Versailles unterzeichnet wurde, einen Grossteil seines Territoriums verloren. Im Interview nimmt Maria Schmidt zu den Folgen von Trianon Stellung. Sie gilt als «Haushistorikerin» von Ministerpräsident Viktor Orban und war im ersten Kabinett Orbans zwischen 1998 und 2002 seine Beraterin.

Maria Schmidt

Maria Schmidt

Ungarische Historikerin

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Die 66-jährige Maria Schmidt ist Geschichtsprofessorin und Leiterin des «Hauses des Terrors» in Budapest. Das Museum wurde 2002 unter der ersten Regierung Orban eröffnet. Es soll gleichermassen der Opfer des Faschismus und Kommunismus gedenken. Ein deutlich grösserer Teil des Museums ist allerdings der kommunistischen Herrschaft gewidmet. (Bildquelle: Screenshot youtube.com, Athens Democracy Forum).

SRF News: Vor hundert Jahren wurde der «Trianon-Vertrag» unterzeichnet. Was bedeutet er für Sie nach so langer Zeit?

Mária Schmidt: Für mich persönlich sind die hundert Jahre seither eine Erfolgsgeschichte. Obwohl die Politiker und die Mächte, die uns diesen Frieden aufoktroyiert haben, wollten, dass Ungarn aufhört zu existieren, haben wir gezeigt, dass wir lebensfähig sind. Wir hatten genügend Lebenskraft und Talent, diese hundert Jahre zu überstehen, und im 21. Jahrhundert als freies und unabhängiges Land in Europa unseren Platz einzunehmen.

Ungarn-Karte
Legende: Schraffiert: Ungarn vor dem 1. Weltkrieg / braun: heutige Länder mit ungarischsprachiger Bevölkerung. SRF

Ungarns Regierung spricht oft von Zusammenarbeit mit den Nachbarländern, distanziert sich aber nicht komplett von jenen rechtsgerichteten Gruppen, die den Vertrag noch immer revidieren wollen. Ist das ein politisches Manöver, Wähler von ganz rechts abzuholen?

Die Absicht der Friedensmacher in Versailles war, dass wir uns in Zentraleuropa immer als Feinde betrachten. Aber wir haben in diesem neuen Jahrhundert erreicht, dass wir uns als Interessensgemeinschaft auffassen und zusammenarbeiten können. Was die rechtsradikalen Partien betrifft: Da sollten Sie die linken Parteien fragen, die mit denen in Koalition auftreten.

Die ungarische Regierung distanziert sich Ihrer Ansicht nach genügend von diesen sehr rechten Positionen?

Diese Ultrarechten arbeiten mit den Sozialisten, den Neoliberalen und den Oppositionellen zusammen. Sie treten gemeinsam auf. Warum diese Leute zusammenarbeiten, müssen Sie dort erfragen.

Ungarns Regierung unterstützt die ungarischen Minderheiten in den Nachbarländern mit ziemlich viel Geld. Fehlt denn das Geld nicht in Ungarn selber?

Die Ungarn, die dort leben, haben diese Trennung nicht selber gewählt, sondern wurden von der Geschichte in ein anderes Land gespült. Ich bin der Meinung, wir sollen Solidarität zeigen. Nach Möglichkeit auch gegenüber verfolgten Christen und anderen Personen auf dem Balkan.

Es geht also um Solidarität, nicht einfach um Wählerstimmen?

Diese Frage ist eine rein politische Frage, die Sie Politikern stellen sollten.

Das Friedensdiktat war ungerecht
Autor: Maria Schmidt

Einige Historiker kritisieren, in Ungarn werde im Gedenken an Trianon einseitig eine Art Opfermythos gepflegt und die Frage der Mitschuld ausgeklammert.

Ich weiss nicht, welche Stimmen Sie zitieren. Ich bin der Meinung, wir waren der grösste Verlierer des 1. Weltkriegs. Das Friedensdiktat war ungerecht. Ungarn hat beim Ausbruch des 1. Weltkriegs keine bedeutende Rolle gespielt. Der damalige Ministerpräsident hat bis zuletzt gegen den Krieg gestimmt. Diesen grossen Verlust haben wir deshalb gar nicht verdient.

Also ist es kein Mythos, sondern Ungarn ist ein tatsächliches Opfer?

Ja, das ist leider eine Tatsache. Und damit müssen wir uns abfinden.

Das Gespräch führte Sarah Nowotny.

Video
Aus dem Archiv: Der Traum vom Grossreich
Aus Tagesschau vom 05.06.2014.
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Echo der Zeit, 22.5.2020, 18:00;

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Daniel Jetel  (danjet)
    Das Königreich Ungarn hatte in der territorialen, politischen und rechtlichen Gestalt von 1918 so oder so keine Zukunft. Durch die radikale Magyarisierungspolitik und die Verweigerung jeglicher Minderheitenrechte hat es sein Existenzrecht quasi verwirkt. Die nicht-magyarischen (bzw. besser nicht-magyarisierten) Ethnien strebten verständlicherweise nach Unabhängigkeit oder Anschluss an die jeweilige "Brudernation". Die Umsetzung der Auflösung Ungarns ist dann ein anderes Kapitel.
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  • Kommentar von Marco Glauser  (Semmeringer)
    Alle damals führenden Mächte haben Schuld am Ausbruch des Weltkriegs. Der grösste Fehler war dass man von der gängigen Praxis abgerückt ist, die Besiegten an der Nachkriegsordnung miteinzubeziehen, wie seit 1648 üblich. Österreich und Ungarn wurden sehr unfair behandelt. Gewisse Entscheidungen lassen einen sprachlos zurück wie Südtirol oder Deutschböhmen. Die grösste Schuld daran haben Clemenceau und Edvard Benes, fanatische Deutschenhasser, denen jede Demütigung des Gegners recht war.
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    1. Antwort von Daniel Jetel  (danjet)
      Bei der Grenzziehung spielten neben polit. v.a. strateg. und ökonom. Überlegungen eine Rolle. Daher schlug man die dt. Gebiete Böhmens der Tschechoslowakei zu, was auch für diese Gebiete Sinn machte, da sie seit Jahrhunderten Bestandteil Böhmens waren und mit den tschech. Gebieten verflochten waren. Überlebensfähig wären sie nur bei einem Anschluss an das Dt. Reich, was aber 1919 seitens der Sieger nicht in Frage kam und auch in Berlin nicht auf der Tagesordnung stand. Das änderte sich 1938.
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  • Kommentar von Robert Frei  (RFrei)
    Sehr einseitige Sicht. Ungarn war immerhin Teil des habsburgischen Reichs Österreich/Ungarn und somit am Ausbruch des .Weltkrieges mit beteiligt und sollte auch die Verantwortung hierfür mit tragen. Dass der Vertrag von Trianon keine weltpolitische Meisterleistung war, ist heute allen (ausser Italien) ziemlich klar. Aber Ungarn war sicherlich nicht das einzige Opfer, man denke beispielsweise an das geraubte Südtirol oder die Krain, oder die deutschsprachigen Gebiete in der Tschechoslowakei.
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    1. Antwort von Mihai Löchli  (Siebenbürgen)
      Ja, waren auch andere Opfer, aber deswegen steht da "der grösste Opfer". Was ist Südtirol im vergleich mit mehr als die Hälfte des Landes?
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    2. Antwort von Manuela Fitzi  (Mano)
      Das war ein Staatenbündnis, auch aus militärischer Hinsicht. Ihre Position wirkt so, als ob Sie die NATO-Nächte beschuldigen würden, Teil des Konfliktes zu sein - obwohl sie vertraglich dazu verpflichtet sind, an der Seite des anderen zu kämpfen. Ich denke, da darf man sich die Schuldfrage sparen.
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