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Niederlande: Lieber langsamer fahren als Wohnungsbau stoppen
Aus SRF 4 News aktuell vom 13.03.2020.
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100 km/h in den Niederlanden «Begeistert sind die wenigsten»

Auf den Autobahnen in den Niederlanden gilt ab Montag von 6 Uhr morgens bis 19 Uhr am Abend Tempo 100. Nachts gilt weiterhin Tempo 130. So will man die hohen Stickoxidwerte in der Luft bekämpfen. Die Journalistin Elsbeth Gugger geht davon aus, dass sich die Leute an die neue Regel gewöhnen werden.

Elsbeth Gugger

Elsbeth Gugger

Niederlande-Korrespondentin, SRF

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Die Journalistin arbeitet seit 1992 als Korrespondentin aus den Niederlanden für SRF und «NZZ am Sonntag». Vorher war sie bei der Schweizerischen Depeschenagentur tätig.

SRF News: Wie wird das Tempolimit in den Niederlanden aufgenommen?

Elsbeth Gugger: Man kann es sich vorstellen: Begeistert sind nur die wenigsten. Aber immer mehr Menschen sehen ein, dass die Höchstgeschwindigkeit gesenkt werden muss, damit die Stickoxidwerte sinken, und damit weiter gebaut werden kann. Es ist für viele ein notwendiges Übel. Die Polizei erwartet denn auch, dass sich die Mehrheit früher oder später auch an Tempo 100 tagsüber halten wird.

Mit welcher Begründung hat die Regierung die Massnahme eingeführt?

Im Mai hat das oberste Verwaltungsorgan 18'000 Bauprojekte stilllegen lassen, respektive die Bewilligungen dafür zurückgezogen. Der Grund dafür waren die sehr hohen Emissionen beim Bau. Bevor diese nicht gesenkt würden, gebe es kein Bauen mehr, hatte es beschlossen. Seitdem ist die Regierung fieberhaft auf der Suche nach Massnahmen, wie sie die Werte reduzieren könnte. Eine der Massnahmen, die laut Experten im Verkehrsministerium tatsächlich etwas bewirkt, ist eben diese Temporeduktion von morgens bis abends auf den Autobahnen.

Die Niederlande werden von einer konservativen Koalition geführt. Tragen die Koalitionspartner diese Massnahmen einfach so mit?

Premierminister Mark Rutte ist von der rechtsliberalen VVD. Das ist eine Partei, der das Auto hoch und heilig ist. Es waren denn auch sehr viele Sitzungen nötig, bis Rutte und seine Parteikolleginnen und -kollegen davon überzeugt werden konnten. Für die anderen drei Koalitionsparteien war diese Temporeduktion ein wesentlich weniger heisses Eisen. Für die VVD war es aber wirklich eine harte Nuss. Als Rutte die Temporeduktion im November ankündigte, sprach er denn auch von einer «beschissenen Massnahme».

Wären andere Massnahmen möglich gewesen?

Laut Experten ist die Tempolimite auf die Schnelle die sinnvollste Massnahme. Sie konnte innerhalb von vier Monaten realisiert werden. Aber zweifellos werden andere Sektoren, vor allem die Landwirtschaft, auch etwas beitragen müssen. Es werden im Verlauf der nächsten Jahre sicher noch mehr Massnahmen folgen, um die schädlichen Emissionen zu senken.

Mark Rutte
Legende: Mark Rutte spricht von einer «beschissenen Massnahme», hat ihr aber letztlich zugestimmt. Keystone

Wie viel des Schadstoffes wird durch die Tempolimite effektiv eingespart?

Laut Experten sind es 0.3 Prozent. Das klingt nach wenig, doch könne damit der Wohnungsbau für dieses Jahr gerettet werden, sagt die Regierung. Konkret sollen dieses Jahr 75'000 neue Wohnungen realisiert werden. Sie sind auch dringend nötig. Amsterdam oder Rotterdam platzen aus allen Nähten.

Wird man die niederländischen Bauern also verschonen?

Nein, ganz und gar nicht. Es ist die Ruhe vor dem grossen Sturm. Sie sind zum grössten Teil für die Stickstoffemissionen verantwortlich. Im Moment werden Gespräche geführt darüber, welche Bauern bereit wären, aufzugeben. Es geht dabei in erster Linie um jene Höfe, die an einem oder in der Nähe eines Naturschutzgebietes liegen. Beabsichtigt ist, dass sie dann von der Regierung aufgekauft werden. Da gibt es noch sehr viel Uneinigkeit und Unklarheiten.

Die Bauernlobby will nicht wahrhaben, dass ihr Sektor für so viel Stickstoffausstoss verantwortlich ist.

Denn es gibt eine sehr starke Lobby, die nicht einmal zum Gespräch bereit ist. Diese Bauern zweifeln die Angaben der Regierung an. Sie wollen nicht wahrhaben, dass ihr Sektor für so viel Stickstoffausstoss verantwortlich ist.

Das Gespräch führte Janis Fahrländer.

SRF 4 News, 13.03.2020, 07.45 Uhr;

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31 Kommentare

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  • Kommentar von Hans Fürer  (Hans F.)
    Ausserdem sollte man wieder einmal in Erinnerung rufen, dass es bei hohen Geschwindigkeiten viel eher zu Staus kommt, was den vermeintlichen zeitlichen Vorteil schnell vernichtet.
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  • Kommentar von Andy Gasser  (agasser)
    100km/h dafür für alle Fahrzeuge inklusive Lastwagen und Anhänger würde deutlich mehr bringen. Heute haben wir 40km/h differenz zwischen der linken und rechten Fahrspur. Das Thema Linksfahrer hätte sich, mit einem einheitlichen Tempolimit, ja so gut wie erledigt.
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  • Kommentar von Marcel Chauvet  (xyzz)
    Mache immer wieder die Erfahrung, dass ausländische PKW-Fahrer, die in ihren Heimatländern Tempolimits haben, ihre Kisten dann auf den leider kostenlosen deutschen Autobahnen auf Hochtouren laufen lassen. Schilder mit Geschwindigkeitsbegrenzungen (z.B. wegen Lärmschutz) werden von ihnen oft geflissentlich ignoriert. Auf den süddeutschen Autobahnen bemerke ich immer wieder, dass sich österreichische und CH-Fahrzeuglenker aufführen, als wäre Deutschland ihre Kolonie.
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